Umweltschutz Kulmbacher Ideen gegen den Plastikmüll

Die Abfallberge aus Kunststoff wachsen. Jeder Deutsche verursacht jährlich rechnerisch 220 Kilogramm Verpackungsmüll. Foto: Julian Stratenschulte/dpa

KULMBACH. Kunststoff landet im Müll oder als Kleinstteilchen im Fluss und Ozean. EU und Bundesregierung, die Kulmbacher Abfallberatung, Privatleute und Händler steuern dagegen.

Offenbar hat das Problem dramatische Ausmaße angenommen, sagt Detlef Zenk. Denn nun handle sogar die Politik und will gegen die Plastikflut und damit gegen die mächtige Verpackungslobby vorgehen. "Die wichtigste und beste Entscheidung bleibt die Müllvermeidung", betont der Abfallberater am Landratsamt Kulmbach. Unsere Wegwerfgesellschaft produziert Berge an Kunststoff-Müll. Mikroplastik findet sich in den Flüssen und Weltmeeren mit unabsehbaren Risiken für die Natur.

Bundesumweltministerin Svenja Schulze (SPD) stellte am Montag ihren Fünf-Punkte-Plan für weniger Plastik und mehr Recycling vor. Dasselbe Ziel verfolgen bereits viele Menschen in Kulmbach. Mit ihren Ideen wollen sie mithelfen, das Problem in den Griff zu bekommen.

"103 Kilo Verpackungsmüll produziert jeder von uns jährlich im Schnitt. Rechnet man die Verpackungen von Industrie und Gewerbe mit, sind es sogar 220 Kilo", teilt die Bundesregierung aktuell mit. Deshalb will das Umweltministerium überflüssige Einweg-Artikel aus Plastik europaweit verbieten.

Svenja Schulzes Plan sieht vor, dass stattdessen umweltfreundliche Verpackungen stärker gefördert werden. Der Einsatz von recycelten Kunststoffen werde ausgeweitet und der Einsatz von Mikroplastik in der Kosmetik bis 2020 gestoppt. Am Verkaufsregal wird eine Kennzeichnung für Mehrweg-Flaschen eingeführt. Und die Recycling-Quoten von Verpackungen sollen sich deutlich erhöhen.

Die Bundesumweltministerin will eine Trendwende erreichen. Allerdings setzt sie dabei hauptsächlich auf freiwillige Vereinbarungen. Umweltschützer haben den Fünf-Punkte-Plan bereits kritisiert. Sie wünschen sich verbindlichere Vorgaben. Und einige der Vorschläge würden ohnehin bereits auf EU-Ebene umgesetzt, sagen die Kritiker.

Für rigorose Verbote

Es sehe schon so aus, als sei Svenja Schulze auf den Zug aufgesprungen, sagt Abfallberater Zenk. "Von einer freiwilligen Selbstverpflichtung halte ich gar nichts." Es sollten stattdessen rigorose Verbote ausgesprochen werden und gleichzeitig die Alternativen wie Mehrwegprodukte und abbaubares Plastik gefördert werden.

Trotzdem sei der Ansatz aus dem Bundesumweltministerin durchaus richtig, sagt Detlef Zenk. Denn es müsse erreicht werden, dass die Hersteller dringend abfallärmere Produkte in den Handel bringen. "Sonst können wir uns einen Wolf sortieren." Selbst vermeintlich schlichte Lebensmittelverpackungen bestehen aus mehreren Schichten und Plastikarten. Das Recycling dieser Materialien wird immer schwieriger.

Recycling bedeute, den ursprünglichen Rohstoff wiederherzustellen. Besonders im Lebensmittelbereich sei es aufgrund der Vorschriften aber schwierig, neue Verpackungen aus zurückgeführtem Material zu erzeugen. "Biologisch abbaubare Verpackungen wären deshalb am sinnvollsten", sagt Detlef Zenk.

Einmalprodukte wie Besteck, Teller, Becher, Trinkhalme oder Wattestäbchen aus Plastik sollen EU-weit verboten werden. Das Europäische Parlament hat sich bereits dafür ausgesprochen und der Idee der EU-Kommission zugestimmt. Grund ist ein gewaltiges Einsparpotenzial beim Ausstoß von Kohlendioxid. Außerdem geht es auch der EU um den Schutz der Weltmeere, in denen Plastikmüll zu einem immer größeren Problem wird.

Kulmbacher Einzelhändler haben längst Alternativen zu den Wegwerfprodukten im Sortiment. Trinkhalme und Becher werden beispielsweise statt aus Kunststoff aus Bambus gefertigt und können immer wieder verwendet werden.

Kunden bringen eigene Beutel und Körbe mit

In Supermärkten und Metzgereien in Kulmbach und der Region ist es mittlerweile möglich, sich die Waren in einen mitgebrachten Mehrweg-Behälter packen zu lassen. Auf Tüten und Folien wird dort verzichtet. Viele Einzelhändler haben schon Tragetaschen aus Plastik komplett abgeschafft. Die Kunden gewöhnen sich daran und bringen ihre eigenen Beutel und Körbe mit.

Eine Idee, die immer weiter um sich greift, ist das Refill-Projekt. Statt Einweg-Plastikflaschen mit Wasser zu kaufen, kann Leitungswasser getrunken werden. "Das Angebot nehmen zum Beispiel Radtouristen sehr gerne an", sagt Elke Brehm. Die Kulmbacherin hat die Idee im Frühjahr zum ersten Mal umgesetzt. Mittlerweile gibt es rund 30 Refill-Stationen im Raum Kulmbach. Wer möchte, kann sich dort unkompliziert und kostenlose seine Wasserflasche nachfüllen lassen. Es beteiligen sich unter anderem Eisdielen, Buchhandlungen, die Stadtwerke, Banken, Autohäuser und viele weitere Geschäfte.

Einen richtigen Unverpackt-Laden, der lose Waren anbietet, gibt es in Kulmbach noch nicht. Aber Gewürz- und Teehändler in der Innenstadt eröffnen den Kunden bereits die Möglichkeit, die Produkte in mitgebrachte Gefäße zu füllen.

Detlef Zenk kritisiert, dass in der Vergangenheit die Gelegenheit verpasst worden ist, die großen Händler und Hersteller in die Pflicht zu nehmen. Nun sei jeder Schritt, die Plastikflut endlich einzudämmen, dringend nötig.

Der neue Sonderforschungsbereich an der Universität Bayreuth will dabei helfen, neue umweltfreundliche und nachhaltige Kunststoffe zu entwickeln. Das Plastik der Zukunft soll sich schneller abbauen und dazu beitragen, Mikroplastik zu vermeiden oder zu reduzieren, erklärt Professor Christian Laforsch.

Die Uni will dazu erst herausfinden, welche Umweltrisiken die derzeit existierenden Massenkunststoffe bergen. Danach können die Materialien langfristig so verändert werden, dass sie dank ihrer neuen Eigenschaften keine schädigenden Effekte auf Organismen und auf die Umwelt insgesamt mehr aufweisen.

Bis es soweit ist, muss sich jeder an die eigene Nase fassen und mitmachen, fordert Abfallberater Zenk. Es landen weiterhin Lebensmittel komplett verpackt im Restmüll. Vorausschauendes Verhalten fange beim Einkaufen an. Es verlange Planung. Aber letztlich könne jeder mit kleinen Beiträgen langfristig etwas verändern.


Der Plan der Bundesumweltministerin

Bundesumweltministerin Svenja Schulze (SPD) will mit ihrem Fünf-Punkte-Plan den Plastikmüll reduzieren. Ihr Vorhaben umfasst unter anderem die folgenden Details:

In allen Städten an öffentlichen Orten soll Leitungswasser zur Verfügung stehen.

Schulze will einen Dialog mit dem Handel starten, damit unnötige Verpackungen - etwa Plastik um Gurken oder Bananen - aus Läden verschwinden. Vorbild ist die Selbstverpflichtung, Plastiktüten nicht mehr umsonst anzubieten.

Auf EU-Ebene will Schulze erreichen, dass Hersteller eine Lebensdauer ihres Produkts garantieren müssen, damit Kunden sich für Langlebigkeit entscheiden können. Zudem will sie, dass Produkte besser reparierbar und recycelbar werden, Ersatzteile vorrätig sein müssen und der Einsatz von Recycling-Kunststoff zur Pflicht wird.

Die Anforderungen an Kompost und zur Entsorgung verpackter Lebensmittel sollen strenger werden, damit weniger Plastikpartikel im Biomüll, in Biogas- und Kläranlagen landen.

Damit Hersteller mehr recycelten Kunststoff verwenden, soll es auch dazu einen Dialog mit der Wirtschaft geben.

Vor allem die Staaten, aus denen viel Müll in die Meere gelangt, will Schulze beim Aufbau von Sammel- und Recyclingsystemen unterstützen. Über zehn Jahre sind dafür insgesamt 50 Millionen Euro eingeplant.

 

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