Vergangenheitsbewältigung Leidensjahre im Neuenmarkter Mädchenheim

NEUENMARKT/GUNZENHAUSEN. Sie wurden gedemütigt, geschlagen, missbraucht: Mehr als 3000 frühere Heimkinder verschiedener Träger haben der für sie eingerichteten Anlauf- und Beratungsstelle über ihre schlimmen Erfahrungen in den 50er und 60er Jahren berichtet. Eine von ihnen ist Sonja Djurovic. Sie war als Jugendliche vier Jahre in einem Kinderheim in Neuenmarkt (Landkreis Kulmbach) untergebracht.

Dem Kurier schilderte die heute 69-Jährige ihre Erlebnisse, unter deren Folgen sie noch heute leidet:

Mit gut 14 Jahren muss Sonja in die Mädchenerziehungsanstalt Ruth, die von den Diakonissen des Mutterhauses Hensoltshöhe betrieben wird. Ihr Stiefvater hat sie sexuell belästigt und geschlagen. Sonjas Großmutter zeigt ihn an, doch weder das Gericht noch die Mutter glauben dem Mädchen. Sie lassen es einweisen.

"Schlimmer als der Knast"

Fast vier Jahre muss Sonja im Haus Ruth bleiben. Sie berichtet: „Wir waren isoliert, 24 Stunden am Tag eingeschlossen. Das war schlimmer als der Knast. Dort haben die Leute wenigstens Hofgang. Aber nicht einmal das hatten wir.“ Die Oberschwester verteilt wuchtige Watschn. Vor allem Sonja bekommt sie ab. „Ich war wohl ein beliebtes Opfer“, sagt sie. Das Mädchen muss nähen – für Familienmitglieder der Oberschwester und für gewerbliche Kunden. Auch Firmen aus der Region lassen billig im Kinderheim nähen, das Krankenhaus bestellt Schürzen. Sonntags geht es zum Gottesdienst. „Die Diakonissen wollten uns bekehren. Aber das haben sie bei mir nicht geschafft.“

Auf Knien den Boden bürsten

In der Früh müssen die Mädchen auf Knien den Boden bürsten, bis er glänzt. Es gilt das Schweigegebot, Reden ist Schwätzen. Wenn sie besonders brav waren, dürfen sie am Sonntag eine halbe Stunde unter Aufsicht die Landstraße entlanggehen.

Mit dem Laken vom Balkon

Zweimal versucht Sonja zu fliehen. Einmal lässt sie sich filmreif mit Bettlaken vom Balkon herunter. Die Polizei sucht sie und die anderen Geflüchteten mit Blaulicht. „Als wären wir die Verbrecher.“ Das zweite Mal kehrt die Verzweifelte selber wieder zurück. Es regnet – „wo sollten wir denn da hin?“

Nachts Panikattacken

Sonja will Geschichte und Archäologie studieren, aber sie wird gezwungen den Beruf der Schneiderin zu lernen. Nach der Ausbildung, die sie mit Note eins abschließt, übt sie diesen Beruf keinen einzigen Tag aus. Mit knapp 19 darf Sonja endlich raus. Was sie mitbekommt: eine Fahrkarte, vier D-Mark – und eine schwere Hypothek fürs Leben. Bis heute leidet sie unter Posttraumatischen Belastungsstörungen, berichtet sie, nachts hat sie Panikattacken. Zwei Ehen scheitern.

Entschuldigung gibt es nicht

Jahre später wird sie im Mutterhaus der Diakonissen in Gunzenhausen vorstellig. Der junge Leiter, der mit den Vorgängen von damals nichts zu tun hat, zeigt sich offen fürs Gespräch. Aber nicht einmal eine Entschuldigung gibt es, sagt sie. Dafür bekommt sie von ehemaligen Mitarbeitern Vorwürfe zu hören, sie denke sich alles nur aus. Sie weiß nicht, wie vielen Mädchen es im Haus Ruth so ergangen ist wie ihr, eine heute in Augsburg lebende Frau sei später drogensüchtig geworden, sagt sie.

Hensoltshöhe äußert Bedauern

Die Stiftung Hensoltshöhe antwortet auf Kurier-Anfrage, „einige wenige betroffene Personen“ hätten sich nach einem öffentlichen Aufruf als ehemalige Heimkinder bei ihr gemeldet. Sprecher Timotheus Hübner räumt ein: „Mädchen und junge Frauen haben in dieser Einrichtung Leid erfahren, das wir tief bedauern.“ Man blicke mit großer Betroffenheit auf die damaligen Vorkommnisse. Mit Betroffenen seien auf deren Wunsch Gespräche geführt worden, „die eine persönliche Würdigung und Anerkennung der erlittenen Behandlung zum Ziel hatten“. Vertreter des Mutterhauses hätten ihr „tiefes Erschrecken“ über die Erfahrungen zum Ausdruck gebracht. Das Mutterhaus habe sich „im Rahmen seiner Möglichkeiten um Aufklärung der Vorfälle bemüht und sich zusammen mit dem Diakonischen Werk an dem Fonds beteiligt.

Ehrung zum Abschluss

Sonja Djurovic ist anerkannt als Härtefall nach dem Opferentschädigungsgesetz, hat sich engagiert im Verein ehemaliger Heimkinder, eine Petition ans Parlament gerichtet, ist mit am runden Tisch Heimerziehung gesessen, den der Bundestag 2009 eingerichtet hat, und sie ist Mitglied im Beirat der Anlauf- und Beratungsstelle für ehemalige Heimkinder in Bayern. Bei der Abschlussveranstaltung am Donnerstag mit Sozialministerin Kerstin Schreyer in Tutzing wird sie für ihren Einsatz geehrt. Rehabilitiert fühlt sie sich aber nicht. Djurovic sagt: „Die Sache muss ganz aufgearbeitet werden, junge Leute müssen davon erfahren, damit so etwas nie wieder passieren kann.“

Anlauf- und Beratungsstelle im ZBFS

Nach mehreren Petitionen ehemaliger Heimkinder, die über Missstände und persönliches Leid berichtet hatten, richtete der Bundestag 2009 einen „Runden Tisch Heimerziehung in den 50er und 60er Jahren“ ein. Dieser regte in seinem Abschlussbericht unter anderem die Gründung eines Fonds zur Milderung heute noch bestehender Folgen von Heimerziehung an, der gemeinsam von Staat, Kirchen Orden und Wohlfahrtsverbänden getragen wurde. Er umfasste immaterielle Unterstützung ebenso wie und materielle Hilfen in Höhe von gut 300 Millionen Euro.

In Bayern wurde 2012 beim Zentrum Bayern Familie und Soziales (ZBFS) eine Zentrale Anlauf- und Beratungsstelle eingerichtet. Sie berief auch sechs ehemalige Heimkinder wie Sonja Djurovic in einen Beirat, der an der Umsetzung des Fonds beteiligt wurde. Die Anlaufstelle führte rund 3000 Gespräche mit Betroffenen und reichte mehr als 5000 Anträge auf finanzielle Leistungen ein. Knapp 35 Millionen Euro wurden bisher an frühere bayerische Heimkinder ausgezahlt.

Der Fonds Heimerziehung endet zum Jahreswechsel, die Anlauf- und Beratungsstelle wird es weiter geben.

 

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