Serie zum Ersten Weltkrieg Wahnfrieds Radikalisierung

"Geistige Granaten": Houston Stewart Chamberlain machte Wahnfried im Ersten Weltkrieg zu einem Zentrum der Propaganda. Foto: Archiv

BAYREUTH. Am Bayreuther Wesen soll Deutschland genesen: Nach der Niederlage im Ersten Weltkrieg stand Deutschland vor 100 Jahren vor einem Scherbenhaufen. Erneuerung erhofften sich viele Menschen ausgerechnet von Richard Wagners Werken. Eine Hoffnung, die gründlich trog.

Niederlage, Revolution und Republik: In Wahnfried brachte man den neuen Zeiten nach dem Ersten Weltkrieg keine Sympathien entgegen. "Pfui über Deutschland", schimpfte Siegfried Wagner. Und Hans von Wolzogen klagte in den Bayreuther Blättern: "Heutzutage - fast möchte man sagen: ,Heutzunacht'! Das ,Nach dem Kriege', was man sich als den ersehnten Frieden gedacht, ist übelster Unfriede, Umsturz, Auflösung, Untergang - Undeutschtum in unerhörtem Maße geworden. Man schämt sich des eigenen Volkes, man glaubt verzweifeln zu müssen an allem Deutschtum."

Es war ein schlimmer Kater, der dem nationalen Rausch des August 1914 folgte. Deutschland war erniedrigt, sein Heer geschlagen; allein im Bayreuther 7. Infanterieregiement Prinz Leopold waren über 3500 Soldaten gefallen - mehr, als das Regiment in Friedensstärke gehabt hatte. Man kann sich nicht vorstellen, in wie viele Familien Oberfrankens der Verlust des Sohnes, Vaters, Ehemanns Lücken gerissen hatte. Und alles, alles war umsonst gewesen. Nachdem die Heeresleitung bis wenige Wochen vor dem Ende des Krieges unverdrossen Siegesmeldungen hinausposaunt hatte, war der Zusammenbruch an der Westfront eine böse Überraschung gewesen, unfassbar für alle, die auf Deutschlands Überlegenheit vor allem in moralischer Hinsicht gebaut hatten. Um die Verantwortung für das militärische Debakel von sich zu schieben, setzte die Oberste Heeresleitung die Dolchstoßlegende in die Welt: das im Felde unbesiegte Heer sei von Demokraten, Juden und Bolschewisten in der Heimat gemeuchelt worden. „Wie Siegfried unter dem hinterlistigen Speerwurf des grimmigen Hagen, so stürzte unsere ermattete Front; vergebens hatte sie versucht, aus dem versiegenden Quell der heimatlichen Kraft neues Leben zu trinken“, schrieb Paul von Hindenburg in seinen Memoiren.

Der gemeuchelte Siegfried

Siegfried, Hagen? Die apokalyptische Sage passte zur deutschen Gemütslage. Vor allem in Bayreuth - dort war man quasi nibelungenerblich vorbelastet. Bayreuth hatte sich ohnehin von den ersten Tagen des Krieges an zu einem Zentrum der deutschen Propaganda entwickelt. Das lag weniger an Hans von Wolzogen und seinen elitär-verquasten "Bayreuther Blättern" als vielmehr an Houston Stewart Chamberlain, dem zum Deutschtum konvertierten britischen Erfolgsschriftsteller.

Der Brite gehörte zum engsten Kreis von Wahnfried. Mit Cosima Wagner verband ihn eine enge Freundschaft, 1908 hatte er sogar Richard Wagners zweite Tochter Eva geheiratet. Von Wagner hat der Wissenschaftsdilettant überdies zentrale Teile seines Gedankenguts entlehnt - etwa die Vorstellung einer jüdischen Rasse, die andere Rassen zerstöre. Hatte Wagner von der „gewaltsamen Auswerfung des zersetzenden Elements“ orakelt, schrieb Chamberlain von einem Ringen um Rassereinheit auf Leben und Tod. „Kein humanitäres Gerede kann die Tatsache beseitigen, dass dies einen Kampf bedeutet. Wo der Kampf nicht mit Kanonenkugeln geführt wird, findet er geräuschlos im Herzen der Gesellschaft statt durch Ehen, durch die verschiedene Resistenzkraft und Beharrlichkeit der verschiedenen Menschentypen.“

Der Überdeutsche aus England

Chamberlain, 1858 als Sohn eines englischen Admirals in Portsmouth geboren, hatte sich früh für Deutschland und seine Kultur erwärmt. „Je mehr ich andere Nationen kennen lerne, desto mehr liebe ich Deutschland und die Deutschen. Mein Glaube, dass die ganze Zukunft Europas, das heißt der Zivilisation, der Welt, Deutschland in den Händen liegt, ist zur Gewissheit geworden“, schrieb er schon als junger Mann.

Den Ausbruch des Krieges erlebte er unter Schmerzen, als die Nachricht von der englischen Kriegserklärung an Deutschland eintrifft, will er sich "wie ein krankes Tier in eine dunkle Ecke" verkriechen. Danach ist er mit sich im reinen. Und ergreift Partei, entschieden und unwiderruflich: Die Welt muss von den Segnungen deutscher Kultur und von der Friedensliebe des tückisch angegriffenen Kaiserreichs unterrichtet werden. Der Kaiser lobt ihn und die "geistigen Granaten" der Kriegsaufsätze. Und zeichnet ihn mit dem Eisernen Kreuz aus.

England als Hauptfeind

Als Hauptziel nahm Chamberlain Großbritannien ins Visier, das er als kulturlose und geldgierige Nation von Händlern und Strippenziehern schilderrt. Eine „gewisse Anzahl weitverbreiteter und daher einflussreicher Zeitungen“ und skrupellose Politiker hätten sich verschworen, die Deutschen niederzuschlagen. „Von Anfang an ist England die treibende Macht gewesen; England hat den Krieg gewollt und herbeigeführt; England hat die Entfremdung Außlands (sic!) von Deutschland bewirkt, England hat Frankreich unablässig aufgehetzt. (...) Eine Handvoll Männer waren es, die, bei kaltem Blute, zur Förderung materieller Interessen, vor etlichen Jahren dies beschlossen.“ Für ihn ist der Krieg ein „Kampf auf Leben und Tod“, zwischen „zwei Menschheitsidealen“, „zwei Lebensidealen“ und „Weltanschauungen“. Das globale Blutvergießen sei „in tiefsten Grund der Krieg des Judentums und des ihm verwandten Amerikanertums um die Beherrschung der Welt – der Krieg gegen Christentum, gegen Geistesbildung, gegen sittliche Kraft, gegen unkäufliche Kunst, gegen jegliche ideale Lebensauffassung“, für eine Welt der „schrankenlosen Plutokratie“. Gegen die "ideale Lebensauffassung" standen für Chamberlain auch Parlamentarismus und Demokratie.

Die massenhaft verbreiteten „Kriegsaufsätze“ kosteten Chamberlain seine britische Staatsbürgerschaft und brachten ihm 1916 die deutsche. Eine „neue Dimension“ der völkisch-rassistischen Wahnfried-Ideologie erkennt der Festspielexperte Oswald Georg Bauer in den Schriften Chamberlains, dessen Breitenwirkung weit über einen „inneren Zirkel“ hinausgegangen sei. Damit seien die Gleise „in die politische Radikalisierung Bayreuths nach der Niederlage gelegt“.

Ende mit dem "Parsifal"

Die Festspiele waren mit dem Kriegsausbruch 1914 unterbrochen worden. Als das deutsche Reich Russland den Krieg erklärte, stand der "Parsifal" auf dem Spielplan. Karl Muck dirigierte ihn schon mit unvollständigem Orchester zu Ende, ab dem zweiten Aufzug leerten sich auch die Reihen im Zuschauerraum. Das war's dann, schon am 2. August wurde nicht mehr gespielt. Die Festspielleitung erstattete die Karten, zahlte aber auch Löhne und Gagen. Mit dem Ablauf der Schutzfrist 30 Jahre nach Wagners Tod gingen der Familie wichtige Einnahmequellen verloren. Noch mehr Geld verloren die Wagners, da ihr Bankier Adolf von Groß das Vermögen in Kriegsanleihen angelegt hatte. Nach der Niederlage 1918 und der Inflation stand die Familie vor dem Ruin.

Und die Familie Wagner hatte auch noch Geld verloren; viel Geld. Die Zukunft war düster, und Gewissheit verbreiteten die Bayreuth-Propagandisten im Kreis um Cosima Wagner nur in einem Punkt: Deutschlands Gesundung konnte nur in Bayreuth beginnen. "Wir haben Bayreuth, und damit den Beruf, den Grund, die Pflicht zur Gemeinschaft. Es ist uns ein Bundesheiligtum", schrieb Hans von Wolzogen.

Die Gemeinschaft aber konnte nach Bayreuths Vorstellung nur eine völkische sein, unter der Führung eines starken Mannes, und keinesfalls eine demokratische. Wahlen - für Siegfried Wagner - und nicht nur für ihn - ein Graus: "Nun mit Deutschland ist's zu Ende für alle Zeiten. Jehovah hat sein Volk zum Siege geführt, und wir sind geknechtet!" Eine Zeitzeugin erinnert sich: "Wer in jenen Jahren mit dem Geist des Hauses ,Wahnfried' in irgendeine Berührung kam, musste erschrecken vor der Enge des politischen Horizonts, der einem hinterpommerschen Gutshof eher gemäß wäre als den Nachfahren Richard Wagners. So war innerlich der Boden schon bereitet für das Auftreten des schmächtigen Trommlers aus Braunau."

Der ließ auch gar nicht mehr lange auf sich warten. Am 30. September 1923 hielten die Nazis in Bayreuth einen "deutschen Tag" ab. Hitler besuchte Wahnfried. Und er sprach mit Chamberlain. "Dass Deutschland in der Stunde seiner höchsten Not sich einen Hitler gebiert, das bezeugt seine Lebendigkeit", schrieb Chamberlain nach dem Besuch in einem Dankesbrief. Ein Jahr später feierten die Bayreuther Festspiele mit den "Meistersingern" Vier Jahre später starb Chamberlain, und Hitler sprach bei seiner Beisetzung. Viel länger aber noch hielten die Bande, die der künftige Diktator zu Haus Wahnfried geknüpft hatte.

 

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