Digitalisierung So werden Unternehmen nicht gefressen

Ein Experte beim Thema Digitalisierung: Ingo Radermacher. Foto: Stefan Schreibelmayer

BAYREUTH. „Die Digitalisierung ist kein Schnupfen, die geht nicht irgendwann einfach wieder weg.“ Ingo Radermacher ist Informatiker und IT-Berater, nennt sich aber auch Digital-Philosoph und hat zwei Bücher zum Thema geschrieben. Bei der Arbeitsagentur referierte der Rheinländer in Bayreuth vor knapp 50 Unternehmern und Führungskräften – sehr anschaulich und nahezu ohne Punkt und Komma.

Radermachers Eingangsfrage: „Was haben Liebe, Sex und Digitalisierung gemeinsam? Alle reden darüber, aber keiner weiß was Genaues.“ Die Folge: „4.0 – da wird viel Unsinn erzählt.“ Viele Unternehmer hätten ein schlechtes Gewissen, weil sie wüssten, dass sie etwas unternehmen müssen. Und dann werde in Technik investiert und gehofft: „Hauptsache es blinkt, dann wird schon alles gut.“

Am Tisch sitzen - oder der Braten sein

Weit gefehlt, sagt Radermacher. Denn zum einen entscheide nicht der Unternehmer, ob er bei der Digitalisierung mitmacht. Vielmehr gehe es darum, „ob Sie auch in Zukunft noch mit am Tisch sitzen, oder ob sie der Braten sind“. Die wichtigste Frage, die sich eine Führungskraft stellen müsse, sei: „Was muss man eigentlich tun, damit wir als Unternehmen überflüssig werden?“ Denn die Digitalisierung stelle sehr viele Geschäftsmodelle komplett in Frage. Zwei Stunden intensives Nachdenken vor diesem Hintergrund würden ganz neue Ideen hervorbringen, sagte Radermacher.

Ein Beispiel: Autos würden in Deutschland im Schnitt nur an einem Siebtel des Tages genutzt, viele stünden sogar 20 Stunden nur herum. Wenn also jemand ein digital gesteuertes Sharing-Modell auf den Markt bringe, mit dem Autos ständig genutzt würden, wären rund 85 Prozent aller Autos überflüssig. Was das wohl mit der Autoindustrie machen würde?

Dauerhafte Veränderung

Digitalisierung sei die dauerhafte Veränderung von Gesellschaft und Unternehmen durch Technologie – und Chefsache, sagte Radermacher: „Das lässt sich nicht mal eben delegieren.“ Der Chef müsse also schon vorangehen, was aber nicht bedeute, dass er selber Spezialist auf dem Gebiet sein muss. Aber: „Wenn sich ein Chef jede Mail von seiner Sekretärin ausdrucken lässt, um sie auf Papier zu bearbeiten, ist er mit Sicherheit nicht das richtige Vorbild in Zeiten der Digitalisierung.“ Zugleich aber könne eine mit der Hand geschriebene Karte zum Geburtstag eines Mitarbeiters im Gegensatz zu einer Mail etwas Besonderes sein, weil sie Wertschätzung beweist.

Eher Katze als Hund

Und gerade auf die komme es an, wenn man die für das Unternehmen auf dem Weg der Digitalisierung besonders wichtigen Mitarbeiter bei der Stange halten wolle. Das seien vor allem die, die untereinander vernetzt, halt digital unterwegs sind. „Die haben einen anderen Blick auf ein Unternehmen“, sagte Radermacher, seien eher Katze als Hund. Der Unterschied? „Das Selbstverständnis einer Katze ist es, dass sie sich den Menschen hält, nicht umgekehrt.“ Um solche Mitarbeiter zu halten, müsse man ihnen neben echter Wertschätzung vor allem auch Weiterentwicklungsmöglichkeiten bieten. Die Messgröße für die Güte einer Führungskraft sei zunehmend die Kompetenz der Mitarbeiter.

Steuerberater in Gefahr

Als erstes würden viele Routine-Jobs durch die Digitalisierung wegfallen, so Radermacher. Das gelte aber nicht nur für Helfer an Maschinen, auch das Verlegen von Standardfliesen sei ein Beispiel dafür. Viele Menschen hätten keine Vorstellung davon, was künstliche Intelligenz schon bald schaffen könne. So sei auch der Beruf des Steuerberaters in Gefahr, denn: „Das deutsche Steuerrecht ist zwar sehr kompliziert, aber nicht komplex. Eine Steuererklärung kann schon bald durch ein Programm allein erledigt werden.“ Dagegen werde es aber wohl noch länger dauern, bis zum Beispiel das autonome Fahren wirklich Standard sei. Nicht zuletzt, weil dabei auch komplizierte rechtliche und ethische Fragen zu klären sind.

 

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