FutureCarbon: Die Wandfarbe als Heizung

Das Geheimnis der weißen Wand lüftet sich erst mit einer Wärmebildkamera: FutureCarbon-Geschäftsführer Walter Schütz zeigt, wo die Kohlenstoff-Wandfarbe zur Heizung wird. Fotos: Andreas Harbach

Der Zeitpunkt scheint gut gewählt. In der Baubranche brummt es. Und genau in diesem Bereich will das Bayreuther Unternehmen FutureCarbon seine ersten Produkte platzieren, die ziemlich nah dran sind am Endkunden, nachdem bislang hauptsächlich industrielle Weiterverarbeiter beliefert wurden. Die Basis ist hier wie dort Kohlenstoff in winzig kleinen Strukturen, aber mit erstaunlichen Eigenschaften.

Der Nano-Wunderstoff kann Materialien extreme Festigkeit verleihen, er kann vor elektromagnetischer Strahlung schützen und er heizt sich auf, wenn man eine niedrige Stromspannung von gerade 24 Volt anlegt. Um letztere Eigenschaft geht es bei den vier neuen Produkten, die Geschäftsführer Walter Schütz und sein Team jetzt auf den Markt bringen. Für den Laien wohl am erstaunlichsten ist eine Farbe, der der Kohlenstoff beigefügt ist. Von speziell geschulten Handwerkern aufgebracht und dann mit normaler Wandfarbe übertüncht, werden Räume im Grunde über die Wand beheizt. Dabei braucht es laut Schütz für angenehmes Klima in einem 40 Quadratmeter großen Raum nur Strom – im Idealfall aus der eigenen Photovoltaikanlage – und vier jeweils einen Quadratmeter große Felder. Produktmanagerin Carola Troll ergänzt: „Sie können die Farbe ja an jeder Stelle der Wand verstreichen lassen. Wenn es also auf dem Sofa besonders kuschelig sein soll, dann muss man das Heizfeld einfach dahinter platzieren. Man heizt bei dieser Technik immer da, wo man es braucht.“

Eine ganze Produktfamilie

Schütz und Co. haben eine ganze Produktfamilie entwickelt, die sowohl bei Neubauten als auch bei Sanierung oder Ausbau Verwendung finden kann. Neben der Farbe an sich gibt es eine entsprechend ausgerüstete Folie, die sich vergleichsweise einfach als Fußbodenheizung verbauen lässt. Ebenfalls schon serienreif sind Infrarot-Heizungen aus Glas zum Beispiel fürs Bad. Und Trockenbauplatten, in die die Kohlenstoffheizung bereits eingebaut ist. Zusammen mit Netzteil und Kabeln fungiert FutureCarbon dabei als Systemanbieter.

Handwerker-Netzwerk

Der Markt soll von regional nach überregional entwickelt werden. Erste Produkte laufen bei Geschäftspartnern bereits, jetzt soll ein Handwerker-Netzwerk aufgebaut werden. Da es auf Fachmessen großes Interesse gab, scheint auch die überregionale Vermarktung nur eine Frage der Zeit. Dafür muss allerdings der Bereich Marketing und vor allem Vertrieb ausgebaut und damit die Zahl der Mitarbeiter von derzeit rund 20 aufgestockt werden.

Geduld ist gefragt

Es waren schon einmal ein paar mehr, doch in Absprache mit seinen Investoren hat Schütz zuletzt das Konzept entwickelt, sich in Sachen Endkundenmarkt zunächst auf eine Produktlinie zu konzentrieren. Die VRD Investment und der Wagniskapitalgeber MIG sitzen bei FutureCarbon im Boot. „Sie haben verstanden, dass man im Werkstoffbereich Geduld braucht, bis Endprodukte entwickelt sind“, sagt Schütz, aber: „Sie wollen natürlich auch Erfolge sehen.“

Grundstoffe für die Industrie

Was auch daran liegen dürfte, dass die 2002 gegründete Firma als Grundstofflieferant für die weiterverarbeitende Industrie schon seit vielen Jahren einen guten Ruf hat. An internationale Kunden werden Kohlenstoff-Nanomaterialien verkauft, die in Flüssigkeiten gebunden sind. Aus denen werden dann zum Beispiel Wandbeschichtungen, die elektromagnetische Strahlen zu 99 Prozent abschirmen. Auch Heizfolien oder Heiz-Klebebänder werden aus dem Wunderstoff aus Bayreuth hergestellt. Diese können dann unter anderem an Außentanks oder Außenrohren angebracht werden und diese vor dem Einfrieren bewahren.

Standardprodukte und Spezialmischungen

Dabei bieten die Bayreuther mehrere Standardprodukte an. Ihre Chemiker, Physiker und Ingenieure entwickeln aber auf Kundenwunsch auch spezielle Mischungen mit speziellen Eigenschaften. Gemischt wird das Ganze mit überdimensionalen Rührgeräten im 2014 bezogenen Unternehmenssitz in der Ritter-von-Eitzenberger-Straße, der rund 2000 Quadratmeter Nutz- und Verwaltungsfläche bietet. Dieses Ursprungsgeschäft von FutureCarbon legt seit einigen Monaten deutlich zu. Umfasste ein Auftrag früher im Schnitt um die 100 Kilo, können es heute schon mal fünf Tonnen sein.

Das Engagement in anderen möglichen Anwendungsgebieten läuft dagegen derzeit nur auf Sparflamme weiter. Zwar wurde zusammen mit EADS bereits an einem Kunstharz mit beigefügtem Nano-Kohlenstoff geforscht, der für die Produktion von Leichtbauteilen in der Luftfahrt eingesetzt werden könnte. „Doch da sind wir von einer Serienreife noch ziemlich weit entfernt“, sagt Schütz.

Heizung für Windrad-Rotoren

Dafür scheint ein anderes Projekt gut anzulaufen. An fünf Windkraftanlagen in Kanada wurden die Materialien aus Bayreuth erfolgreich genutzt, um die Rotorblätter zu beheizen und damit zu verhindern, dass sich an ihnen Eis bildet. Weil so der oft monatelange Stillstand verhindert werden kann, will der dortige Betreiber 50 weitere Anlagen mit der Technik ausrüsten. Kein Wunder, dass Schütz hofft, dass sich das herumspricht.

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