Ifo-Präsident zur Konjunktur "Die Stimmung hat sich verschlechtert"

Der Präsident des Ifo-Instituts, Clemens Fuest. Foto: Christina Sabrowsky/dpa/Archiv

MÜNCHEN/BAYREUTH. Die deutsche Wirtschaft im Abschwung? Was bedeutet das für Löhne und Jobs? Fragen an Ifo-Präsident Clemens Fuest.

Herr Prof. Fuest, befindet sich die deutsche Wirtschaft im Abschwung?

Clemens Fuest: Ja. Wir haben einen langen Aufschwung hinter uns, aber im Laufe des Jahres 2018 ist immer deutlicher geworden, dass die Konjunktur sich abkühlt.

Aber wir rechnen für dieses Jahr doch noch mit einem Plus von gut einem Prozent, oder?

Fuest: Ein Abschwung bedeutet, dass das Wirtschaftswachstum langsamer wird. Wir erwarten derzeit für 2019 ein Wachstum von gut einem Prozent.

Das Ifo-Institut befragt regelmäßig rund 9000 Manager. Wie ist die Stimmung?

Fuest: Die Stimmung hat sich in den letzten Monaten immer mehr verschlechtert. Die aktuelle Lage wird noch gut eingeschätzt, aber die Erwartungen für die nächsten Monate sind recht pessimistisch.

Kleine Delle oder Vorzeichen für eine Rezession?

Fuest: Eine Rezession bedeutet, dass die Wirtschaft schrumpft. Dafür sehen wir derzeit keine Anzeichen. Die Binnenwirtschaft, also der private Konsum und die Bauwirtschaft, sind nach wie vor sehr stabil.

Und der Dax ist noch relativ ruhig.

Fuest: Für die Finanzmärkte bedeutet die Abkühlung der Konjunktur, dass Zinserhöhungen weniger wahrscheinlich werden. Das stützt die Aktien.

Was soll die Politik tun?

Fuest: Priorität hat es derzeit, einen Austritt des Vereinigten Königreiches ohne Abkommen, also einen harten Brexit, zu verhindern. Damit wäre für die Stabilisierung der Konjunktur viel gewonnen. Außerdem sollte die Politik sich dafür einsetzen, sowohl private als auch öffentliche Investitionen in Deutschland anzuschieben. Wir brauchen eine Reform der Unternehmensbesteuerung, und wir müssen Engpässe in der Infrastruktur, beispielsweise bei den Bahnstrecken, beseitigen.

Was müssen die Unternehmen machen, worauf sollten sie sich einstellen?

Fuest: Die Unternehmen müssen sich derzeit in einem von hoher Unsicherheit geprägten Umfeld zurechtfinden. Was konkret zu tun ist, ist von Unternehmen zu Unternehmen unterschiedlich.

Auch 2019 wird es mehr neue Jobs geben?

Fuest: Der deutsche Arbeitsmarkt ist in guter Verfassung. Die Löhne steigen und die Beschäftigung wird 2019 voraussichtlich noch einmal ein Rekordniveau erreichen.

Die deutsche Wirtschaft kann sich Ihrer Meinung nach global behaupten?

Fuest: Die deutsche Wirtschaft ist insgesamt sehr wettbewerbsfähig. Es gibt allerdings keine Garantie dafür, dass das so bleibt. Der Wandel der Autoindustrie zu anderen Antrieben und vernetzter Mobilität und der wachsende Protektionismus sind große Herausforderungen.

Wo stecken die größten Risiken?

Fuest: Handelskrieg, ein harter Brexit, eine Rückkehr der Eurokrise, all das könnte die deutsche Wirtschaft stark belasten.


Zur Person: Clemens Fuest ist Professor für Volkswirtschaftslehre am Lehrstuhl für Nationalökonomie und Finanzwissenschaft der Ludwig-Maximilians-Universität München und seit April 2016 Präsident des Ifo-Instituts.

 

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