Mordfall Sophia L. "Instrumentalisierung durch die AfD ist unerträglich"

Andreas Lösche, der Bruder der getöteten Studentin Sophia L., muss den Schmerz über den Verlust seiner Schwester noch immer verarbeiten. Foto: Nicolas Armer/dpa

BAMBERG. Andreas Lösche hat in diesem Jahr seine Schwester verloren. Die 28-jährige Sophia wurde ermordet, mutmaßlich von einem Lastwagenfahrer aus Marokko. Ihr Bruder trauert und kämpft zugleich. Darum, dass das Schicksal seiner Schwester nicht von Rechtspopulisten für deren Zwecke instrumentalisiert wird. Und darum, dass die Polizei aus den Fehlern lernt, die sie aus Lösches Sicht begangen hat.

Herr Lösche, wie geht es Ihnen?

Andreas Lösche: Na ja, das ist eine Frage, die ich auf absehbare Zeit wahrscheinlich nicht mit „gut“ beantworten kann.

Sie sagten in einem Gespräch mit dem „Tagesspiegel“, Sie hätten die ganze Zeit funktionieren müssen und kaum Zeit zum Trauern gehabt. Sind Sie mittlerweile dazu kommen?

Lösche: Ja, das ist besser geworden. Es ist jetzt halbwegs Ruhe eingekehrt.

Wie macht man das?

Lösche: Im Prinzip bin ich jetzt einfach der Öffentlichkeit aus dem Weg gegangen und den vielen Presseanfragen. Dadurch ist die Ruhe eingekehrt, die man braucht.

Sie sind über lange Zeit sehr offensiv mit dem Fall umgegangen und haben zum Beispiel mit öffentlicher Kritik an der Polizei nicht hinterm Berg gehalten. Haben Sie das im Nachhinein mal bereut?

Lösche: Das habe ich nicht bereut und halte es nach wie vor für richtig. Die Kritik ist berechtigt. Es widerspricht uns ja auch niemand. Ich bin der Meinung, dass, wenn so was passiert ist, das aufgearbeitet gehört. Nur dann kann ja daraus gelernt werden aufseiten der Polizei. Und ich denke, wenn dieser fürchterliche Fall irgendetwas halbwegs Gutes noch haben kann, dann ja vielleicht, dass es dem nächsten Opfer und seinen Angehörigen besser geht als uns.

Welche Lehren erhoffen Sie sich?

Lösche: Ich habe ja die Innenminister der beiden zuständigen Länder Sachsen und Bayern angeschrieben, auch mit einem halbwegs detaillierten Protokoll der ersten vier oder fünf Tage, und sie aufgefordert, das mal auf eine Innenministerkonferenz zu tragen. Es kann nicht sein, dass ein Mensch zwischen zwei Bundesländern verschwindet, und dann ist niemand mehr zuständig. Ich bin der Meinung, es gehört auf die Innenministerkonferenz, dass die Kommunikation zwischen den Bundesländern verbessert wird; denn wir wissen ja nicht, ob der nächste Fall in Saarbrücken, Kiel oder Hannover ist. Und es wird einen nächsten Fall geben.

Haben Sie von den Innenministern eine Antwort erhalten?

Lösche: Nein, nur eine Eingangsbestätigung.

Gibt es einen weiteren Kritikpunkt?

Lösche: Ja, die Polizei hat den Fall von Anfang an falsch eingeschätzt, weil sie nicht richtig zugehört hat, weil die Empathie fehlt. Sophia war nie ein Vermisstenfall, vom ersten Moment an bestand eindeutig der Verdacht auf ein Gewaltverbrechen.

Stehen Sie ansonsten derzeit mit den Behörden in Kontakt?

Lösche: Momentan gibt es keinen Kontakt. In solchen Fällen werden die Angehörigen ja nicht über irgendwelche Ermittlungsergebnisse informiert. Das heißt, man lässt uns mehr oder weniger völlig im Unklaren. Selbst wenn es Ergebnisse gäbe, man würde uns das nicht mitteilen. Das ist eigentlich für mich das Schwerste an der ganzen Geschichte. Ich will wissen, was war. Und wenn es noch so brutal ist.

Werden Sie im Prozess als Nebenkläger auftreten?

Lösche: Ja, das muss man machen, um Akteneinsicht zu bekommen. Nur so erfahren wir, was Sophia zugestoßen ist. Und wenn Sie als Nebenkläger auftreten, können Sie unter Umständen auch gegen ein Urteil in Revision gehen.

Wie werden Sie Ihre Schwester in Erinnerung behalten?

Lösche: Ich möchte jetzt keinen Tränendrüsen-Artikel. Aber ich habe sie als engagierte Frau in Erinnerung, die auf Menschen zugeht und sie begeistern kann. Liebenswürdig, voller Vertrauen und Neugierde auf die Welt. Sophia hat sich auch sehr aktiv in der Flüchtlingshilfe engagiert und war zum Beispiel im Moria Camp auf Lesbos, vielleicht der deprimierendste Ort Europas. Da ist sie mehrfach hingefahren und hat dort geholfen.

Wie wollen Sie Ihr Andenken lebendig halten?

Lösche: Es gibt zweierlei, was mir wichtig ist. Es geht hier eindeutig um Gewalt gegen Frauen und nicht um Gewalt durch Flüchtlinge. Das ist mir das Wichtigste, dass das deutlich wird. Diese Instrumentalisierung durch die AfD ist unerträglich. Und es ist auch eine glatte Lüge. Es handelt sich bei dem Verdächtigen gar nicht um einen Flüchtling, sondern um einen Mann, der da beruflich auf der Durchreise war.

Was ist der zweite Punkt, der Ihnen wichtig ist?

Lösche: Wir haben vor, einen Verein oder eine Stiftung  zu gründen, die sich eben mit diesem Thema beschäftigt.

Mit dem Thema Gewalt gegen Frauen?

Lösche: Ja, das wäre in Sophias Interesse gewesen, Betroffenen Beistand zu leisten. Es ist so, dass uns schon viele Leute angesprochen haben, ob wir so etwas vorhaben, und dass sie uns unterstützen würden in finanzieller Hinsicht. Dementsprechend wollen und müssen wir da was machen. Wie das konkret im Einzelnen aussieht, dafür ist es jetzt noch zu früh.


Der Fall und die Personen: Andreas Lösche wurde 1967 in Nürnberg geboren. Seit 2006 sitzt er für die Grünen im Kreisvorstand Bamberg-Land. Lösche arbeitet selbstständig im Musikmanagement und Verlagswesen. Seine Schwester, die 28-jährige Sophia, wollte Mitte Juni von Leipzig aus, wo sie studierte, in Richtung Nürnberg trampen. Dabei wurde sie den Ermittlungen zufolge von einem Lastwagenfahrer an einer Tankstelle an der Autobahn A 9 in Sachsen mitgenommen – und in Oberfranken ermordet. Der als Tatverdächtiger gesuchte Marokkaner wurde in Spanien gefasst; auch Sophias Leiche wurde dort entdeckt. Spanien hat den Mann inzwischen nach Deutschland ausgeliefert. Die Staatsanwaltschaft will voraussichtlich im ersten Quartal 2019 die Anklage erheben.

 

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