Wunder war greifbar Medi-Team zwingt Meister in Verlängerung

Pech für De'Mon Brooks (Mitte): Elf Sekunden vor dem Ende der Verlängerung durfte er für einen Sekundenbruchteil hoffen, mit einem Ballgewinn die Chance zur 97:96-Führung erarbeitet zu haben. Schiedsrichter Robert Lottermoser (links) bewertete die Aktion jedoch als Foul. Foto Peter Mularczyk

BASKETBALL. Gerade erst hatte Medi Bayreuth mit dem ersten Sieg in Bamberg seit 21 Jahren etwas schier Unmögliches geschafft, da wäre drei Tage später beinahe noch eine Steigerung in Form eines Wunders gelungen. Ein Sieg am Sonntag beim Deutschen Meister und ungeschlagenen Bundesliga-Tabellenführer Bayern München lag bei wiederholter Führung gegen Ende der regulären Spielzeit greifbar nahe, aber in der Verlängerung setzte sich die Erfahrung des einzigen deutschen Euroleague-Vertreters doch mit 101:95 (84:84, 47:40) durch.

Nach diesem dramatischen Ende musste man im Bayreuther Lager ein wenig dem missglückten Start nachtrauern. Nach vier Minuten führte der FC Bayern mit 13:3 schon zweistellig, und 25 Sekunden vor Ende des ersten Viertels war beim 29:15 bereits der höchste Abstand des gesamten Spiels erreicht. Dabei konnte sich die Trefferquote des Medi-Teams schon zu diesem Zeitpunkt durchaus sehen lassen, aber defensiv gelang es bis dahin nicht, den hohen Favoriten zu beeindrucken. Die vielen Wechsel in der Verteidigung konnten weder die Ballbewegung der Bayern entscheidend stören, noch deren hochprozentigen Abschluss.

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In dieser Hinsicht wussten sich die Bayreuther aber deutlich zu steigern. Die Münchner mussten nun härter für ihre Punkte arbeiten und auch schwierigere Würfe treffen. Zudem litt das Bayern-Spiel unter dem Bemühen, mit Rücksicht auf die internationalen Aufgaben die Einsatzzeiten gleichmäßig zu verteilen. Nemanja Dangubic fiel nicht zum ersten Mal als Schwachpunkt unter den Kontingentspielern auf, und auch der Ex-Bayreuther Robin Amaize hatte Schwierigkeiten, das hohe Niveau zu halten. Darüber hinaus überraschte die Reaktion von Trainer Dejan Radonjic auf das krankheitsbedingte Fehlen von Spielmacher Stefan Jovic: Maodo Lo blieb im gesamten zweiten Viertel auf der Bank, und Braydon Hobbs bekam insgesamt nur vier Einsatzminuten. Dafür spielte Petteri Koponen lange als Pointgard, wodurch aber die Scorer-Qualitäten des Finnen kaum zur Geltung kamen (2/7 Würfe).

Lange Zeit blieben das allerdings Randaspekte, weil die Münchner bei jeder Andeutung einer kritischen Situation in der Lage schienen, durch Einwechslung der besten Spieler oder mehr Engagement in der Verteidigung sofort etwas zuzulegen. So wirkte es beim 37:35 (16.), beim 50:47 (24.) und auch noch beim Dreier von Danilo Barthel zum 71:66 als Antwort auf die starken ersten vier Minuten der Bayreuther im Schlussviertel.

Zwei Minuten vor Schluss mit 81:78 vorn

Nach dem ersten Ausgleich beim 71:71 und erst recht 2:40 Minuten vor dem Ende nach dem Dreier von Kassius Robertson zur ersten Medi-Führung mit 78:76 war es jedoch mit dieser Souveränität des Titelverteidigers vorbei. Das standen nämlich schon die besten Münchner um den glänzenden Derrick Williams auf dem Feld, und Radonjic konnte nur noch den mit vier Fouls belasteten Nihad Djedovic als Verstärkung bringen. In den verbleibenden zwei Minuten nach dem Robertson-Dreier zum 78:81 retteten sich die Münchner allein durch die individuelle Klasse von Williams in die Verlängerung. Der Amerikaner mit über 400 NBA-Einsätzen erzielte die letzten sechs Bayern-Punkte und hatte in der letzten Sekunde sogar den Wurf zum Sieg, der aber sehr gut verteidigt wurde.

In der Extra-Spielzeit gab dann die Routine der Münchner den Ausschlag. Sie legten wieder in der Defensive zu und fanden unter der Regie von Lo relativ sichere spielerische Lösungen. So schien die Partie 52 Sekunden vor dem Ende bereits entschieden zu sein, als Robertson beim Stand von 96:90 ein Ballverlust unterlief. Amaize vergab jedoch beide unmittelbar folgenden Freiwürfe, was neun Sekunden später De’Mon Brooks für Bayreuth besser machte. Als dann Gregor Hrovat und Bastian Doreth mit gemeinsamem Druck auf Lo ein Ballgewinn gelang und Robertson einen schwierigen Dreier verwandelte, stand es bei Restspielzeit von 14 Sekunden nur noch 96:95.

Drei Sekunden später schien für einen Sekundenbruchteil die Wende perfekt, doch die Schiedsrichter bewerteten einen möglichen Ballgewinn von Brooks gegen Djedovic als Foul. Nach den Freiwürfen zum 98:95 erfüllte sich dagegen auf der anderen Seite die Hoffnung von Hrovat auf einen Foulpfiff gegen Vladimir Lucic nicht.

Einzelkritik

ADONIS THOMAS(5 Punkte / 22:56 Min. Einsatzzeit / Plus-Minus-Bilanz: -6): Defensiv solide bei der schweren Aufgabe gegen Lucic, aber offensiv auch gegen Dangubic unauffällig (2/4 Würfe, vier Assists, drei Ballverluste).

KASSIUS ROBERTSON (22 / 26:12 / -15): In der Verteidigung stark gefordert gegen Djedovic, aber im Angriff jederzeit eine Bedrohung (7/11 Würfe); hätte mit den Dreiern (5/7!) zum 78:76, 81:78, und 95:96 zum Matchwinner werden können, leistete sich aber auch zwei schmerzhafte Ballverluste (von insgesamt sechs) nach zwei und vier Minuten der Verlängerung.

DAVID STOCKTON (2 / 26:02 / -4): Fünf Assists und drei Ballverluste stehen stellvertretend für das Verhältnis von Licht und Schatten; als Scorer kein Faktor (1/4 Würfe), defensiv gegen Koponen besser als gegen den deutlich schnelleren Lo.

Bastian Doreth (6 / 18:54 / -2): Mit viel Einsatz bei der harten Defensivarbeit gegen Lo und den völlig wirkungslosen Hobbs ganz in seinem Element; offensiv jederzeit solide, wenn auch nach den Dreiern zum 18:29 und 27:34 ohne weiteren Wurfversuch (drei Assists, zwei Rebounds, je ein Ballgewinn und Ballverlust).

Andreas Seiferth (10 / 27:25 / 8): In Abwesenheit der US-Center auf beiden Seiten gewann er den Vergleich mit Radosevic und hielt sich auch gegen den den beweglichen Barthel wacker; vielleicht ein bis zwei Fehlwürfe zu viel (4/9), aber beachtliche sechs Rebounds und vier Assists.

STEVE WACHALSKI (0 / 10:51 / -8): Der Ausfall von Martin bescherte dem Teamsenior eine Starterrolle; neutralisierte sich unauffällig mit den Münchner Randfiguren Ogunsipe und King.

Gregor Hrovat (13 / 21:54 / 16): Nach verhaltenen drei Vierteln (zwei Punkte) leistete der Slowene wichtige Beiträge zur Siegchance bis hin zum Dreipunktespiel zum 84:82 bei Restspielzeit von 54 Sekunden in den regulären 40 Minuten (5/7 Zweier, 0/3 Dreier); Beleg: die Plus-Minus-Bilanz).

Lukas Meisner (3 / 17:20 / 7): Der 23-Jährige begegnete den namhaften Gegenspielern um Williams mit Respekt, aber mit viel Einsatz, ohne übermotiviert zu wirken; offensiv ganz starke Phase mit einem Dreier (einziger Wurf) und zwei tollen Pässen für Hrovat vom 64:68 zum 71:71; vier Rebounds.

DE’MON BROOKS (21 / 33:37 / -22): Begann nominell als Center glänzte aber wieder vor allem durch seinen großen Aktionsradius (6/11 Zweier, 2/5 Dreier, neun Rebounds); gewann den Vergleich mit Barthel, hatte es aber (wie alle) schwer mit Williams.

Nik Raivio (13 / 19:45 / -4): So effektiv war der Deutsch-Amerikaner wohl nie zuvor: Mit acht Punkten im zweiten Viertel und fünf im dritten (hauptsächlich durch starken und gut ausgewählten Zug zum Korb) hatte er wesentlichen Anteil an der allmählichen Angleichung der Kräfteverhältnisse (5/6 Würfe, 2/2 Freiwürfe, zwei Assists.

Johannes Krug: Nicht eingesetzt.

Statistik

Bayern München: Dangubic (0 Punkte / 12:58 Min. Einsatzzeit / Plus-Minus-Bilanz: -8), Hobbs (0 / 3:58 / -7), King (3 / 8:23 / -3), Koponen (5 / 15:41 / -12), Radosevic (4 / 13:50 / -2), LUCIC (17 / 32:37 / 17), LO (14 / 25:52 / 24), DJEDOVIC (17 / 29:02 / -1), Amaize (2 / 16:50 / 5), BARTHEL (12 / 32:24 / 4), Williams (27 / 28:38 / 5), OGUNSIPE (0 / 4:47 / 8); Feldwurfquote: 36/66 (55 Prozent), davon 11/25 Dreier (44 Prozent): Djedovic (3/6), Lo (2/3), Lucic (2/4), King (1/2), Barthel (1/2), Williams (1/3), Koponen (1/3); Freiwürfe: 18/26 (69 Prozent); Rebounds: 22 defensiv, 7 offensiv (Williams 4/3); Assists: 24 (Lo 5, Amaize 4); Ballgewinne: 15 (Lo 6, Barthel 3); Ballverluste: 11 (Lo 3); Effektivität: 123 (Williams 31, Djedovic 18, Lo 18, Barthel 18).

Medi Bayreuth: Feldwurfquote: 35/65 (54 Prozent), davon 11/23 Dreier (48 Prozent): (Robertson 5/7, Doreth 2/2, Brooks 2/5, Meisner 1/1, Raivio 1/2); Freiwürfe: 14/15 (93 Prozent); Rebounds: 26 defensiv, 7 offensiv (Brooks 7/2, Seiferth 4/2); Assists: 22 (Stockton 5, Seiferth 4, Thomas 4); Ballgewinne: 5; Ballverluste: 17 (Robertson 6); Effektivität: 109 (Brooks 23, Raivio 15, Robertson 14, Seiferth 14).

SR: Lottermoser, Simonow, Arik; Zuschauer: 5828.

Stationen: 13:3 (4.), 29:15 (10.), 29:18 (1. Viertel), 37:35 (16.), 44:35 (19.), 47:40 (Halbzeit), 50:47 (24.), 63:50 (28.), 66:58 (3. Viertel), 71:71 (36.), 76:78 (38.), 78:81 (39.), 84:84 (4. Viertel), 91:86 (43.), 96:90 (44.), 96:95 (45.), 101:95 (Ende).

Stimmen zum Spiel

Raoul Korner (Trainer Bayreuth): „Glückwunsch an den FC Bayern und ihren Coach zum hart umkämpften Sieg. So weh diese Niederlage auch tut, so stolz bin ich über die Leistung, die wir in den vergangenen Tagen ohne unseren statistisch gesehen besten Spieler gezeigt haben. Die Mannschaft verdient allergrößten Respekt dafür, wie wir mit der personellen Situation umgehen, wie wir kämpfen, wie wir heute sogar das Rebound-Duell gewinnen konnten. Wir waren einen Wurf von der großen Sensation entfernt, haben vielleicht in der entscheidenden Phase etwas zu früh die Brechstange ausgepackt. Da hat uns die Souveränität gefehlt, die Bayern heute in Person von Derrick Williams hatte.“

Dejan Radonjic (Trainer München): „Zu Beginn der Partie haben wir offensiv wie defensiv seriös agiert. Doch je länger das Spiel dauerte, desto schwankender waren unsere Aktionen: ein paar Minuten gut, ein paar Minuten schlecht. Die Bayreuther haben eine starke Leistung gezeigt, zu der man ihnen nur gratulieren kann. Am Ende war es ein sehr enges Spiel, das wir glücklicherweise gewinnen konnten. Das ist das Wichtigste heute.“

De’Mon Brooks (Spieler Bayreuth): „Es zeichnet uns aus, dass wir immer kämpfen – gegen jeden Gegner und in jeder Situation. Dafür mag ich diese Mannschaft so! Wir haben nach dem schwierigen Saisonstart unsere Rollen gefunden und vertrauen einander. Das waren heute wieder fast perfekte 40 Minuten – nein, sogar 45!“

Nihad Djedovic (Spieler München): „Es war ein harter Kampf über 45 Minuten. Die Bayreuther haben gezeigt, wie sie in Bamberg gewinnen konnten, und wir mussten alles geben. Man kann nicht immer hoch gewinnen, aber wir haben gewonnen – das zählt.“

 

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