Neues Arbeitszeitmodell Bei Bella geht's auch an vier Tagen

Monika Kaiser (links) ist eine der Mitarbeiterinnen der Firma Bella Gardinenkonfektion, die das Angebot von Chefin Lisa Blechschmidt (rechts) einer Viertagewoche angenommen haben. Foto: Ralf Münch

GOLDKRONACH. Alle Welt spricht von flexiblen Arbeitszeitmodellen. Bei Bella Gardinenkonfektion werden jetzt Nägel mit Köpfen gemacht. Chefin Lisa Blechschmidt bietet ihren Mitarbeiterinnen die Viertagewoche mit langem Wochenende an. Gut die Hälfte der Belegschaft macht schon mit.

Monika Kaiser nutzt die neue Regelung. Die Näherin ist seit zehn Jahren bei Bella und musste nicht lange überlegen, als das Modell vor kurzem eingeführt wurde. Dass sie jetzt von Montag bis Donnerstag jeweils neuneinviertel Stunden arbeiten muss statt an fünf Tagen auf 37 Stunden zu kommen, macht ihr nichts aus. Dafür hat sie ja am Freitag frei.

„So ein langes Wochenende ist doch toll. Man hat mehr Zeit für sich, die ich zum Beispiel ganz gerne mal für einen Einkaufsbummel nutze“, sagt Monika Kaiser. Zumal sich das Ganze auch finanziell für sie lohnt. „Ich habe ja eine Hin- und Rückfahrt weniger.“ Da sie aus Helmbrechts nach Goldkronach pendelt, spart sie sich pro Woche immerhin rund 80 Kilometer.

Doch für jeden ist das trotzdem nichts. Auch Hildegard Hofmann kommt jeden Tag mit dem Auto zur Arbeit, muss dabei von Weißenstadt aus durchs Hohe Fichtelgebirge. Und trotzdem sagt sie: „Gut neun Stunden am Tag zu arbeiten, das ist mir zu stressig.“

Kein Zwang

Für Lisa Blechschmidt, die den Betrieb mit seinen gut 70 Mitarbeiterinnen und zwei Mitarbeitern zusammen mit ihrer Mutter Heike leitet, ist das kein Problem. Gezwungen wird niemand. „Natürlich wäre es schön, wenn alle mitmachen. Aber organisatorisch bekommen wir das gut geregelt“, sagt sie.

Und das sieht so aus: Drei Abteilungen hat das Unternehmen, in zwei davon ist die Mehrzahl bei dem Programm dabei. Diese beiden Abteilungen werden am Donnerstag nach Dienstschluss komplett geschlossen. Alle, die am Freitag da sein wollen, arbeiten dann regelmäßig in der dritten Abteilung. Für Lisa Blechschmidt hat das den Vorteil, dass sie Strom und Heizung spart. Geld, das sie später gern an ihre Mitarbeiterinnen „als neuen Lohnbaustein“ auszahlen würde.

Skepsis zu Beginn

Die Idee trägt sie schon rund zwei Jahre mit sich herum, hat sie immer wieder im Bekanntenkreis, aber auch mit anderen Unternehmern diskutiert und sich rechtlich beraten lassen. Bis sie sich entschied: „Das biete ich jetzt an.“  Dabei stieß sie in der Belegschaft am Anfang durchaus auf Skepsis. „Es gab Bedenken, ob wir damit irgendwas einsparen wollen.“

Doch die hätten sich schnell zerstreut. „Es geht uns wirklich darum, dass unsere Frauen mehr Zeit für sich haben und sich am langen Wochenende erholen können“, sagt Lisa Blechschmidt. Sie erhofft sich aber auch, dass ihre Mitarbeiterinnen weniger krank und noch motivierter sind und hat beobachtet: „Wir haben grundsätzlich ein gutes Betriebsklima. Aber am Donnerstag vor dem langen Wochenende ist die Stimmung bei uns am besten.“

Rückkehrrecht

Es gibt übrigens ein Hintertürchen – und zwar für beide Seiten. Kommt eine Mitarbeiterin mit den neuen Arbeitszeiten doch nicht zurecht, kann sie zum alten Rhythmus zurückkehren. Und auch Lisa Blechschmidt könnte das Modell wieder beenden, wenn es sich nicht rechnet: „Doch dafür gibt es keine Anzeichen – im Gegenteil.“ Sollte es die Auftragslage erfordern, werden Überstunden allerdings am Freitag gemacht.


Das Unternehmen

Bella Gardinenkonfektion stellt Gardinen und Übergardinen, Vorhänge, Raffrollos, Tagesdecken, Kissenhüllen, Tagesdecken oder Sitzbankauflagen her. Kunden sind Raumausstatter, Gardinenfachgeschäfte und Einrichtungs- und Möbelhäuser in ganz Deutschland, die wiederum ihre Kundenaufträge in Goldkronach fertigen lassen.

1971 als industrielle Konfektion für Großabnehmer gegründet, konzentriert sich das Unternehmen heute auf individuelle Auftragsfertigung. Aufträge können also ein paar Übergardinen fürs Wohnzimmerfenster im Eigenheim umfassen, aber auch die Ausstattung mit Gardinen und Rollos für ein ganzes Hotel, wobei die Einzelkonfektion etwa zwei Drittel der Umsätze ausmacht.

„Ohne diese Spezialisierung auf individuelle Aufträge könnte man als Lohnfertiger in Deutschland nicht überleben“, sagt Lisa Blechschmidt, die sich die Betriebsleitung mit ihrer Mutter Heike teilt.

Das Unternehmen ist als Familien-AG organisiert. Lisa Blechschmidt ist Mehrheitseignerin, ihre Eltern halten den Rest der Anteile.

Bei Bella arbeiten gut 70 Mitarbeiterinnen und nur zwei Männer, wobei die Belegschaft zuletzt kontinuierlich ausgebaut wurde. Deshalb wird auch regelmäßig zur Polster- und Dekorationsnäherin ausgebildet. Derzeit sind drei Auszubildende im Betrieb, für den Herbst werden noch neue gesucht.

 

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