Jazz: Itamar Borochov zwischen den Welten

Itamar Borochov baut Brücken zwischen Jazz und arabischer Musik. Foto: Udo Bartsch

Die Kompassnadel dreht vom Nahen Osten nach Nordamerika. Sie dreht nach Osteuropa und weist auch in Richtung Orient. Auf der Bühne im Becher-Saal steht der aus Israel stammende Trompeter Itamar Borochov mit seinem Quartett. Die Musiker schlagen Brücken zwischen den Welten. Sie verweben modernen Mainstream-Jazz mit Musikelementen nahöstlichen Ursprungs. Das tun sie auf ganz dezente Weise.

Es hat bis in die Gegenwart gedauert, bis Israel den Jazz für sich entdeckte. Erst seit den 90er Jahren gelangen israelische Jazz-Musiker auch international zu Ruhm. Bekannter sind der Trompeter und der Bassist mit dem gleichen Namen Avishai Cohen und die Klarinettistin Anat Cohen. Zu dem gefeierten Kreis gehören auch die Pianisten Shai Maestro und Omer Klein sowie der Schlagzeuger Ziv Ravitz.  Dass sich der Jazz in Israel erst spät entfaltete, liegt vielleicht an der kaum überschaubaren Vielfalt der musikalischen Einflüsse, die dort aufeinandertreffen. Jüdische Einwanderer aus Osteuropa brachten ihre Folklore und den Klezmer mit, hinzu kommen nordafrikanische und orientalische Traditionen sowie Rock und Pop. Mit diesen Klängen ist auch Itamar Borochov aufgewachsen. Aus diesem Schmelztiegel holte er sich Impulse. Das tut er auch heute noch, obwohl er inzwischen in New York lebt.

Borochov streichelt die Ohren. In den sentimentalen Abschnitten spielt er einen weichen, warmen Ton. Auch wenn es leidenschaftlich oder gar temperamentvoll zugeht, braucht er keine schrägen Schärfen. Der Trompeter kann seine Zuhörer rühren. Er versteht sich auf ein einfühlsames, einnehmendes Spiel. Seine Melodien und Rhythmen haben häufig eine arabisch-orientalische Färbung. Die durchweg längeren Stücke sind durch die Klarheit des Modern Jazz und arabisch-afrikanische Musiktraditionen geprägt.

Das Quartett kam in seiner ursprünglichen Besetzung nach Bayreuth. Borochov trat mit seinem zwei Jahre älteren Bruder auf, dem Bassisten Avri Borochov. Am Flügel saß der der virtuose Rob Clearsfeld und am Schlagzeug Jay Sawyer. Der legte hin und wieder die Stöcke bei Seite und bearbeitete die Felle mit den bloßen Händen.

Fazit: Seit Jahrzehnten versuchen sich kreative Köpfe im Gegenwarts-Jazz am Projekt einer universellen Weltmusik. Lange Zeit sah es aus so aus, als bleibe Weltmusik eine kaum erreichbare Zielvorstellung. Itamar Borochov zeigt, dass es anders ist. Mit seinem Quartett macht einen eleganten, beseelten Ethno-Jazz. Der Anspruch wechselt zwischen Kopf und Bauch. Die Musiker zeigen feinsinnig, wie sich Jazz mit anderen Kulturen – zumindest auf regionaler Ebene - verschmelzen lässt. Am Ende entstehen neue, eigenständige Klänge. Das Quartett ist ein weiteres Beispiel für die Offenheit des modernen Jazz, Verbindungen mit viel älteren Traditionen einzugehen. All das kommt beim Publikum gut an. Das klatschte am Ende stehend Beifall. Und das kommt eher selten vor.  

Zum Konzert noch eine Randnotiz: Unter den Zuhörern war auch die Mutter der Borochov-Brüder. Sie kam aus Israel nach Bayreuth, um ihre beiden Söhne zu treffen. Denn bis nach New York ist es bekanntlich viel weiter, wie sie sagte.

 

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