Premiere an der Stuttgarter Staatsoper Lohengrin: Kein Wunder

Hat die Schnauze voll vom Mythos: Lohengrin (Michael König) pfeffert in der Inszenierung von Arpad Schilling an der Stuttgarter Staatsoper den Schwan voll Wut gegen die Wand. Foto: Matthias Baus

STUTTGART. Als ob die Aufgabenstellung gelautet hätte: Wie bringt man „Lohengrin“ in größtmöglichem Kontrast zur Bayreuther Produktion des Jahres 2018 auf die Bühne. Die Stuttgarter Staatsoper startete am Sonntag mit der Premiere von Richard Wagners vermeintlich romantischer Oper in die neue Saison. Mit einer Lesart, die der eine oder andere Wagnerianer wohl als Provokation empfinden dürfte, deren szenische Realisierung aber erstaunlich plausibel wirkt. Lohnt sich also die Fahrt von Bayreuth ins zu Zeiten von Wieland Wagner so genannte „Winter-Bayreuth“?

Sie lohnt sich nicht für denjenigen, der mehr als drei Stunden lang auf das finale Schwanen-Wunder mit eingebauter Rückverwandlung in den neuen Heilsbringer Gottfried hinfiebert. Sie lohnt sich auch nicht für denjenigen, der das Stück in bildmächtigen Kulissen in dekorativer Ausstattung genießen möchte und sich dem mythisch-märchenhaften Zauber der Oper hingeben will. Wie sagte doch Festspiel-Musikdirektor Christian Thielemann über die aktuelle Bayreuther Produktion mit den Bühnenbildern von Neo Rauch: Nie habe er „Lohengrin“ poetischer dirigiert. Das wäre wohl vor dem neutralen, jeglichen Dekor verweigernden Raum des Bühnenbildners Raimund Orfeo Voigt, der in Stuttgart am Werk war, nicht möglich gewesen. Fürs Poetische ward hier nicht der Teppich ausgerollt. Stattdessen ging es in der Inszenierung des ungarischen Regisseurs Arpad Schilling dem holden Schwan sowohl im übertragenen Sinn als auch recht handgreiflich an die Gurgel. An den schönen Mythos glaubt hier niemand. Am wenigsten Lohengrin selbst, der das abgemurkste Tier in einem Akt der Selbsterkenntnis voll Wut gegen die Wand pfeffert.

Mann aus dem Volk

Lohengrin ist in dieser Inszenierung kein von außen gesandter Erlöser, sondern ein Mann aus dem Volk, der sich in keiner Weise von der Masse abhebt. Er könnte beim Daimler am Band stehen. Warum ausgerechnet er das in Not geratene Volk der Brabanter anführen soll, kann er nicht verstehen. Somit ist neben Elsa hier auch Lohengrin in gewisser Weise ein Unwissender.

An der Stuttgarter Staatsoper werden Fragen verhandelt, die das Stück als ein ziemlich aktuelles erscheinen lassen: Nach welchen Kriterien bestimmt eine Gemeinschaft ihre politische Führung? Hat sie überhaupt ein Interesse daran, dies selbst zu tun? Wie mündig ist das Volk? Was geschieht im Falle eines Machtvakuums, wenn – wie in dieser Inszenierung des ungarischen Regisseurs – der Schwan einfach nicht kommen will?

Ortrud greift zur Macht

Kurz vor Ende des Stücks sieht man also: Alle recken die Arme gen Himmel und warten auf den Erlöser. Doch, das Wunder – wen wundert’s – bleibt aus. In diesem Moment des Machtvakuums lässt die Regie Ortrud zur Macht greifen. Sogleich beugt sich das Volk ihrem Willen und verhält sich so, wie es sich in konventionellen Inszenierungen gegenüber Lohengrin verhält: unreflektiert und unmündig. Dies herauszuarbeiten gelingt der Regie sehr nachdrücklich. Der Chor nimmt in dieser Produktion die wichtigste Rolle ein.

Neuer Generalmusikdirektor

Die „Lohengrin“-Premiere vom Sonntag markiert einen personellen Neustart des Württembergischen Staatstheaters mit dem nun amtierenden Intendanten Viktor Schoner und dem Generalmusikdirektor Cornelius Meister, der die Eröffnungspremiere dirigierte. Mit letzterem verbindet man in der Schwabenmetropole die Hoffnung, dass das Haus, das seit vielen Jahrzehnten große Regie-Erfolge feiert, auch in musikalischer Hinsicht zur Spitzenklasse aufschließen kann. Jedenfalls war am Premierenabend viel vom Temperament des jungen Dirigenten zu spüren. Der Start in die neue Saison gelang verheißungsvoll, wenngleich noch nicht alle Bläsereinsätze – etwa auch im Vorspiel zum ersten Akt – makellos funktionierten. Aus dem guten Gesangsensemble mit Goran Juric (Heinrich der Vogler), Michael König (Lohengrin), Simone Schneider (Elsa von Brabant) und Shigeo Ishino (Heerrufer) ragte Okka von der Damerau heraus, die die Ortrud klangschön und mit stimmlicher Durchschlagskraft gestaltete.

Die Fahrt von Bayreuth nach Stuttgart lohnt sich also für denjenigen, der bereit ist, „Lohengrin“ als gesellschaftspolitisches Stück zu begreifen. Überdies hört man im „Winter-Bayreuth“ einen der besten Opernchöre der Welt und eine Ortrud auf Festspielniveau.

INFO: Weitere Aufführungen: 3., 14., 20., 27. Oktober, 3. und 5. November.

0 Kommentare

Kommentieren

  1. Passwort vergessen?
  2. * = Pflichtfeld
Sie haben noch keinen Benutzer-Zugang? Jetzt registrieren!

Wenn Sie einen Kommentar verfassen, so wird dieser unter Ihrem Klarnamen, also dem von Ihnen angegebenen Vor- und Nachnamen veröffentlicht. Sollte Ihr Kommentar nicht sofort erscheinen, bitten wir Sie um etwas Geduld. Wir behalten uns vor, Kommentare vor der Veröffentlichung zu prüfen. Bitte beachten Sie hierzu auch unsere Netiquette.

loading