Im Sog der Droge Fensterstecher steht vor Gericht

Der 36-Jährige will seine Taten begangen haben, um seine Drogensucht zu finanzieren. Foto: Arne Dedert, dpa-Archiv

BAYREUTH. Sein Fluchtfahrzeug war ein Fahrrad. Sein Tatwerkzeug ein Schraubenzieher. Im Keller hatte er einen Bunker für Einbruchsbeute und für Drogen. Als er verhaftet wurde, hatte er Metamphetamin im Mund. Ein 36-jähriger Bayreuther steht als mutmaßlicher Serieneinbrecher vor dem Landgericht.

Der Fall zeigt, wie schwer es ist, von der Droge Crystal Speed loszukommen. Der Wirkstoff Metamphetamin erzeugt eine starke psychische Abhängigkeit, sagen Experten wie der ehemalige Chefarzt des Bezirkskrankenhauses, Dr. Klaus Leipziger. Auch dem 36-jährigen Angeklagten bescheinigte Leiziger eine starke Anhängigkeit und sprach von einem „Sog des Crystal“.

Für die Ermittlungsbehörden ist der Angeklagte ein dicker Fisch: Eine Serie von Autoaufbrüchen vom Januar bis zum Dezember 2017 im Stadtgebiet Bayreuths schreiben die Ermittler ihm zu. Denn in allen Fällen registrierte die Polizei ein und denselben „Modus Operandi“, wie der Begriff Begehungsweise in Kriminalistensprache heißt. Der Modus Operandi des Angeklagten, so gestand es der 36-Jährige, war dieser: Einen Schraubenzieher am Fahrerfenster eines Autos ansetzen, die Scheibe nach außen hebeln, bis sie bricht. Aus den Autos alles mitnehmen, was sich in der Drogenszene zur Beschaffung von Rauschgift verwenden lässt.

Einen spektakulären Fall bestreitet er

Insgesamt 33 Einbrüche in Autos, aber auch in Gebäude, legt die Staatsanwaltschaft dem 35-Jährigen zur Last – eine größere Anzahl von Fällen wurde im Vorfeld eingestellt.

Der Angeklagte gestand, im Jahr 2017 als Seriendieb in Bayreuth unterwegs gewesen zu sein. Seinen Verteidiger Tobias Liebau ließ er aber erklären, dass er nicht mehr an alle in der Anklage aufgelisteten Taten eine konkrete Erinnerung habe. Einen spektakulären Fall bestritt er rundweg: Anfang Dezember 2017 soll am Roten Hügel aus einem Auto Bargeld in Höhe von 2200 Euro verschwunden sein – selbst das Landgericht hält es nicht für ausgeschlossen, dass die Höhe der Beute auf zweifelhaften Angaben des Autobesitzers beruhen könnte.

Der Angeklagte will im Jahr 2017 pro Tag wenigstens ein Gramm Metamphetamin konsumiert. Ein Gramm habe ihn im Schnitt 60 Euro gekostet. Seine Dealer kannte er von früher: Schon zweimal hatte er eine Therapie absolviert – von 2012 bis 2014 auf Anordnung des Landgerichts eine, die ihm im Jahr 2011 nach einer Verurteilung wegen gleich gelagerter Straftaten zu vier Jahren Freiheitsstrafe auferlegt worden war. Gerichtsgutachter Klaus Leipziger sagte, der Mann habe es danach geschafft, einige Zeit abstinent zu bleiben, habe sich sogar ein geregeltes Leben mit fester Arbeitsstelle aufbauen können. Jedoch: Irgendwann nahm er wieder Crystal, die Rückfälle häuften sich, die Ausgaben für die Droge stiegen – und dann stieg er wieder in die Beschaffungskriminalität ein.

Eine Polizeikontrolle liefert einen wichtigen Ansatz

Während bei der Kripo die Akte mit dem Sammelverfahren gegen den noch unbekannten Fensterstecher immer dicker wurde, sorgte eine Polizeistreife am 6. November 2017 für den entscheidenden Aufklärungsansatz: Die Beamten kontrollierten den Angeklagten und fanden bei ihm eine Tankkarte, die einen Monat zuvor mitsamt anderen Beutestücken aus einem aufgebrochenen Mercedes verschwunden war. Es folgte eine Wohnungsdurchsuchung beim Angeklagten, bei der ein Ermittler Beutestücke fand, die er einer Reihe ungeklärter Kellereinbrüche zuordnen konnte. Vieles hatte der Angeklagte schon in Drogen umgesetzt, so war von einer teuren Skiausrüstung aus einem Keller am Hohenzollernring nur mehr ein Helm vorhanden.

Besonders schwer traf es damals eine Studentin. Ihre Mutter hatte ihr ihre EC-Karte überlassen. Die Karte samt Geheimnummer und 300 Bargeld verschwanden aus dem in einer Tiefgarage in der Richard-Wagner-Straße geparkten BMW der 27-Jährigen. Die Abhebung von 1000 Euro von einem ausnahmsweise nicht per Video überwachten Geldautomaten bestritt der Angeklagte. Nach dem er Mitte Dezember 2017 ins Gefängnis kam, stellte die Kripo fest: Autoaufbrüche mit seinem „Modus Operandi“ hörten schlagartig auf. Der Prozess wird fortgesetzt.

 

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