Ermordet in Flossenbürg Kein Gedenken für russische Kriegsgefangene in Langenreuth

LANGENREUTH. Acht russische Kriegsgefangene, die 1941 im Eisenerz-Bergbau Langenreuth zur Zwangsarbeit eingesetzt waren, wurden heute vor 77 Jahren im KZ Flossenbürg exekutiert. Der Pegnitzer Bürgermeister Uwe Raab (SPD) hatte einen Gedenkstein angeregt, doch die Mehrheit der Langenreuther lehnt dies ab.

Ein Einsatzkommando der Geheimen Staatspolizei (Gestapo) Regensburg hatte am 29. November 1941 das russische Arbeitskommando mit einer Gesamtstärke von 23 Kriegsgefangenen überprüft und acht „unbrauchbare Elemente ausgesondert“, schrieb die Gestapo. Die acht Gefangenen wurden am 17. Dezember 1941 nach Flossenbürg gebracht und dort exekutiert, hieß es weiter in dem als „Geheim“ eingestuften Schriftstück, das beim Nürnberger Kriegsverbrecherprozess als Beweismittel diente.

Die Namen der Opfer sind nicht bekannt

Nachdem unsere Zeitung zuletzt im November 2013 über die russischen Kriegsgefangenen in Langenreuth und die Exekutionen berichtete, hatte Bürgermeister Raab am Jahrestag der Ermordung, am 17. Dezember 2013, zu einer kleinen Gedenkstunde in die Dorfmitte beim Glockenturm eingeladen. Mit dabei waren der Pegnitzer Dekan Gerhard Schoenauer und einige Mitglieder des örtlichen Heimatvereins. Anschließend gab es einen Rundgang durch das Dorf, um Stationen der Kriegsgefangenen auszumachen. Raab äußerte den Wunsch, einen Gedenkstein aufzustellen, der an die getöteten Kriegsgefangenen, deren Namen man nicht weiß, erinnert. Zu dem Vorschlag gab es damals weder Kritik noch sonstige Äußerungen der teilnehmenden Einheimischen.

Alles schien in trockenen Tüchern. Doch dann regte sich überraschend Widerspruch. Der Vorsitzende des Heimatvereins, Reinhard Hübner, ein Gegner des Gedenksteins, ging alleine von Haus zu Haus und befragte die Einwohner nach ihrer Meinung. „Die Mehrheit will keine Gedenktafel“, bestätigte er auf Anfrage das Ergebnis. Dieses Meinungsbild teilte er auch Bürgermeister Raab mit. Damit war für Raab der Stein erledigt, denn er wollte ihn nur im Einvernehmen aufstellen. „Die meisten haben gesagt, man sollte das ruhen lassen und nicht nachbohren“, gab Hübner die Meinung der Einwohner wieder. Auf dem vorhandenen Gedenkstein werde schon an die im Krieg gefallenen Langenreuther erinnert, das müsse reichen, zitierte Hübner Stimmen aus dem Dorf. Es gebe wichtigere Themen als einen Gedenkstein, etwa den Schimmel im Keller der Gemeinschaftshalle oder die mangelhafte Straßenbeleuchtung.

„Das waren genau so arme Menschen wie unsere Kriegsgefangenen.“

Werner Bauer, der 1989 Gründungsvorsitzender des Heimatvereins und zwölf Jahre im Amt war, sieht das anders. „Die russischen Kriegsgefangenen gehören zur örtlichen Bergbaugeschichte, auch an die Opfer sollte erinnert werden“, sagte der 81-jährige Rentner. „Das waren genau so arme Menschen wie unsere Kriegsgefangenen.“ Die alleinige Befragung durch Hübner gefällt Bauer nicht. Besser wäre eine öffentliche Versammlung mit Bürgermeister Raab und anschließender Abstimmung gewesen. „Wir hätten einen Vertreter der sowjetischen Botschaft in Berlin zur Einweihung des Gedenksteins einladen können. Das hätte Langenreuth gut angestanden“, meinte Bauer.

Als er sich bereits Jahre zuvor für ein Gedenken ausgesprochen hatte, habe ein Vorstandsmitglied des Heimatvereins dies mit den Worten „Warum sollen wir schlafende Hunde wecken?“ abgelehnt. Auch Relativierungen wie zum Beispiel „Wie viele deutsche Kriegsgefangene sind denn in Russland verhungert oder erfroren?“, hat Bauer im Dorf gehört. Doch Unrecht könne man nicht gegeneinander aufrechnen.

Bauer hat einen besonderen Bezug zu den Kriegsgefangenen, denn er hat sie als Kind noch mit eigenen Augen gesehen. Früh mussten die Russen unter Bewachung von Posten vom Gasthaus Moosberger, wo sie nachts im Saal eingesperrt waren, zum Bergwerk laufen. „Sie waren ausgehungert, zerlumpt und abgemagert.“ Seine Mutter hatte Kartoffeln für die Ziegen gekocht und einen Eimer voll zum Abkühlen vor das Haus gestellt. Die hungrigen Russen steckten die Kartoffeln ein. Als die Posten das mitbekamen, hätten sie seiner Mutter mit der Verhaftung gedroht. „Es gibt Sachen, die vergisst man nicht“, blickt Bauer zurück. Er hat die Gestalten in schmutziger und zerrissener brauner Arbeitskleidung noch vor Augen.

Der letzte Zeitzeuge

Der Rentner ist der letzte noch lebende Zeitzeuge. Er kann die ablehnende Haltung im 100-Einwohner-Dorf nicht verstehen. Denn dort zeigt man sich, was den Bergbau betrifft, sehr geschichtsbewusst. An der Infotafel am Glockenturm hängen historische Fotos und Erläuterungen über den Bergbau von 1919 bis 1922 sowie von 1937 bis 1942 für die Rüstungswirtschaft. Zudem erinnert eine mächtige Lore mit Gesteinsbrocken an diesen Teil der Ortsgeschichte.

In Langenreuth sei vielen Zwangsarbeitern im Zweiten Weltkrieg großes Unrecht, tiefste Erniedrigung und physische wie psychische Gewalt widerfahren, sagte Bürgermeister Raab. Das gipfelte in der Ermordung von acht Zwangsarbeitern in Flossenbürg. „Für mich Grund genug, diesen Personen in Form eines Gedenksteines zu gedenken, aber nur mit Zustimmung der Bevölkerung vor Ort“, betonte er. Doch die Mehrheit habe sich gegen einen Gedenkstein entschieden. Raab: „Ich finde das schade, akzeptiere es aber und stehe neuen Anläufen offen gegenüber.“

 

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