Nachfolgeprobleme Neuer Chef dringend gesucht

Symbolfoto: dpa

BAYREUTH. Wer tritt in die Fußstapfen des Chefs? Auch in Oberfranken bleibt diese Frage oft lange ungeklärt.

Er steht beruflich in den besten Jahren, die Firma floriert, die konjunkturelle Lage auf dem Bau ist stabil: Wenn es so etwas wie Sicherheit in der Selbstständigkeit gibt, dann hat sie Oliver Krummholz jetzt. Er kann über einen Zeitraum von fünf Monaten planen, die Auftragsbücher seines Metallbaubetriebes sind voll. „Handwerk hat noch immer goldenen Boden“, freut sich der 48-Jährige.

Doch denkt er weiter in die Zukunft, graben sich Sorgenfalten in seine Stirn: Der gemeinsame Kinderwunsch von ihm und seiner Ehefrau bleibt unerfüllt – und völlig ungewiss ist, wer einmal den Coburger Traditionsbetrieb mit seinen derzeit 17 Beschäftigten in einer vierten Generation übernehmen könnte. „Ich werde wohl an jemanden Fremden übergeben müssen.“ Das wäre das Aus der Krummholz‘ als Unternehmerfamilie.

Bei 2000 Firmen ist die Nachfolgefrage akut

Eine Befürchtung, die nach einer Erhebung des Bayerischen Wirtschaftsministeriums aus dem Jahr 2017 rund 9000 bayerische Betriebe in Handwerk und Handel teilen. 2100 von ihnen gelten als „attraktiv und reif für eine Übergabe“. Für die oberfränkischen Industrieunternehmen zeichnet sich kein anderes Bild ab. In den kommenden fünf Jahren müsste im Bezirk der Industrie- und Handelskammer Oberfranken Bayreuth in 2000 Firmen ein Nachfolger für den jetzigen Chef gefunden werden. 

Dies geht aus einer Studie der Universität Bayreuth im Auftrag der IHK, den Sparkassen, den Genossenschaftsbanken und der Oberfranken-Stiftung hervor. Und bei der IHK Coburg schätzt man die Lage nicht besser ein. Dort geht man von zehn bis 15 Prozent der 8000 Mitgliedsunternehmen aus, für die in den nächsten fünf bis zehn Jahren die Fortführung des Betriebes ein Thema ist. „Bedenklich ist, dass über die Hälfte der 50- bis 60-jährigen Unternehmenslenker noch keine Entscheidung über ihre Nachfolge getroffen haben“, sorgt sich Gabriele Hohenner, Hauptgeschäftsführerin der IHK für Oberfranken Bayreuth. 

Oliver Krummholz möchte damit nicht mehr allzu lange warten. Wenn es schon keinen Nachfolger aus der eigenen Familie geben kann, dann sollte zumindest der Betrieb weiterlaufen können, wenn er einmal in den Ruhestand geht – schon allein aus Verantwortung gegenüber seinen Mitarbeitern. „Ich möchte, dass mein Unternehmen weiterhin erfolgreich besteht. Was ich dafür brauche, ist ein Metallbaumeister, den ich über mehrere Jahre an diese Aufgabe heranführen kann. Er muss in die Firma hineinwachsen.“

Suche in den Meisterschulen

Entweder findet sich dieser Kandidat schon in den eigenen Reihen oder der Firmenchef wird sich extern auf die Suche begeben, beispielsweise in den Meisterschulen der Region. Ein Vorgehen, das auch die oberfränkische Handwerkskammer unterstützt. „Da im Handwerk noch viele Familienbetriebe vorkommen, wird häufig zuerst der Wunsch verfolgt, einen Nachfolger aus der Familie zu finden. Gelingt dies nicht, werden in einem zweiten Schritt andere Möglichkeiten angedacht“, so Hauptgeschäftsführer Thomas Koller.

Für den Arzberger Unternehmer Thomas Manzei hat sich die Hoffnung, dass der Betrieb später einmal in den Händen der Familie bleibt, bereits erfüllt. Der 51-Jährige führt in der zweiten Generation die Purus Plastics GmbH – und die dritte ist bereits dabei, sich in der Firma an wichtigen Positionen zu etablieren. Tochter Kristin, die Internationales Management studiert hat, arbeitet seit ein paar Jahren in der Personalabteilung, hat mittlerweile deren Leitung übernommen. Sohn Thomas macht eine Ausbildung zum Verfahrensmechaniker für Kunststoff- und Kautschuktechnik und kann nach dem Abschluss eine wichtige Rolle im produktionstechnischen Bereich übernehmen. „Dass unsere Kinder dieses große Interesse an der Firma zeigen, ist die größte Motivation“, freut sich der Geschäftsführer.

Das führt er nicht zuletzt auf das vor 25 Jahren von seinem Vater Jürgen entwickelte Geschäftsmodell und dessen „Pioniergeist“ zurück. Die Idee: Kunststoffabfälle recyclen und aus diesen Materialien neue Kunststoffprodukte fertigen. Das umweltentlastende und ressourcensparende Ergebnis: Bodengitter für den Außenbereich sowie Paletten und Spulen aus nahezu 100-prozentiger, nachhaltiger Rohstoff-Wiederverwertung. „Wie auch ich, als ich gleich nach der Firmengründung 1994 in das Unternehmen eingestiegen bin, können sich meine Kinder sehr mit diesem Modell identifizieren.“ Es treffe den ökologischen Zeitgeist der jungen Generation. 

Um dieses Engagement dauerhaft zu festigen, legt Thomas Manzei auf zwei Dinge besonderen Wert. Zum einen auf die Entfaltungsmöglichkeiten: Der Geschäftsführer bindet seine Kinder intensiv in alle strategischen Überlegungen ein, damit sie ihre eigenen Ideen einbringen können. Zum anderen das familiäre Miteinander im Unternehmen: „Uns prägt die Toleranz zwischen drei Generationen. Meine Kinder können sich jederzeit Rat holen und Fragen stellen.“ Das sei keine Schwäche, sondern Stärke. „Nur in einem Vertrauensverhältnis können wir gemeinsam erfolgreich sein.“

Ein Erfolg, den sich andere Unternehmer wünschen, die ihre Nachfolge noch regeln müssen. Metallbaumeister Oliver Krummholz zumindest will nicht, dass die Früchte seiner Arbeit für immer verloren gehen. Die Voraussetzungen wären da: „Von meinem guten Namen könnte ein Nachfolger noch lange profitieren.“


Initiativen der Kammern in Oberfranken

Seit zehn Jahren gibt es – deutschlandweit einzigartig – den Nachfolger-Club der IHK für Oberfranken Bayreuth. Die IHK begleitet die Firmen während des gesamten Übergabeprozesses, stellt Kontakte zu möglichen Interessenten her und unterstützt die Beteiligten in fachspezifischen Fragen. Dadurch konnten 421 Unternehmensnachfolgen durch ein sogenanntes Management Buy-in (Übernahme durch ein externes Management) und in 158 durch eine familieninterne Regelung realisiert werden.

Die IHK Coburg bietet Nachfolgetage sowie spezielle Seminare und Beratungen an. Diese Angebote richten sich zum einen an Gründer, die sich für eine Nachfolgelösung interessieren, zum anderen an Senior-Unternehmer, die noch keinen Nachfolger gefunden haben. Im vergangen Jahr wurden 45 solcher Unternehmen beraten. 90 Prozent der Ratsuchenden beschäftigen weniger als 50 Mitarbeiter.

 

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