Richters wollen in die Körperwelten

Gunther von Hagens "Körperwelten"-Schauen machten Furore und lösten Skandale aus. Echte menschliche Körper, mit Kunststoff konserviert, zu kunstvollen Posen arrangiert - das ist für viele Menschen unmoralisch, ja, gotteslästerlich. Noch immer. Ein Paar aus Neuenmarkt erklärt dennoch offen, warum es seine Körper für eine Ausstellung spenden will.

Er habe seine Frau auf dem Fußballplatz kennengelernt. Behauptet er. Na ja, sagt sie und lacht. „Ich bin doch nur am Platz vorbeigegangen und hab den Hund ausgeführt.“ Wie man nun einander kennengelernt hat, vor über 30 Jahren – diese Frage scheint offen zu sein. Es ist das einzige Mal, dass die beiden an diesem Abend entfernt so etwas wie Meinungsverschiedenheit andeuten: Carmen und Roland Richter, sie 51, er 57. Nicht mehr jung, noch längst nicht alt, irgendwo dazwischen, sie wirken ziemlich zufrieden. „Wir sind lebensfroh“, sagt er. Sie nickt eifrig und lacht wieder. Man ist sich wieder vollkommen einig. Man ist im Hier und Jetzt, in einem Haus am Rande von Neuenmarkt, gemütlich eingerichtet, es sieht so aus, als könne man es hier aushalten.

Nicht im Grab vermodern

Seltsam, dass die beiden über die letzten Dinge nachdenken. Nicht dauernd vielleicht, aber endgültig. Die beiden wollen nicht verbrannt werden, nicht im Grab vermodern. Sie wollen sichtbar bleiben. Für immer. Das heißt: zumindest so lange, wie Kunststoff hält. Seit über zehn Jahren denken sie daran.

Und das kam so.

Sie brennt für Anatomie. Zum 40. Geburtstag schenkte also er ihr einen Ausflug nach Guben, in eine Stadt ganz im Osten von Ostdeutschland. Dort gibt es das Plastinarium von Gunther von Hagens, „Erfinder der Plastination, eines dauerhaften Konservierungsverfahrens toter Körper mittels Austauschs der Zellflüssigkeit durch reaktive Kunststoffe“. So kann man das auf Wikipedia nachlesen.

Millionen Menschen haben die Körperwelten schon gesehen

Gunther von Hagens: das ist der Macher der berühmten – manche sagen auch: berüchtigten – Körperwelten-Ausstellungen. In Guben kann man in der Schauwerkstatt sehen, wie Hagens' Gehilfen Leichnamen annähernd ewiges Leben verleihen. Wohlfeile Effekthascherei, um die Schaulust von Sensationsgierigen zu befriedigen. Das sagen Kritiker. Um zu zeigen, wie die Wundermechanik des Körpers aussieht, wie sie funktioniert. Wie man sie ruinieren kann. Das sagen Befürworter. Wie dem auch sei – das Ergebnis haben Millionen gesehen. Millionen in der ganzen Welt.

Roland Richter war erstmal skeptisch. „Da sieht man doch – Leichen.“ Das Gefühl des Unwohlseins habe sich aber schnell verflüchtigt und sei einer Faszination gewichen, sagt er. Carmen Richter war gespannt und dann doch zunächst irritiert. Aber auch das gab sich. Danach meldeten die beiden Interesse an. Körperspender wollten sie werden. Eingehen in Hagens' Schau.

Organ-, Stammzellen- und Blutspender

Das habe nichts mit Sehnsucht nach Unsterblichkeit zu tun, sagt er. „Körper und Seele gehen irgendwann getrennte Wege.“ Der Körper ist etwas, was zurückbleibt, die Seele strebt woanders hin. Roland Richter schwebte mal für Sekunden, Minuten er kann es nicht sagen, zwischen Leben und Tod. Er habe Licht gesehen. Wenn die Seele so gut aufgehoben ist, warum dann Angst haben, warum sich um die sterbliche Hülle sorgen? Carmen Roland denkt praktisch. „Im Grab liegen, vermodern, verwesen? All die Maden? Nein. Dann habe ich es lieber warm und trocken." Sie lacht wieder. Sie macht keine Witze. Aber die Vorstellung, tief im Erdreich zur gärenden Biomasse zu werden, erscheint ihr abstrus.

Die beiden helfen gerne. Sie haben den Organspenderausweis, spenden Blut, stellen sich zur Not für Stammzellentests zu Verfügung. Den Körper zu spenden hat auch etwas damit zu tun. Das Wunderwerk sichtbar machen – vor allem Carmen Richters Augen leuchten bei dieser Vorstellung. Die beiden Eheleute mussten, bevor sie als Spender akzeptiert wurden, einen dicken Fragenkatalog durcharbeiten. Ganz ausgestellt werden oder nur in Teilen, nur im Inland oder auch im Ausland – ja, nun mach dir mal Gedanken, was aus dir wird, du kleiner Mensch. „Einen ganzen Sonntag haben wir dafür gebraucht“, sagt Carmen Richter.

Auf ewig einem Fußball hinterher hechten

In welcher Pose man final erstarrt: auch das gehört zum Katalog. Roland Richter könnte sich vorstellen, als enthäuteter Torwart auf ewig einem Ball hinterherzuhechten. Fußball hat er gespielt, in Trebgast, als zweiter Torwart eines Bayernliga-Teams, war Vorsitzender eines Vereins. Carmen Richter hat Antworten auf die Fragen gesucht, ob man eventuell auch beim Geschlechtsakt nochmals zusammenfinden könne. „Dann aber nicht mit meinem Mann, hab ich gesagt. Den hab ich doch schon so lang gesehen.“ Sie lacht wieder, diesmal hat sie das als Witz gemeint, und gleich wandert ihre Linke zur Rechten ihres Mannes.

Eigentlich wollen die beiden nur eines. Dass alles geregelt ist. Grab, Urne – alles kostet Geld,viel Geld. Der Sohn ist wohl mäßig begeistert von der Idee der beiden, andererseits: „Ein Friedhofgänger und Grabpfleger ist er auch nicht.“ Das sagt Carmen Richter. So, wie die beiden es sich vorstellen, wäre man dann irgendwann mal weg. Und doch noch da.

Vielleicht sogar in Amerika

Wenn einer der beiden stirbt, bleibt nicht viel Zeit für einen Abschied. Dann kommt innerhalb von 36 Stunden das Bodymobil. Es geht dann erst nach Heidelberg und dann nach Guben. Dort wird der Körper aufbereitet, ausgetrocknet, es folgt das eigentliche Verfahren der Plastination, das Körperflüssigkeiten durch einen speziellen Kunststoff ersetzt. Danach würden er oder sie in einer Ausstellung zu sehen sein. Vielleicht sogar in Amerika. Das fänden beide gar nicht schlecht. Sie reisen gerne, bevorzugt ans Meer.

Bis zur letzten Reise ist noch Zeit. „Der Tod hat noch nicht geklingelt, vielleicht sucht er im Moment aber auch nur nach dem Parkplatz“, sagt Carmen Richter. Aller Wahrscheinlichkeit nach ist er überhaupt grad ganz woanders. Und so haben die beiden noch einige Aussicht auf Feste und Feierlichkeiten auch in ihrem Haus.

Ein 60er mitten in Oberfranken

Die Garage wird zur Weltmeisterschaft ganz sicher wieder zum Treffpunkt von Fußballfans werden. Sie schaut eher selten Spiele an, bevorzugt dann, "wenn Deutschland spielt". Fußball mag vor allem Roland Richter. Und das ist das Seltsamste an der ganzen Geschichte. Roland Richter ist, mitten in Oberfranken – Fan von 1860 München.

Das ist der Verein, der noch öfter tot war als der Club. Und doch leben beide noch, der Club ebenso wie 1860, Tausende von Fans überzeugen sich jedes Wochenende aufs neue von dieser fundamentalen Tatsache. Nach allem, was man weiß, hatte Gunther von Hagens mit diesen Wiederauferstehungen nichts zu tun.

INFO: Bis zum 6. Mai präsentieren Gunther von Hagens und Kuratorin Angelina Whalley ihre aktuelle Ausstellung "Körperwelten & Der Zyklus des Lebens" im ehemaligen Gartencenter des Donau-Einkaufszentrums. O-Ton Veranstalter: Die einzelnen Stationen – von der Zeugung bis ins hohe Alter – laden dazu ein, sich intensiv mit seinem eigenen Körper und Lebensstil zu beschäftigen.

 

 

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