Konzert Vom Reiz der Melancholie

Begeisterten ihre Zuhörer im Zentrum: Anja Lechner und François Couturier. Foto: Andreas Harbach

BAYREUTH. Stürmischer Applaus: Anja Lechner und Francois Couturier überzeugten beim vierten Abonnementkonzert der Kulturfreunde Bayreuth im Zentrum.

Mit klassischen Konzerten verhält es sich oft wie mit Reisen. Regionen wie „Das kenn’ ich schon“ oder „Da musst du unbedingt hin“ sind sehr beliebt, unbekanntes Terrain dagegen lockt weit weniger. Zumindest dann, wenn man sich dieses auch noch selbst erschließen muss. So gesehen sind die Kulturfreunde Bayreuth mit diesem ihrem vierten Abonnementkonzert am frühen Sonntagabend im Zentrum schon ein gewisses Risiko gegangen, denn das Programm Anja Lechners (Violoncello) und François Couturiers (Klavier) bot in seiner Schriftform zunächst kaum Anhaltspunkte, wohin die Reise gehen würde. Was irgendwie auch verständlich ist, denn die Musiken eines George Ivanovich Gurdieffs, eines Komitas oder eines Anouar Brahems sind ob ihrer orientalischen Einflüsse, genauer gesagt, ihren Bezügen zu kaukasischer, armenischer oder zentralasiatischer Volksmusik und sakralen russisch-orthodoxen Traditionen doch weit weg von dem, was in den Konzertsälen hierzulande zu hören ist.

Bezaubernde Musik

Nichtsdestotrotz, es ist eine ebenso berührende wie bezaubernde Musik. Die zudem immer mit einer Einladung zu einer Traumreise verbunden ist. Das Erstaunliche dabei ist die Sogwirkung, die diese bildhafte Musik entwickelt. Lechner und Couturier genügten daher einige wenige Töne, um das Publikum im bestens besuchten Zentrum in ihren Bann zu ziehen und mit ihm auf Reisen zu gehen.

Was zumindest bei Couturiers „Voyage“ wörtlich zu nehmen ist. Ein wehmütig-meditativ angelegtes, rund fünfeinhalb Minuten währendes Werk, das stetig voranschreitet, während der Blick in stiller Melancholie über die Landschaft ringsum schweift. Im Spiel des Cellos lösen sich Gedanken dazu und finden wieder zurück. Ein wunderbar friedfertiges Stück Musik, einfach in seinem Aufbau, aber von beeindruckender Bildhaftigkeit. Ähnlich wie seine „Papillons“. In diesem Fall ist es Lechner, die mit ihrem freien Spiel das Bild der durch die Lüfte segelnden und taumelnden Schmetterlinge vorgibt. Die zu Beginn offene Struktur mündet dabei am Ende in eine Art Liedsatz, bei dem Schumann Pate gestanden haben könnte. Auch so lassen sich Brücken schlagen!

Wie Couturier mit seinen Werken überhaupt dafür sorgte, dass Ost und West zusammenfanden. Denn die Miniaturen eines Frederico Mompou haben mit der musikalischen Welt eines Komitas oder eines Brahems so gut wie nichts gemein. Sie erinnern in ihrem Duktus vielmehr an die Werke eines Eric Satie. Im Konzertablauf sorgten sie für wohltuende Erdung, die dem Sog der Melancholie und der Sehnsucht wirkungsvoll entgegenstand.

Und so bleibt im Nachgang dieses ebenso eindrücklichen wie beeindruckenden Konzerts eigentlich nur eines zu bemängeln: Der Einblick, den Lechner und Couturier in ihre Werkstatt gewährten, hätte ruhig noch etwas länger währen können. Guter Musik lauscht man eben gerne, zumal wenn sie so bunt und facettenreich gereicht wird. Herzlicher bis stürmischer Applaus.

 

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