Gedenkbuch Schwere Bürde

Die Eltern der Brüder Max und Wilhelm, die in Dachau ums Leben kamen, Oskar und Henriette Rose, überlebten die Nazizeit. Links im Bild ihr Sohn Alfred.

KOMMENTAR. Gibt es Unterschiede zwischen Opfern der Nazi-Diktatur? Was für eine Frage. Natürlich nicht. Genauso wenig, wie die Nazi-Bonzen und ihre blutrünstigen Schergen Unterschiede machten zwischen Juden, Sinti und Roma, Homosexuellen und politischen Gegnern. Sie alle fielen der organisierten Vernichtung durch die Nazi-Diktatur und ihrer willfährigen Schergen zum Opfer. Unterschiede gibt es allenfalls in der Zahl: Sechs Millionen getötete Juden, eine halbe Million Opfer unter den Sinti und Roma.

Und doch gibt es Unterschiede. Doch die wurden nicht von den Überlebenden oder den Hinterbliebenen der Opfer betont, sondern von uns, von der (west-) deutschen Gesellschaft. Wer sich mit dem Schicksal der bis weit in die neunziger Jahre abfällig als Zigeuner bezeichneten Angehörigen der Minderheiten der Sinti und Roma befasst, muss sich schämen für das Verhalten unserer als Juristen und Beamten tätigen Väter und Großväter. Machten sie schon jüdischen Überlebenden und deren Nachkommen die Ansprüche auf Wiedergutmachung fast unmöglich, versagten sie den Opfern der Sinti und Roma mit einer ungeheuerlichen Begründung jeglichen Anspruch: Sie seien nicht aus rassistischen Gründen vergast, erhängt, erschlagen oder erschossen worden, sondern weil sie asozial und kriminell seien.

Wenn wir jetzt ehrlich zu uns selbst sind, dann müssen wir zugeben, dass sich dieses Denken bis heute fortgesetzt hat. Die Antipathie der meisten Deutschen diesen Minderheiten gegenüber hält noch immer an. Das zeigt sich auch in der historischen Aufarbeitung der Verfolgung der Sinti und Roma. Das Interesse der Historiker ist relativ gering, deren Werke bis heute leicht überschaubar. Im Gedenkbuch der Stadt Bayreuth kamen sie überhaupt nicht vor. Wie lässt sich dieses mangelnde Interesse erklären? Vielleicht weil deren Schicksal keine politischen Auswirkungen hat wie das der jüdischen Opfer?

Wie gesagt: es darf keine Unterschiede geben zwischen Opfern und Opfern. Es waren unsere Eltern und Großeltern, die mitgemordet oder weggeschaut haben. Diese Bürde müssen wir tragen. Und unsere Geschichte aufarbeiten.

gunter.becker@nordbayerischer-kurier.de

 

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