Neo Rauch bei den Festspielen Grüner Hügel, in Blau getaucht

BAYREUTH. Zu den faszinierendsten Ereignissen der aktuellen Festspiele gehört das „Lohengrin“-Bühnenbild von Rosa Loy und Neo Rauch. Eine ganze Menge Elemente aus Neo Rauchs Werk erkennt man im Bühnenbild wieder.

Die Farbe Blau

Neo Rauch tauchte den Grünen Hügel für den „Lohengrin“ in Blau. Er hatte es im Einspielfilmchen zur Neuproduktion der Festspiele angekündigt: „,Lohengrin‘ ist blau.“ Allerdings wusste er nach eigener Aussage zunächst nicht, was schon Friedrich Nietzsche geschrieben hatte: „Lohengrins“ Musik sei „blau, von opiatischer, narkotischer Wirkung“. In kleiner Presserunde sagte Neo Rauch, er verdanke seine Farbgebung vielmehr der Verbindung von brabantischem, also niederländischem Schauplatz und dem Gedanken an Delfter Kacheln. Und die sind – blau.

Der grüne Mann

Ist er ein Ampelmann oder ein Grünes Männchen? Am Ende der Inszenierung von Yuval Sharon taucht Gottfried auf – vom Scheitel bis zur Sohle grasgrün gewandet mit Grasgesicht. Diese Gestalt taucht seit langem in Rauchs Bildern auf, etwa in „Alter“ (2001) und „Vorgänger“ (2002). In „Sturmnacht“ (2000) umschreiten Jäger in grüner Gewandung das Schlafzimmer eines unruhig Schlummernden. Liegt des Rätsels Lösung in Neo Rauchs Lektüre? Er liest gerne Ernst Jünger, schätzt dessen Erzählung „Auf den Marmorklippen“. In diesem Buch kämpft eine elitäre Gemeinschaft gegen die tyrannische, mörderische Figur des „Oberförsters“ – in dem nicht wenige Zeitgenossen den Naziverbrecher Hermann Göring wiedererkannt haben wollten. Eine weitere Deutung stützt sich auf eine Äußerung Neo Rauchs: Der Grasmann sei eine erträumte Gestalt, ein Naturwesen aus den Mythen alter Völker, das aus Bäumen oder Pflanzen herausschaut.

Das Andreaskreuz

Im Umspannwerk, das den Schauplatz für den zweiten Teil des dritten Aufzugs darstellt, bilden Treppe und Eisenträger ein exaktes Andreaskreuz – so wie man es an Bahnübergängen findet. In Neo Rauchs Bildern ist das Andreaskreuz eine häufige Zutat. Vielleicht bewältigt er damit ein Trauma: Am 15. Mai 1960, vier Wochen nach der Geburt Neo Rauchs, kamen seine Eltern Hanno Rauch und Helga Wand beim schwersten Eisenbahnunglück der DDR ums Leben. „Wegen des frühen Unfalltods meiner Eltern lag sicher von Anfang an ein Schatten über der Familie“, sagte er dem „Westfalen-Blatt“.

Motten

Die Adeligen im „Lohengrin“ tragen Mottenflügel. Die Heerscharen sammeln sich am Ende unter dem Feldzeichen der Motte. Motten sind in Neo Rauchs Bildern häufig zu sehen. Etwa im Gemälde „Ungeheuer“. Einen Menschen mit Mottenflügeln erkennt man zum Beispiel auch in „Bon si“ (2006). „Bon si“? Gut so, oder auch schön, wenn... Ein Hinweis auf das „Mottenreich“ der Menschen, über das Goethes Faust spottet? Oder im aktuellen „Lohengrin“ eine Anspielung auf den Schauplatz an der Schelde, an deren sumpfiger Mündung Insekten die wahre Herrschaft ausüben. Motten streben, nach allem, was man weiß, nach Licht, nach Wärme. Und Energie, elektrische Energie, spielt eine wichtige Rolle in dieser Inszenierung. Für die Flattermänner nimmt das Streben nach Licht bekanntlich oft ein böses Ende.

Hüte und Kragen

Die Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen ist in Neo Rauchs Werk so etwas wie der Basso Continuo. man muss sich dessen nicht dauernd bewusst sein. Doch es ist da, bildmächtig und nicht wegzudiskutieren. Auch die Männer in seiner „Lohengrin“-Ausstattung tragen Kostüme, die weder in das Mittelalter noch in die Gegenwart passen, eher erkennt man sie in Bildern von Anthonis van Dyck wieder – als Uniform niederländischer Ratsherren. Andere Mitwirkende tragen Mützen mit überlangen Schirmen, die an die Schnäbel von Vögeln erinnern. Da trifft Hieronymus Bosch auf neue Leipziger Schule – man sieht Fabelwesen in einem Alptraum, der sich an einer Flussmündung abspielt.

Die Gesten

Im Chor sieht man immer wieder Menschen, die mit ihrer Haltung und ihren Gesten wie in einem Gespräch eingefroren wirken. Pathetische Gesten, die man durchaus auch mal in Gemälden anderer Meister gesehen zu haben glaubt, gehören zu

Der Heerrufer

Egils Silins gibt in der neuen Bayreuther Produktion den Heerrufer mit Frisur und Barttracht, die an die zentrale Figur von Neo Rauchs Gemälde „Krönung“ erinnert. Im „Lohengrin“ wird der arme Kerl in der Gasse zwischen den Chören hin und her geschubst. Auch das lässt an die „Krönung“ denken: Der mit einem Zylinder Gekrönte will ja gar nicht herrschen, ein grobschlächtiger Brutalo aber zwingt ihn auf die Knie. Wehren kann er sich nicht, seine Hände sind quasi gefesselt. Ja, ja, die Ohmacht der Mächtigen. Egils Silins sagt etwas dazu: Ursprünglich sollte der Heerrufer als Überbringer schlechter Nachrichten gelyncht werden. Das passte dann aber doch nicht so zum Text. Das Anmopsen wäre dann das, was von der Regie-Idee des aggressiven Mobs übriggeblieben ist.

Schilf

Wie sehr doch Neo Rauch der Schauplatz an der Schelde elektrisiert haben muss. Gemälde wie „Schilfland“ (2009), mit einer verletzlich exponierten Nackten und ratlosen Männern im Sumpf, malte er schließlich schon lange bevor er seine Unterschrift unter den Bayreuther Vertrag setzte. Motten sieht man übrigens auch in diesem Bild.

Trafohäuschen und Umspannwerk

Verlassene, nutzlose technische Einrichtungen finden sich immer wieder bei Neo Rauch, ebenso Isolatoren aus Keramik: Die unnütze Technik in einer aus den Fugen geratenen Unwirklichkeit. In der aktuellen Inszenierung drücken die zunächst untüchtigen Anlagen sowohl Verzweiflung als auch Hoffnung der Brabanter aus. Aus den himmlischen Sphären des Gralskönigtums soll die belebende Energie fließen. Er kommt ja dann auch, der Sohn des Gralskönigs. „Lohengrin ist die Birne, die man in die Fassung schraubt“, sagte Neo Rauch der „Zeit“. Allein, der Funke springt nicht über – wie wir später im Brautgemach sehen können. Elsa bleibt dem himmlischen Apparatschik, gekleidet wie Techniker aus anderen Gemälden Rauchs, gegenüber skeptisch und lässt sich von ihm durchaus nicht fesseln. Lohengrins Versuch, unerkannt Mensch zu werden, ist damit zum Scheitern verurteilt. Am Ende sterben nicht die Frauen, vielmehr sinkt das Kriegsvolk entseelt nieder. Damit hätten sich die Frauen emanzipiert, aber zu einem möglicherweise allzu hohen Preis – siehe grünes Männchen.

Und Rosa Loy?

Wir haben viel von Neo Rauch erzählt, nichts von Rosa Loy. Dabei sind die beiden offenbar ein perfektes Paar, in der Kunst wie im Leben. Neo Rauchs Frau soll, so sagten beide, die Kostüme für die Frauen entworfen haben. Mit Anklängen an Comics wie auch den sozialistischen Realismus. Soll es das gewesen sein? Wir denken bei der überwältigenden Gesamtwirkung eher an einen Loy-Rauch, der den Zuschauer so eindrucksvoll umwabert, dass er damit auf längere Zeit nicht fertig wird.

Und nun?

Keine Erlösung, nirgends. Was Neo Rauch als romantisches Märchen beginnen lässt, endet arg. Man sollte sich allerdings nicht zu sehr deprimieren lassen. Dirigent Thielemann, nach eigenem Bekenntnis von Neo Rauch tief beeindruckt („so habe ich den ,Lohengrin‘ noch nie dirigiert“), warnt ohnehin vor Analyse: „Man muss nicht alles ergründen.“ Rosa Loy sagt es so: „Es geht ja auch um die Verzauberung des Stücks und des Publikums.“

 

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