Gastredner bei der IHK Nicht von der Digitalisierung verrückt machen lassen

Franz Josef Radermacher. Foto: Sebastian Gollnow/dpa-Archiv

BAYREUTH. Oft schwärmen Unternehmer, Forscher und Politiker davon, welch großen Nutzen die Digitalisierung für die Gesellschaft noch bringen wird. Nach Einschätzung von Professor Franz Josef Radermacher ist tatsächlich noch viel Luft nach oben. Denn die meisten Menschen nutzen die moderne Technik noch auf ziemlich „triviale Weise“, klagt der Gastredner beim Neujahrsempfang der Industrie- und Handelskammer (IHK) für Oberfranken in Bayreuth.

Radermacher spöttelt über die „Selfie-Gesellschaft“, den permanenten digitalen Austausch von privaten Belanglosigkeiten, aber auch über Konferenzen, die trotz modernster technischer Hilfsmittel keine vernünftigen Ergebnisse bringen. 

Der Wissenschaftler warnt aber davor, im digitalen Zeitalter jedem Hype hinterherzulaufen. Flugtaxis etwa hält er für keine allgemeintaugliche Lösung. Mancher Experte habe geradezu ein Geschäftsmodell daraus gemacht, ständig irgendwelche neuen dramatischen Veränderungen vorherzusagen. „Wir dürfen uns nicht verrückt machen lassen.“ Vielmehr gelte es, angesichts der zunehmenden Informations- und Datenflut den Überblick zu behalten. Und: Nicht nur dokumentieren und kommunizieren, sondern auch umsetzen, müsse die Devise lauten. 

Den Unternehmern rät der renommierte Forscher, die Digitalisierung mit Bedacht voranzutreiben, genau zu überlegen, wo sich konkrete Verbesserungen ergeben könnten. Es sei ein Irrglaube, anzunehmen, alles werde besser, nur weil man möglichst viel digitalisiert.

Trotz aller technischen Modernisierung – eine zentrale Aufgabe könne Unternehmern und Führungskräften niemand abnehmen: Entscheidungen zu treffen. Untrennbar damit verbunden sei es, Prioritäten zu setzen. „Sie können unmöglich alles machen. Einen Tod müssen Sie sterben“, wie es Radermacher formuliert.

Im Hinblick auf die Erschließung neuer Geschäftsmodelle schreibt er den Wirtschaftsvertretern ins Stammbuch: Menschlichen Innovationsgeist könne auch die Digitalisierung nicht ersetzen. Es gehe darum, Nutzen für andere zu stiften. „Nur ein Mensch kann verstehen, was ein anderer Mensch braucht“, betont der Redner. 

Der Wissenschaftler fordert die Europäer auf, selbstbewusst für eine humane Digitalisierung einzutreten. Für eine Gesellschaft, in der Menschen und nicht Maschinen im Zentrum stehen. Und in der Datenschutz statt digitale Überwachung herrsche. „Für mich ist Europa der beste Teil der Welt. Wir sollten zusammenhalten und die Art, wie wir leben, verteidigen“, ruft er dem Publikum zu. Was ist der entscheidende Unterschied zwischen Mensch und Maschine? „Gefühl“, sagt er. Und fügt voller Überzeugung hinzu: „Gefühl ist das Einzige, was das Leben sinnvoll macht.“ 


Zur Person: Franz Josef Radermacher, geboren 1950 in Aachen, ist Professor und Botschafter für digitale Transformation an der Zeppelin Universität Friedrichshafen. Der studierte Mathematiker ist Mitglied im Club of Rome und berät das Bundesministerium für Verkehr und digitale Infrastruktur. Er war auch Präsident der Gesellschaft für Mathematik, Ökonomie und Operations Research.

 

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