Medizintechnik Bayreuther Unternehmen Biocer liefert in 60 Länder

Die Biocer-Geschäftsführer Markus Heinlein (links) und Frank Heidenau wollen mit ihren Medizintechnik-Produkten am Standort Bayreuth wachsen. Foto: Andreas Harbach

BAYREUTH. Leistenbruch – das ist hierzulande mit rund 250.000 Fällen pro Jahr eine der häufigsten Operationen. Um die Schwachstelle in der Leistengegend zu stabilisieren, verwenden die Chirurgen meist ein Netz. Eine Firma, die solche Netze herstellt, sitzt in Bayreuth. Die Produkte von Biocer werden auch am Klinikum verwendet.

Wenn Oliver Ponsel erklärt, worauf es bei einem Netz ankommt, das der Chefarzt der Chirurgie am Klinikum Bayreuth und seine Kollegen bei Leistenbruch-OPs verwenden, dann kommt man als Laie etwas ins Gruseln. Leicht muss es sein, um das Risiko innerer Narben zu minimieren. Große Poren sollte es haben, damit das Körpergewebe möglichst problemlos hindurchwachsen kann. Und es muss so beschichtet sein, dass sich zum einen keine Bakterien anlagern können und der Körper das Netz zudem nicht versucht abzustoßen oder einzukapseln. „Wenn das doch passiert und sie so etwas operieren müssen, dann sieht das schon übel aus“, sagt Ponsel.

Die Netze, die der kleine Bayreuther Hersteller Biocer herstellt, erfüllen diese Anforderungen, betonen die Geschäftsführer Frank Heidenau und Markus Heinlein, und das bestätigt auch Ponsel. Mehr als 200 der Biocer-Netze setzen er und sein Team im Jahr ein. Auch, „um ein heimisches Unternehmen zu unterstützen, das sehr gute Qualität liefert“.

Zulassung muss alle fünf Jahre erneuert werden

Eine Qualität, für die sie sich bei Biocer richtig ins Zeug legen müssen. Und zwar nicht nur mit ständigen internen Kontrollen. Zusätzlich kommt mindestens einmal im Jahr der TÜV, der dann alle Abläufe unter die Lupe nimmt. Und weil die Zulassung von Medizintechnikprodukten, anders als im Pharmabereich, alle fünf Jahre verfällt und völlig neu erworben werden muss, stehen in regelmäßigen Abständen noch viel aufwendigere Zertifizierungen an. Und das gilt nur für den EU-Markt. Da Biocer laut Heinlein in gut 60 Länder liefert, kommen aber auch von dort regelmäßig Prüfer – aus China, aus den USA, aus den Golfstaaten ...

Lückenlose Dokumentation

Hinzu kommt eine lückenlose Dokumentation der Produktion. „Sollte mit einem unserer Netze wirklich mal etwas nicht stimmen, lässt sich vom Faden bis zum Patienten alles nachvollziehen“, sagt Heidenau. Außerdem gibt es besondere Sicherheitsanforderungen. So sind alle Türen im Unternehmen nur mit besonderen Decodern zu öffnen, wobei nicht jeder Mitarbeiter überall Zugang hat – eine Vorschrift der US-Gesundheitsbehörde FDA.

Extrem reine Luft

Damit alle Qualitätsanforderungen erfüllt werden können, braucht es unter anderem eine Produktion in einem sogenannten Reinraum. Geschäftsführer Heidenau erzählt von extra gereinigtem Wasser, das dort benutzt wird, vor allem aber von besonders reiner Luft. 5000 Kubikmeter werden pro Stunde in dem 40 Quadratmeter großen Raum ausgetauscht. Ein Kubikmeter enthält höchstens fünf Partikel von der Größe eines Mikrometers. Worunter sich ein Laie natürlich nichts vorstellen kann. Und so nennt Heidenau ein Beispiel: „Das ist so, als wenn im ganzen Bodensee fünf Murmeln versteckt wären.“ Betreten kann man den Raum nur durch eine Schleuse und mit spezieller Kleidung – ein Vorgang, der rund zehn Minuten dauert.

Beschichtung basiert auf Titan

Das aus Kunststoffe bestehende Netz an sich bezieht Biocer von einem Zulieferer, der es nach strengen Vorgaben herstellt. In Bayreuth wird es dann mit einem Laser zugeschnitten, ehe es in den Reinraum eingeschleust wird. Dort findet „der eigentliche Trick“ statt, wie Heidenau das Verfahren nennt. Auf das Netz wird eine auf Titan basierende Tauchbeschichtung aufgetragen. Diese sorge für die angestrebte hohe Bioverträglichkeit.

Spezialnetze werden bei Brust-OPs eingesetzt

Rund 70 Euro kostet ein Netz für eine Leistenbruch-OP die Krankenhäuser. Es gibt aber auch andere Anwendungen, die bis zu 350 Euro kosten können. Ein solches Spezialnetz kommt etwa dann zum Einsatz, wenn Krebspatientinnen eine Brust abgenommen werden musste und diese dann plastisch wieder aufgebaut wird.

Trotzdem sind noch Wünsche der Chirurgen offen. Umso nützlicher ist der Austausch zwischen den Entwicklern des Unternehmens und den Ärzten des Klinikums. „Da wird über Größe, Gewicht, Porengröße und weitere Anforderungen diskutiert“, berichtet Klinikums-Pressesprecher Frank Schmälzle: „Beide Seiten profitieren von diesem Austausch.“ Und so wissen sie bei Biocer jetzt zum Beispiel, dass Ponsel und Co. für die Versorgung von Nabelbrüchen noch größere Netze brauchen.

Zweites Standbein Blutstiller

In dem Zusammenhang berichtet Heidenau von „mehreren neuen Produkten und Weiterentwicklungen, die wir in der Pipeline haben“. Zweites Standbein des Unternehmens ist ein Blutstiller auf Basis von Kartoffelstärke mit immenser Saugkraft. Sie werden bei jeder Art von Operationen eingesetzt, im Klinikum werden sie vor allem in der Herzchirurgie genutzt.

Am Markt ist Biocer erst seit 2009. Jetzt gelte es, noch bekannter zu werden. Der Vertrieb über externe Partner soll bei gleichbleibend hoher Entwicklungsleistung intensiviert werden, sagen die Geschäftsführer.


Das Unternehmen

Biocer ist ein Medizintechnikhersteller mit Sitz in Bayreuth, der 1998 als Uni-Ausgründung unter dem Dach der Friedrich-Bauer-Stiftung entstand. Als eigene GmbH ist das Unternehmen seit 2009 am Markt, wobei die Friedrich Bauer GmbH auch heute noch der Hauptgesellschafter ist.

Mit 20 Mitarbeitern werden hauptsächlich zwei Produkte hergestellt: speziell beschichtete Netze, die bei der chirurgischen Versorgung von Leistenbrüchen eingesetzt werden, und hoch effektive Blutstiller auf Basis von Kartoffelstärke. 8000 der Netze verkauft das Unternehmen allein in Deutschland pro Jahr, doch beträgt der Exportanteil nach Angaben der Geschäftsführer Markus Heinlein und Frank Heidenau rund 70 Prozent.

Wichtigster Markt ist China, doch liefert Biocer in 60 Länder. Neben der EU sind das unter anderem Russland, die USA, Kanada, Brasilien, Argentinien, Australien oder die Golfstaaten. Der Umsatz wird in diesem Jahr rund drei Millionen Euro betragen, mit den Erträgen sind die Chefs "zufrieden".

Ziel ist es, am Standort in Bayreuth zu wachsen. Dieser lasse in seiner jetzigen Größe und Ausstattung eine Vervierfachung des Umsatzes zu. Die Mitarbeiterzahl soll mittelfristig um rund zehn auf dann 30 wachsen.

 

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