Kongress bei der HWK Technik für ein besseres Leben im Alter zuhause

BAYREUTH. Die meisten Menschen in Deutschland wollen möglichst lange und selbstbestimmt im Alter zuhause leben. Eine „Riesenchance“ auch für das Handwerk sieht der oberfränkische Handwerkskammerpräsident Thomas Zimmer darin, denn Umbau und Umrüstungen der Wohnungen versprechen ein gutes Geschäft. Um das Potenzial zu erschließen, sind aber noch einige Anstrengungen nötig, wurde beim zweiten Bayreuther Kongress über alltagsunterstützende Assistenzlösungen (AAL) deutlich.

Szenen wie diese kennt vermutlich jeder: Die Familie ist unterwegs, plötzlich fragt die Mutter: „Ist mein Bügeleisen ausgeschaltet?“ In ihrer Familie habe das früher den einen oder anderen Gottesdienst unterbrechen können, weil man daheim nach dem Rechten sehen musste, erzählte Bayerns Gesundheitsministerin Melanie Huml den Kongressteilnehmern. Die Episode der Ministerin zeigt: Es ist sehr beruhigend zu wissen, dass zuhause alles ausgeschaltet ist, was gefährlich werden könnte.

Notrufe und Sensoren

Heutzutage ist es kein Problem, Stromverbraucher in der Wohnung aus der Ferne zu überwachen – eine von vielen Möglichkeiten der Digitalisierung, die besonders das Leben im Alter zuhause vereinfachen können. Einige Aussteller auf dem Kongress hatten Kostproben solcher Helfer dabei: Hausnotrufe des Bayerischen Roten Kreuzes (BRK), eine sprachgesteuerte Alexa, automatische Licht-, Heizungs- und Rollladensteuerungen, Fensterüberwachungen. Das Rehateam zeigte Sensoren, die erkennen, ob jemand aus seinem Bett steigt, sich umdreht oder sich auf der Bettkante abstützt – und die Alarm schlagen, zum Beispiel per SMS.

Das Segway mit Tablet

Das BRK testet gerade einen Telepräsenzroboter: ein Segway mit Tablet statt Lenker, den man von überall auf der Welt aus zu Personen hinsteuern kann, um mit ihnen zu sprechen und sich zu sehen, ohne dass diese Person das Gerät bedienen muss. Demnächst soll gar ein Überwachungssystem auf den Markt kommen, das in einem gewöhnlichen Lichtschalter Platz hat. Es verfügt über ein Infrarotpeilverfahren, das Stürze von Personen im Raum erkennt und über ein eingebautes Smartphone mit Freisprecheinrichtung die Verbindung zu einem Helfer ermöglicht. „Dieser Lichtschalter kann Sie anrufen“, sagte Lothar Feige, Chef des Berliner Herstellers Pikkerton.

Gewaltige Potenziale

Digitalisierung kann nicht nur dabei helfen, älteren Menschen und Pflegebedürftigen mehr Sicherheit zu geben und den Alltag zu erleichtern, wie es Huml formulierte. Im Thema Barrierefreiheit beim Wohnen zuhause stecken für das Handwerk auch „gewaltige Potenziale“, glaubt Kammerpräsident Zimmer. Denn das Handwerk habe eine zentrale Rolle an der Schnittstelle zwischen Herstellern und Verbrauchern bei alltagsunterstützenden Assistenzlösungen. Handwerksbetriebe seien oft die ersten Ansprechpartner.

Kein Selbstläufer

Ein Selbstläufer wird das allerdings nicht, glaubt Anton Zahneisen. Er ist Leiter des Projekts „9 x selbstbestimmt Wohnen in Oberfranken“, das unter anderem von der Handwerkskammer unterstützt und vom Gesundheitsministerium mit knapp 600 000 Euro gefördert wird. Die Idee: Neun Familien zu begleiten, zu befragen und zu beraten, ob und wie ihnen mit digitalen Helfern das Leben erleichtert werden kann. Zahneisen schildert den Fall einer alten Dame, die den ganzen Tag nur am Fenster sitzen konnte und die in den Augen ihrer Familie reif fürs Pflegeheim war. Man habe sich mit der Familie zusammengesetzt, über den Bedarf beraten und dann unter anderem automatische Rolladenschließer und einen digitalen Türspion installiert, mit dessen Hilfe die Dame Besucher vor der Haustür auf dem Tablet erkennen konnte.

Lösungen schwer an den Markt zu bringen

„Wir wollten Lösungen finden, wie Menschen zuhause sicher leben können“, sagte Zahneisen. Es gebe viele solche Lösungen, aber sie seien schwer an den Markt zu bringen. Zahneisens schlechte Nachricht für die Handwerker: Assistenzunterstützende Alltagslösungen seien sehr beratungsintensiv. Und es gehe nur um Aufträge von 2000 bis 4000 Euro – angesichts der notwendigen intensiven Beratung sei dies „kein Geschäftsmodell“ für Handwerker. Zahneisen: „Handwerksbetriebe können die Wohn- und Technikberatung nicht leisten, sondern erst ins Spiel kommen, wenn klar ist, was gebraucht wird.“

Nötiger denn je

Dass technische Assistenz im Alltag immer gefragter sein wird, daran zweifelt Zahneisen nicht: „In meiner Heimatstadt Bamberg fehlen schon jetzt 500 Pflegekräfte. Der Mangel wird mit dem demografischen Wandel noch zunehmen.“ Es werde künftig nicht genug Heimplätze geben, deswegen sei es nötiger denn je, soziale Netze zu bauen und auf technische Hilfen zu setzen, um möglichst auch im Alter daheim leben zu können.

Info: Die Wanderausstellung „9 x selbstbestimmt Wohnen in Oberfranken“ ist ab diesem Montag bis 10. Mai im Neuen Rathaus in Bayreuth und von 1. Juni bis 30. Juni bei der Deutschen Rentenversicherung in Bayreuth zu sehen.

 

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