Tagung in Bayreuth „Wir übertreiben es mit der Technik-Skepsis“

BAYREUTH. Was Daten sagen: Darüber haben sich 240 Experten in Bayreuth ausgetauscht. Prof. Daniel Baier hat die Tagung organisiert. Gekommen ist die Elite der Datenanalyse.

Herr Baier, womit beschäftigen sich Datenanalytiker? 

Daniel Baier: Sie gehen der Frage nach, wie man mit großen Datenmengen schnell umgehen kann. Daten zu sammeln, ist heute ja nicht mehr das Problem. Die Informatik sucht deshalb nach Wegen, wie man die Analyse der vielen Daten beschleunigen kann. Es geht um die Optimierung von Algorithmen, gerade vor dem Hintergrund, dass auf immer mehr Daten zugegriffen wird. Viele Experten meinen, dass das Wachstum bei den Rechen- und Speicherleistungen in einem gewissen Sättigungsbereich angekommen ist. Deshalb werden die Anforderungen an die Datenanalyse immer größer und komplexer und es wird daran gearbeitet, sie effizienter zu machen. 

Das klingt wenig populär. Die 
meisten Menschen haben eh schon das Gefühl, dass überall ihre 
Daten abgegriffen werden.  

Baier: Wenn sich jetzt nur Mathematiker und Informatiker über Datenanalyse unterhalten würden, dann hätte der Verbraucherschutz tatsächlich nicht den großen Stellenwert. Im Marketing hingegen muss man sich intensiv mit den Auswirkungen der Datenanalyse auseinandersetzen: Einerseits will man seine Verkaufsziele optimieren, andererseits muss man aber auch die Bedenken der Kunden im Blick behalten. Wenn heute jemand einen Online-Shop besucht, dann soll es eben nicht zwei Sekunden dauern, bis er eine Empfehlung erhält und eine personalisierte Werbeanzeige eingeblendet wird. Die Fragen lauten: Wie intensiv wollen die Kunden im Internet nachverfolgt werden? Wie sieht es mit dem Schutz der Privatsphäre aus? 

Wie weit kann man gehen? 

Baier: Dafür sind die Sprachassistenten ein schönes Beispiel: Man möchte die Sprachausgabe schneller und menschenähnlicher machen. Solange der Mensch die Kontrolle behält, wird sie noch akzeptiert. Sobald allerdings so ein System eine Art „Butler-Funktion“ übernimmt und ständig mithört, wird das von den Kunden wenig akzeptiert. 

Von den ethischen Bedenken zu den möglichen Vorzügen der digitalen Welt: Wie können die Menschen von einer optimierten Datenanalyse profitieren? 

Baier: Algorithmen können sehr hilfreich sein. Das Leben wird durch sie erheblich erleichtert. Im Medizinbereich passiert sehr viel Gutes durch die Digitalisierung. Zum Beispiel durch bessere Bildverarbeitung bei Krebsuntersuchungen können heute wesentlich schnellere Diagnosen gestellt werden. Ich habe das Gefühl, dass wir es in Deutschland an manchen Stellen mit unserer Technik-Skepsis übertreiben. Wir sind halt kein Land von Kartoffelbauern. Und wenn wir all die neuen Technologien nur den Chinesen und den Amerikanern überlassen, dann werden wir irgendwann eine Kolonie sein, in der nur noch Billiglohnarbeit gemacht wird. Man muss auch die internationale Komponente der Digitalisierung sehen.  

Das heißt: Sie betrachten eine schnelle Entwicklung bei der Digitalisierung und der Verarbeitung von Daten in der globalisierten Welt als Standortvorteil? 

Baier: Ja. Gerade in der industriellen Automatisierung hat sich bei den Experten die Stimmung ins Positive gewendet und Deutschland ist im internationalen Wettbewerb mittlerweile besser aufstellt. Es ist nicht mehr wie vor fünf Jahren, dass man Digitalisierungsprojekte gerade einmal auf der Ebene von Masterarbeiten an den Unis abgewickelt hat. Die positivere Stimmung zeigt sich auch dadurch, dass nun auch unsere Automobilhersteller sich stärker vernetzen und miteinander erste Kooperationen im Bereich der Künstlichen Intelligenz eingehen. Ein anderes Beispiel: Tesla hat im Moment riesige Probleme in seiner Produktion. Porsche hingegen hat bereits lange Wartelisten für seinen neuen Elektro-Sprinter. Was heißt das? Die Kunden trauen es eher dem deutschen Autobauer zu, dass er in der Lage ist, ein Auto in solider Qualität zu produzieren und gleichzeitig alle neuen Vorteile der Algorithmen zu nutzen. 

Über die rein wirtschaftliche Wertschöpfung hinaus: Wo sehen Sie auch gesellschaftlichen, ökologischen oder humanitären Nutzen einer intelligenteren Datenanalyse? 

Baier: Ich weiß beispielsweise von einem Projekt zur Waldforschung in Afrika. Dort wird untersucht, wie man die Beschaffenheit der Böden optimieren kann, indem man Daten und Informationen digital verarbeitet. Auch im Gesundheitsbereich kann man durch verbesserte Datenanalysen seltene Krankheiten selbst dann erforschen, wenn man relativ wenig Informationen hat und es nicht aus marktwirtschaftlichem Interesse von einem Pharmakonzern vorangetrieben wird. In der Forschung kann man also künftig kostengünstig viel erreichen. Schon jetzt sind die Zeiten vorbei, in denen man alle Experimente real durchführen muss. Wenn es Daten in guter Qualität gibt, dann lässt sich vieles noch besser mit Computern  simulieren. 



Zur Person: Daniel Baier ist Professor an der Rechts- und Wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät, Lehrstuhl für Innovations- und Dialogmarketing, der Universität Bayreuth. 

Auf seine Initiative fand in den
vergangenen Tagen die „European Conference on Data Analysis“ (ECDA) in Bayreuth statt. International führende Wissenschaftler haben dabei über neueste Methoden der Datenanalyse diskutiert.

 

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