Fricka, Waltraute, 2. Norn: Claudia Mahnke hat im Festspielsommer 2013 gut zu tun Die Bezwingerin der Kehlkopfschraube

Sie liest gern, mag Entspannung – und steht doch vor höchst turbulenten Wochen: In gleich drei Rollen ist Claudia Mahnke in der Neuinszenierung vom „Ring des Nibelungen“ zu erleben. Mit dem Kurier sprach Mahnke über stimmliche Herausforderungen, Verrücktheiten auf der Bühne und das Gefühl, weginszeniert zu werden.

Frau Mahnke, Sie sind Sängerin, kommen aber nicht aus einer Musikerfamilie. Ihre Mutter war Kindergärtnerin, Ihr Vater Schweißer.
Claudia Mahnke: Das mit dem Schweißer hat er nicht so gern, so hat er es schon einmal in einem Interview gelesen und nicht besonders gemocht. In Wirklichkeit war er Lehrmeister für den Schweißerberuf.

Wie sind Sie aus der Nähe von Zwickau auf die großen Opernbühnen gekommen?
Mahnke: In meiner Familie waren viele musikalisch. Meine Großmutter, meine Tanten, alle haben gern gesungen und hatten tolle Stimmen. Bei mir wurde das während der Schulzeit von den Musiklehrern entdeckt, in der fünften oder sechsten Klasse. Sie haben mir eine Gesangslehrerin vermittelt und nach dem Abitur ging ich an die Musikhochschule nach Dresden.

Seit 2006 sind Sie Ensemblemitglied der Oper Frankfurt, gastieren aber gleichzeitig im In- und Ausland. Wie verträgt sich das?
Mahnke: Ich war immer fest engagiert und möchte nicht darauf verzichten, wegen meiner Familie. Natürlich denke ich mir manchmal, dass ich freischaffend mehr Möglichkeiten hätte. Aber ich will mein Kind auch aufwachsen sehen. Die Oper Frankfurt ist eine tolle Adresse und ich bin stolz, dort engagiert zu sein. Sie ermöglicht es uns, auswärts zu arbeiten und trotzdem Ensemblemitglied bleiben zu können. So ist es eine gute Mischung.

Sie sind Kammersängerin der Staatsoper Stuttgart, wo Sie ganze zehn Jahre engagiert waren.
Mahnke: Zu Stuttgart habe ich eine ganz besondere Beziehung. Ich war sehr lange in dieser Stadt, habe dort meinen Mann kennengelernt, mein Sohn ist da geboren worden. Damals, während der Zehelein-Ära, hatte das Haus einen so guten Ruf. Wir waren mehrmals hintereinander Opernhaus des Jahres und ich war stolz, dazuzugehören. Über den Wechsel nach Frankfurt habe ich lange nachdenken müssen, der Abschied fiel mir sehr schwer. Aber ich wollte auch noch einen anderen Blickwinkel auf meine Arbeit kennenlernen und habe mich deshalb dafür entschieden. Ich freue mich für die Stuttgarter, dass sie jetzt Jossi Wieler als Intendanten haben. Sicher wird sich die Staatsoper unter ihm wieder zu einem ganz tollen Opernhaus entwickeln.

Ihre Gastspiele haben Sie schon mehrmals in die USA geführt, nach San Francisco und Houston. Stimmt es, dass dort viel konventioneller inszeniert wird als in Europa?
Mahnke: Im Allgemeinen schon, wobei der „Tristan“, in dem ich gerade in Houston die Brangäne gesungen habe, eine moderne Produktion des Deutschen Christof Loy war. Parallel dazu lief aber eine sehr klassische Inszenierung von Verdis „Il Trovatore“ mit schönen Kostümen, schönem Bühnenbild. Nichts, worüber man lange nachdenken müsste. So lieben es die Leute in den USA auch sehr, mehr als hier.

Welche Variante ist Ihnen als Sängerin lieber?
Mahnke: Ich bin ja mit den modernen Inszenierungen groß geworden, habe kaum noch konventionelle Produktionen gemacht. „Ariadne“ und „Così fan tutte“ in San Francisco waren solche Ausnahmen, in Kostümen mit Rüschen und Puffärmeln. Das hat auch mal Spaß gemacht. Aber ich mag die Rampensteherei nicht, die dabei üblich ist. Nur Stehen und Singen. Dabei denkt man viel mehr über Schwierigkeiten nach. Wenn man beim Singen etwas Verrücktes tun muss, kann man sich leichter mal über eine Hürde hinüberretten.

Was gab es mal besonders Verrücktes für Sie zu tun?
Mahnke: Meine Lieblingsproduktion war „Blaubarts Burg“ in Frankfurt. Darin wurden sieben Türen geöffnet, jede führte die Frau weiter in die Seele des Mannes. Es gab tolle Effekte, es gab Wasser, es gab Blut, es gab Rauch. Wir sind auf der Bühne durcheinander gerollt, es war toll was los. Simplicius Simplicissimus in Stuttgart war auch ein Liebling, ein Knabe mit Parallelen zu Kaspar Hauser, der sich mit Erde beschmierte. Solche ausgefallenen Sachen finde ich sehr reizvoll.

Und jetzt ist Fricka an der Reihe.
Mahnke: Sie ist ja oft negativ besetzt, als die keifende Ehefrau. Ich denke aber nicht, dass man ihr damit gerecht wird. An sich will sie ja das Gute, will ihren Mann nicht verlieren, will nicht, dass er sie betrügt. Und sie will nicht, dass die Götter durch ihn untergehen müssen. Ich habe mir vorgenommen, Fricka nicht keifig zu singen, sondern besonders wohlklingend.

Mit dem Wagnerfach haben Sie viel Erfahrung, Sie waren zum Beispiel schon Brangäne, Magdalene und Fricka. Welche Rolle war für Sie die Schwierigste?
Mahnke: Keine von den Genannten, sondern eine Hosenrolle: Adriano in „Rienzi“. Der ist für einen Mezzo eine absolute Kehlkopfschraube. Seine Arie dauert fast zehn Minuten und ist eigentlich für einen dramatischen Sopran komponiert. Ich habe Adriano im letzten Jahr konzertant in Madrid gesungen und gerade noch einmal unter Sebastian Weigle in Frankfurt. Es war eine große Herausforderung und ich bin froh, das geschafft zu haben. Allzu oft möchte ich ihn vielleicht nicht unbedingt singen. Aber nach dem Ende des Wagnerjahres wird „Rienzi“ wohl ohnehin wieder nur selten aufgeführt werden.

Auf der Bühne arbeiten Sie mit Ihren Kollegen sehr eng zusammen, auch körperlich. Wie oft kommt es vor, dass die Chemie nicht stimmt?
Mahnke: Selten, ich bin ein offener Typ. Eher ist es umgekehrt mit manchen Kollegen speziell gut. Wenn man bei seinem Gegenüber dieselbe Offenheit spürt, dann herrscht eine besondere Spannung in den Szenen, die sich auf den Zuschauer überträgt. So war es zum Beispiel gerade in Houston mit Nina Stemme, als Brangäne und Isolde.

Abseits von den Sternstunden: Was hat auf der Bühne mal überhaupt nicht funktioniert?
Mahnke: Die Rosina in Berlin, im „Barbier von Sevilla“. Rossini ist einfach nicht mein Ding. Manche können eben diese Koloraturen nicht gut singen, andere dafür nicht die großen dramatischen Linien. In der Produktion dort war ich vollkommen weginszeniert. Ich habe alles gegeben und bin dabei überhaupt nicht aufgefallen, war das Dummchen und die Männer drum herum hatten die ganze Aufmerksamkeit. Selbst habe ich davon überhaupt nichts mitbekommen, aber dann hat mein Mann die Aufführung gesehen und gesagt: „Nee, Claudia! Das war ja gar nichts.“

Als Opernsängerin haben Sie einen sehr anstrengenden Beruf. Was tun Sie gerne nach der Arbeit?
Mahnke: Alles, was guttut. Draußen sein, Yoga, Therme und Wellness. Ich lese auch gerne, momentan Oliver Hilmes „Herrin des Hügels“, die Biografie über Cosima Wagner. So etwas interessiert mich, besonders wenn ich gerade an dem Ort bin. Es ist sowieso unfassbar für mich, jetzt hier zu sein in diesem Haus, das Wagner sich gebaut hat, in der Stadt, wo er mit seiner Familie gelebt hat.

Das Gespräch führte Eva Kröner.

Zur Person: Die Mezzosopranistin Claudia Mahnke stammt aus der Nähe von Zwickau und studierte an der Musikhochschule Carl Maria von Weber in Dresden. Nach mehrjährigen Engagements in Chemnitz und Stuttgart gehört sie seit 2006 zum Ensemble der Oper Frankfurt. Daneben gastierte sie u. a. an der Bayerischen Staatsoper, Vlaamse Opera, Berliner Staatsoper, Komischen Oper Berlin, am Aalto-Theater Essen sowie der Houston Grand Opera. Zu ihren wichtigsten Rollen gehören Komponist („Ariadne auf Naxos“), Brangäne („Tristan und Isolde“), Adriano („Rienzi“) und Octavian („Der Rosenkavalier“). Bei den Bayreuther Festspielen debütiert Claudia Mahnke 2013 als Fricka, Waltraute und 2. Norn.

 

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