Festspiel-Interview mit Tomislav Muzek Sinatra und Suthaus als Vorbild

Tomislav Muzek als Erik. Foto: Bayreuther Festspiele/Enrico Nawrath

BAYREUTH. Bei den Bayreuther Festspielen singt er den Erik im „Fliegenden Holländer“. Im Kurier-Interview spricht Tomislav Muzek über die Situation der Oper in Kroatien, über „Fly me to the moon“ sowie seine Idole Fritz Wunderlich, Ludwig Suthaus und Frank Sinatra.

Herr Muzek, wie sieht es mit der Opernszene in Kroatien aus?

Tomislav Muzek: Es gibt einige Opernhäuser, in Zagreb ein großes Nationaltheater. Dort gibt es im Jahr drei Neuproduktionen, zu denen noch drei oder vier Repertoirestücke dazukommen. Wenn es hoch kommt, bin ich dort in zehn Vorstellungen in der Saison dabei.

Man könnte wohl kaum davon leben?

Muzek: Man könnte, denn man würde dabei mehr als den durchschnittlichen Lohn in Kroatien verdienen. Die Frage ist aber, ob es einen künstlerisch erfüllt.

Wie sind Sie zur klassischen Musik gekommen?

Muzek: Ich hatte in der Kindheit überhaupt keinen Bezug zur klassischen Musik. Das kam erst gegen Ende der Schulzeit im Gymnasium. Da hat man mich auf meine Stimme aufmerksam gemacht und dass ich sie vielleicht ausbilden lassen könnte. Ich habe dann angefangen, mit einer Gesangslehrerin zu arbeiten. Sie hat mich dann direkt nach Wien geschickt. Ich wurde ja in Siegen geboren und bin daher dem deutschsprachigen Raum immer sehr verbunden geblieben, obwohl ich in Kroatien aufgewachsen bin. In Wien hatte ich wieder die Möglichkeit, in den deutschsprachigen Raum zu kommen. Dort habe ich dann studiert.

Wann stand die Frage im Raum, ob Sie auch Wagner singen werden?

Muzek: Damit habe ich mir Zeit gelassen. Mit 22 stand ich auf der Bühne, am Anfang habe ich sehr viel Mozart und Donizetti gesungen. Dann hat mich meine Gesangslehrerin darauf aufmerksam gemacht, dass ich auch von der Statur, von der Physiognomie und von der guten Aussprache her doch mal ins Wagnerfach hineinschnuppern könnte. Ich habe in Bayreuth ja schon früh den Steuermann gesungen, der ja noch sehr lyrisch angesetzt ist. Da konnte ich mich erstmals mit Wagner anfreunden. Als Student hatte ich 1999 im Bayreuther Festspielchor mitgesungen.

Dann war der Weg zu den größeren Rollen geebnet ...

Muzek: Es kam der Erik, ich habe jetzt schon den Lohengrin gesungen und bereite zur Zeit den Stolzing vor. Das wären die drei Partien, die ich mir vorstellen könnte im Wagnerfach zu singen.

Was tun Sie, damit die Stimme geschmeidig bleibt?

Muzek: Viel schlafen und nicht zu spät essen. Generell muss man immer ein inneres Ohr zur Kontrolle offenhalten, dass man sich nicht dazu verleiten lässt, gegen ein zu lautes Orchester anzukämpfen. Wenn man das merkt, ist es besser, einen Gang zurückzuschalten. Das ist für die Langlebigkeit und Geschmeidigkeit der Stimme das Wichtigste.

In Bayreuth müssen Sie ja nicht gegen das Orchester ankämpfen.

Muzek: Nein. Überhaupt nicht. Es ist eher so, dass ich das Orchester kaum höre, es ist so wunderschön leise gehalten. Das ist eigentlich bei Wagner zu 90 Prozent der Fall – auch wenn Lohengrin singt. Es sind wunderschön begleitende Passagen. Da ist nie etwas, was den Sänger übertönt.

Wie ist Ihr Klangeindruck auf der Bühne im Vergleich zu anderen Opernhäusern?

Muzek: Wenn hier die hintere Schallwand zu ist, hat man das Gefühl, dass man vom Orchesterklang getragen wird. Man hat nie das Gefühl, man muss durch eine Wand singen. In Zagreb hatte ich sehr viel größere Schwierigkeiten mit dem Holländer und dem Eric, weil das Orchester sehr laut gespielt hat. Da muss man dann durch. Aber gegen 80 oder 90 Mann kann man nicht gewinnen.

Sie sind ja ein äußerst vielseitiger Sänger und treten auch mit amerikanischen Titeln wie „Fly me to the moon“ auf, womit Sie in der Riege der Wagner-Tenöre gewiss eine Ausnahme darstellen. Kann man denn lernen, so zu singen wie Frank Sinatra oder ist das angeboren?

Muzek: Jein. Wenn man sich die Sänger und Schauspieler von damals in Hollywood anschaut, sieht man, dass sie gut singen und gut schauspielen konnten. Hört man sich die Sänger an, merkt man, dass viele ähnlich wie Sinatra gesungen haben. Es ist eine sehr leichte Tongebung, keine Verhauchtheit in der Stimme. Es ist eine sehr präsente Stimme. Für mich gehört es eigentlich zur Stimmhygiene, auf diese Art zu singen. Es ist so, wie wenn man einen Liederabend machen würde, wo es um Piano und differenzierte Klanggebung geht. Das ist bei den Jazz-Standards aus dem American Songbook nicht anders. Ich bin keiner, der zwischen Klassik, Pop und Volksmusik unterscheidet.

Bei dem ein oder anderen Heldentenor mag man sich aber nicht so recht vorstellen wie „Fly me to the moon“ klingt.

Muzek: Ich denke, das kommt von der inneren Einstellung. Alles beginnt im Kopf. Wenn man einen Bezug zu dieser Musik hat und sie so empfindet, wie sie interpretiert gehört, dann kann man sie auch singen.

Was machen Sie bei Sinatra anders als bei Wagner?

Muzek: Ich lasse die Stimme einfach laufen, wie beim Sprechen. Vielleicht nütze ich auch nicht so viele Resonanzräumen aus, wie ich es bei Wagner mache, denn bei den amerikanischen Stücken kann ich ein Mikro benützen.

Es ist die natürlichere Art zu singen.

Muzek: Ja, so wie wir beide jetzt reden, würde ich einfach zu singen anfangen.

Wie reagiert das klassische Publikum?

Muzek: Ich habe unlängst ein Trio mit Klavier, Gitarre und Akkordeon zusammengewürfelt. Wir haben ein Programm gestaltet, wo wir im ersten Teil neapolitanische Lieder aufführen, im zweiten Teil machen wird dann auch populäre Sachen, bis zu Sting oder Eric Clapton. Es kommt meistens ein klassisches Publikum, das dann so eine Art angenehme Überraschung erlebt, eine Auflockerung des klassischen Stils.

Welche Sänger sind in diesem Bereich Ihre Vorbilder?

Muzek: Frank Sinatra ist ganz sicher ein Vorbild. Auch all die Sänger, die aus dieser Zeit kommen, wie Bing Crosby oder Ella Fitzgerald.

Wie erzeugen Sie die vom klassischen Gesang doch sehr abweichende Klangfarbe?

Muzek: Es klingt anders, weil es an die Sprache gebunden ist. Das Englische gibt, wenn man die Worte formt, schon beim Sprechen einen anderen Klang. Das ist wie beim Italienischen. Wenn man auf italienisch einen Vokal formt, hat das einen ganz anderen Klang, wie wenn man deutsch singt. Man sagt ja immer von Fritz Wunderlich, er habe mit italienischem Schmelz deutsch gesungen. Das versuche ich auch, wenn ich Wagner singe.

Fritz Wunderlich wäre also ein Vorbild für Sie als Wagner-Tenor?

Muzek: Auf jeden Fall. Vor allem, was seine Handhabung der deutschen Aussprache betrifft. Da gibt es keinen, der da rankommt. Ein Vorbild ist sicher auch Jussi Björling. Von den deutschen Tenören ist von der Sensibilität und der musikalischen Ausstrahlung her Ludwig Suthaus mein absoluter Top-Favorit.

Diese Art zu singen ist vermutlich nicht so kraftraubend wie die der Kollegen, die mit Dauerstrahlkraft singen.

Muzek: Nein, die Zeitgenossen von Suthaus haben eher auf die Kraft und die stimmliche Präsenz Wert gelegt, als auf diese Prosodie, wo man wirklich den Rhythmus innerhalb des Wortes hört.

Was macht Ihnen mehr Spaß: „Fly me to the Moon“ oder Wagner?

Muzek: Auf jeden Fall Oper. Der bleibe ich treu. Das ist das, wo mein Herz aufgeht. Das andere kann immer wider mal zu Auflockerung sein. Das macht Spaß und ist eher Wellness für die Stimme und den Geist.

 

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