Handwerk fordert Waffengleichheit

Heribert Trunk ist bekanntermaßen schlagfertig. Und so antwortete der scheidende Präsident der Industrie- und Handelskammer vor Beginn der gestrigen Vollversammlung der Handwerkskammer (HWK) für Oberfranken auf die Frage, ob er sich verlaufen habe: „Da ich ja als IHK-Präsident bald aufhöre, hoffe ich auf Asyl beim Handwerk.“ Wie dem auch sei, sein Grußwort hatte – nun ja – etwas Historisches. Denn Trunk war der erste IHK-Präsident überhaupt, der bei einer HWK-Vollversammlung das Wort ergriff. Was der Bamberger Unternehmer dazu nutzte, launig, kurz und knackig noch einmal herauszustellen, was er und sein Präsidentenkollegen Thomas Zimmer in den vergangenen Jahren schon immer wieder gepredigt hatten: „Wir müssen die Wirtschaft der Region gemeinsam voranbringen.“ Denn: „Ihr vom Handwerk habt keine Chance ohne uns von der Industrie – aber wir auch nicht ohne euch.“ Unter anderem die berufliche Bildung müsse man gemeinsam hochhalten. Für viele junge Leute sei es viel besser, eine gute Ausbildung zu machen, „als an der Uni irgend so einen Bachelor“.

Viele Lehrstellen unbesetzt

Ein Ball, den HWK-Präsident Zimmer aufnahm. Ihm gehe es gewaltig gegen den Strich, dass die Zahl der Studierenden immer mehr zunehme – zu Lasten der beruflichen Bildung. Zwar habe es für das aktuelle Ausbildungsjahr im oberfränkischen Handwerk ein Plus von 2,6 Prozent auf gut 2300 bei den neu abgeschlossenen Lehrverträgen gegeben, dennoch hätten viele von den Handwerksbetrieben angebotenen Stellen nicht besetzt werden können.

Rekord bei den Landessiegern

Natürlich müsse das Handwerk selber daran arbeiten, dass die Ausbildung attraktiv ist und den jungen Leuten vermitteln, dass ihnen anschließend vielfältige Karrieremöglichkeiten offenstehen. Der Kammerrekord von zwölf Landes- und zwei Bundessiegern beim aktuellen Leistungswettbewerb zeige, was möglich ist.

Ungleichbehandlung

Er appellierte aber auch an die Politik, für Waffengleichheit zu sorgen. So habe die Bundesregierung ihren Fokus zuletzt vor allem auf die Stärkung der akademischen Bildung gelegt, allein den Hochschulpakt und den Qualitätspakt Lehre für Hochschulen mit mehr als 22 Milliarden Euro Fördervolumen ausgestattet. Demgegenüber seien für die überbetriebliche Förderung im Handwerk für 2017 bundesweit 220 Millionen Euro vorgesehen. Ein weiteres Beispiel sei die Tatsache, dass mit Bachelor- und Masterstudium zwei Abschlüsse über das Studierenden-Bafög förderfähig seien, in der Berufsausbildung aber mit dem Meister-Bafög nur einer. „Diese Ungleichbehandlung muss aufhören“, sagte Zimmer.

Flüchtlingsausbildung braucht Sicherheit

Eine, wenn auch mit Aufwand verbundene Möglichkeit, an motivierten Nachwuchs zu kommen, sei die Ausbildung von Flüchtlingen. Dafür bräuchten die Betriebe aber Rechtssicherheit. Deshalb müsse es dabei bleiben, „dass Geduldete für die Gesamtdauer einer Ausbildung ein Bleiberecht bekommen und anschließend mindestens zwei Jahre im erlernten Beruf eingesetzt werden können“. Einer „Schmalspurausbildung“ oder einer Teilqualifikation für Flüchtlinge erteilte Zimmer eine Absage. „Das Handwerk braucht qualifizierte Fachkräfte, die ihren ganzen Beruf beherrschen.“

Gute Sprachkenntnisse wichtig

Laut Hauptgeschäftsführer Thomas Koller absolvieren derzeit im Kammerbezirk 73 Flüchtlinge eine Ausbildung, 47 ein Praktikum und 31 eine Einstiegsqualifizierung. Ganz wichtig für einen Erfolg sei die Beherrschung der Sprache. „Wenn das noch nicht der Fall ist, raten wir den Firmen mittlerweile sogar ab.“ Es habe sich gezeigt, das das Fehlen ordentlicher Sprachkenntnisse und die Abbrecherquote in direktem Zusammenhang stehen.

Der HWK-Haushalt 2017

Die Handwerkskammer plant für 2017 mit einem Haushaltsvolumen von 30,25 Millionen Euro. Dabei entfallen laut Hauptgeschäftsführer Thomas Koller 28,1 Millionen Euro auf den Verwaltungshaushalt und 2,15 Millionen Euro auf den Vermögenshaushalt. Die Investitionen steigen dabei gegenüber dem Vorjahr um rund eine Million Euro. Der Verwaltungshaushalt fällt dagegen netto um 439 000 Euro niedriger aus. Brutto liege das Minus bei rund vier Millionen Euro. Der Unterschied resultiere aus erstmals angewandten Abschreibungsregeln, so Koller.

Bei den Ausgaben machen die Personalkosten mit 12,6 Millionen Euro die größten Einzelposten aus. Die Steigerung um rund 0,6 Millionen Euro erklärte Koller mit Tarifsteigerungen sowie Neueinstellungen vor allem im Bereich des neuen Kompetenzzentrums digitales Handwerk. Insgesamt fließen 69 Prozent der Ausgaben im Verwaltungshaushalt in die Aus-, Fort- und Weiterbildung.

Die Gesamteinnahmen der Kammer resultieren laut Haushaltsplan zu 50 Prozent aus selbst erwirtschafteten Gebühren, zu zwölf Prozent aus zweckgebundenen Zuschüssen von Bund und Land und zu 38 Prozent aus den Kammerbeiträgen. Diese werden auch 2017 nicht steigen, beschloss die Vollversammlung.

238 Mitarbeiter hat die Handwerkskammer aktuell. 16 Prozent sind laut Koller zur reinen Verwaltung zu rechnen, aber gut zwei Drittel sind in der klassischen Aus- und Fortbildung tätig.

Interessanter Einzelposten: Die Einnahmen aus Kursen im Auftrag der Arbeitsverwaltung gehen mehr und mehr zurück. Der Grund ist die gute Situation auf dem Arbeitsmarkt.

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Kommentare

Da platzt mir manchmal der Kragen, wenn ich so etwas lese: Die Politik soll für Waffengleichheit zwischen Handwerk und akademische Ausbildung sorgen. Als ob die Wissenschaft etwas Elitäres wäre, was ungerechter Weise zu viel gefördert wird. Da steckt immer noch ein gewisser Komplex und Klassendenken dahinter, ihr Akademiker da oben und wir kleinen Handwerker da unten. Die Sache ist eben ganz anders: Natürlich brauchen Studiengänge mit großer Fachtiefe und fachübergreifendes vernetztes Denken mehr Ausbildungszeit als viele Handwerksberufe. Das liegt einfach in der Natur der Sache. Wenn sich weniger junge Menschen gegen eine handwerkliche Ausbildung entscheiden, liegt es sicher nicht an den Universitäten. Und es wurden mit dem Bologna-Prozess viele Türen für eine Fortsetzung des Ausbildungsgangs für Handwerker an den Universitäten geöffnet. Liegt es denn nicht an den Handwerksberufen selbst, wenn kaum auch der umgekehrte Schritt von einer akademischen Ausbildung hin zum Handwerk gegangen wird? Als ob es sich damit gesellschaftlich betrachtet um einen Rückschritt handeln würde.
Tja, da ist die "Alle-Menschen-sind-gleich"-Philosophie eben gründlich in die Hose gegangen. Mit Ansage.
Nicht mehr "Handwerk hat goldenen Boden", sondern "Abitur für alle" hieß die Devise der letzten Jahrzehnte.
Auf Teufel-komm-raus auf die Uni, egal, ob tauglich. Die Hochschulen jammern dann auf der anderen Seite über fehlende Grundlagen der Studenten.
Gender-Studies-Hokuspokus, "Was-mit-Medien" oder Sozial"wissenschaften", sowie andere Orchideenfächer sind dann oft die einzige Alternative. Mit Praktikum an Praktikum oder Erdbeeren-pflücken, weil leider kein Markt für Nonsens in der Arbeitswelt.

Einhundertmal mehr Steuergelderförderknete für akademische Bildung gegenüber Förderung des Handwerks. Wow!

Linksgrüne gleichmacherische Träume zerplatzen wiedermal wie Seifenblasen.
"Gleiche Chancen" mit "alle Chancen" verwechselt. Tragisch.
Wieder ein Beispiel eines unqualifiziertem Rundumschlags. Aber Hauptsache "linksgrün" oder die "Flüchtlingskrise" ist schuld. Schöne kleine Welt.
Warum sollte ein Handwerker kein Abitur haben? Die Anforderungen im täglichen Leben werden ja auch immer komplexer und mit googeln kann man auch nicht alle Lücken schließen. Und viele studieren nach dem Abi auch nicht und ergreifen einen nichtakademischen Beruf.
Und solange die Grund- und Hauptschule in Bayern noch im Experimentierstadium sind, macht es doch auch Sinn, das Abi oder die Fachhochschulreife zu machen.
Natürlich ist es die Aufgabe des Staates, allen die gleiche Chance einer Ausbildung zu geben, schon aus Gerechtigkeitsgründen. Oder spricht was dagegen? Aber wie immer kommen wir vom Thema ab, nur weil wieder die Phantasien vom "bösen" Linksgrün angeregt wurden.
Eine ganz andere Sache. Warum lachen alle Prominenten in die Kamera, als ob gerade ein Witz erzählt wurde. Lernt man das auf einem Führungskräfte-Symposium?
Mein Tipp stammt nicht aus einem Führungskräfteseminar, sondern vom Schießen eines Fotos mit Flüchtlingskindern aus Deutschland im Urlaub in Italien.
Sagen Sie kurz vorm Abdrücken einfach: "Ameisenscheiße".
Funktioniert 100-prozentig.
@ "Mikado": Unqualifiziert. Aha.
Pro Tipp: Mal mit den jahrelang verkackten Schulleistungstests der Rot-rot-grün-regierten Bundesländern beschäftigen. Oder mit den Erlebnissen diverser Firmen bezüglich der Absolventen der Schulabschlußlotterieanstalten dieser Länder. Keine Ahnung, wer in einem der wenigen lichten Momente Berlins R2G daran gehindert hat, die Planung der Abschaffung des Probejahres am "Gymnasium" (das in Bayern Hauptschule heißt) in den Koalitionsvertrag mit aufzunehmen. Die Linken der Linken sicher nicht.
Immer schön linksgrün vom Erfolg der Einheitsschule weiterträumen, und nur nicht nach Frankreich schauen. Wer wird denn aus der Geschichte lernen wollen.

Buzzword "Flüchtlingskrise" (Sie, nicht ich) und "kleine Welt": Von derzeit in Oberfranken befindlichen 8.577 Asylbewerbern (Stand 25.11.16, regierung.oberfranken.bayern.de) bewältigen gerade, wie wir oben lesen, nun "73 Flüchtlinge eine Ausbildung, 47 ein Praktikum und 31 eine Einstiegsqualifizierung."

151 von 8.577? Sage und schreibe 1,76%!!! Wieder: Wow!

War da nicht was von geschenkten Menschen, die unser Land verändern und Frau Göbbels-Eckart freut sich drauf? Rentenkassen werden überlaufen, Fachkräftemangel nur noch in Geschichtsbüchern stehen?

Tja, so klein ist so manche Widdewiddewitt-Welt!

Da muss sich noch gewaltig was rütteln, damit es klappt mit "Wir schaffen das!"