Kultur Ein Bayreuther Traditionsorchester wird 100

Unser Bild zeigt den Orchesterverein beim Herbstkonzert in der Stadtkirche im Jahr 2017. Foto: Andreas Harbach

Der Orchesterverein wird 100 Jahre alt. Die Musiker planen ein großes Jubiläumskonzert im Herbst in der Stadtkirche. Aufgeführt wird Beethovens 9. Sinfonie.

 
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Die Aufführung ist ein einmaliges Gemeinschaftsprojekt. Denn sie wird unterstützt von der Stadtkantorei und dem Philharmonischen Chor. Zudem werden interessierte Musiker und Sänger für die musikalische Ausgestaltung gesucht.

Das große Festkonzert war ursprünglich im Friedrichsforum geplant. Weil sich dessen Fertigstellung weiter verzögert, wird der Orchesterverein das Konzert in der Stadtkirche geben. Ein Standort, der von den Musikern bereits in der Vergangenheit genutzt wurde. Beethovens Neunte ist eines der populärsten klassischen Werke schlechthin. Die Ode „An die Freude“ von Friedrich Schiller ist ebenso weltberühmt und die Hymne der Europäischen Union.

Orchester und gemischter Chor

Die Stadtkirche bietet genügend Raum, um einen gemischten Chor und ein Orchester unterzubringen. „Unser Dirigent Young-Kwang Jeon dirigiert auch den Philharmonischen Chor“, sagt die Vorsitzende des Orchestervereins, Dorothee Stoll, im Gespräch mit der Redaktion. Zum Orchesterverein zählen etwa 30 Mitglieder. Für größere Projekte wie das Jubiläumskonzert werden jedoch zusätzliche Musiker benötigt. In der Regel werden drei Konzerte im Jahr gegeben, sagt die Vorsitzende, die seit zwei Jahren an der Spitze des Orchestervereins steht: eine Matinee zur Bayreuther Kunstausstellung in der Eremitage, ein Sinfoniekonzert im Herbst sowie ein Weihnachtskonzert. Auch außerhalb Bayreuths tritt der Orchesterverein zu besonderen Anlässen auf.

Dirigent leitet auch den Philharmonischen Chor

Beethovens Neunte in den Mittelpunkt zu stellen, sei die Idee des Dirigenten gewesen, erläutert Dorothee Stoll, die seit 18 Jahren im Orchesterverein musiziert. Der neue Dirigent stamme aus Südkorea und lebe in Hof. Seine Frau sei Berufsmusikerin bei den Hofer Symphonikern. „Er dirigiert sehr akkurat und wenn er zeigen will, wie er etwas möchte, dann singt er es uns vor“, schildert die Vorsitzende die Zusammenarbeit, die in der Musik auch ohne Worte funktioniert. Erstmals treten zum 100-Jährigen drei Institutionen der Bayreuther Musikszene zusammen auf. Zwei Chöre kommen zusammen, um einen Klangkörper aus rund 100 Sängern und Sängerinnen zu bilden.

Der Philharmonische Chor habe eine lange Tradition in Bayreuth, erläutert Vorsitzender Heinz Ponnath. Der Chor bringe pro Jahr zwei Konzerte im Jahr mit Orchester und Solisten zur Aufführung. Bereits im Jahr 1890 als Bayreuther Chorverein gegründet, tritt der Chor mit Ausnahme der beiden Weltkriege, durchgehend auf, später als Chor der Gesellschaft der Musikfreunde. Dabei sei der Chor aus ehemaligen Mitgliedern des Festspielchores hervorgegangen, so Ponnath. Zeitweise habe man sich gegenseitig verstärkt, denn die Festspiele hatten einen Extrachor für große Chorszenen.

Ein Werk, das in der Kirchenmusik keinen Platz hätte

Der Dritte im Bunde ist Kirchenmusikdirektor und Dekanatskantor Michael Dorn. Das Stadtkirchenprogramm sei schon fertig gewesen, als im Dezember erste Gespräche mit dem Orchesterverein begonnen hätten. „Das Jubiläumskonzert ließ sich noch geschmeidig einbauen“, sagt Dorn. „Für uns als Hausherren ist es eine besondere Ehre, in unserer Kirche so ein Werk mitzusingen.“ Der Chor der Stadtkirche umfasse 40 bis 50 Mitglieder. Als Kirchenmusiker würde er das Werk normalerweise nicht einstudieren, so Dorn. „Wir würden es sonst nicht machen, deshalb machen wir es jetzt erst recht.“

Nur bräuchte es noch einige mehr, die beim Jubiläumskonzert mitmachen wollen. „Unser Orchester muss noch um die fehlenden Stimmen aufgestockt werden“, sagt Dorothee Stoll. Vor allem Streicher würden gesucht. Daher appelliert sie an alle Musiker, die Lust und Zeit hätten, sich beim Orchesterverein zu melden. Auch beim Philharmonischen Chor dürften sich gerne noch Sänger melden.

Immer weniger Chorsänger

Die Zahl der Chormitglieder ist wie in anderen Chören gesunken. Auch die Corona-Pandemie habe dazu beigetragen. Ganz unbekannt sei Beethovens Neunte für die Sänger nicht, ergänzt Ponnath. Der Philharmonische Chor habe den schon dreimal gesungen – 1994, 1999 und 2011. Einen „Generationenknick“, so Dorn, spürten alle Chöre mittlerweile. In jungen Jahren werde weniger gesungen, die Zahl der Kirchgänger gehe zurück. Im Orchesterverein hätten aber fünf neue Musiker unter 35 Jahren angefangen, sagt Dorothee Stoll über den musikalischen Nachwuchs.

Zirka 500 bis 550 Menschen passen Dorn zufolge in die Stadtkirche. Aber der Chor ist erst im vierten Satz an der Reihe. Die Sänger und Sängerinnen müssten 60 Minuten lang stehen, bis sie im Finalsatz singen. Daher werde über geeignete Sitzplätze nachgedacht. „Jeder Part probt erst einmal für sich und dann führt man es zusammen“, sagt Dorothee Stoll, die selbst Querflöte spielt. „Die Proben für das Orchester beginnen im März. Alle interessierten Bayreuther Musiker sind eingeladen, mit zu musizieren.“ Die Chorproben beginnen etwas später.

Das Konzert ist für den 27. Oktober geplant. Karten werden an der Theaterkasse, sonstigen Vorverkaufsstellen oder online erhältlich sein.

Aus der Chronik des Vereins

Im Jahr 1924 schlossen sich musizierende Laien – Lehrer, Ärzte, Beamte und andere Berufsgruppen - in Bayreuth zusammen und gründeten ein Orchester. Damit wollten die 72 Musiker und Musikerinnen „eine Lücke im damals dürftigen kulturellen Angebot der Stadt“ ausfüllen, wie es in der Chronik zum 75. Jubiläum heißt. Das erste Konzert fand am 15. Oktober 1924 im Sonnensaal in der Richard-Wagner-Straße statt. Auf dem Programm standen Werke von Beethoven, Grieg und Liszt. Der erste Dirigent war Ernst Schmidt. Nach dem Zweiten Weltkrieg erlebte der Verein eine Wiedergeburt im Jahr 1948. Das Orchester stand in den folgenden Jahren unter der Leitung von Musikerpersönlichkeiten wie Helmut Dotzauer, Demetrius Popp, Hartmut Rohmeyer, Günter Leykam und Elke Burkert. Unter den Solisten finden sich berühmte Namen wie Henry Marteau, Elly Ney, Graf Gravina, Karl Ridderbusch oder Reinhard Ulbricht. Im Jahr 1998 übernahm Uwe Reinhardt als künstlerischer Leiter das Liebhaber-Orchester.

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