Ein Bier auf die Partei-Karriere

Flüssige Aussprache bei der Spaßpartei: Wolfgang Karl und Julian Kreten beim Kanidaten-Casting. Die leeren Bierflaschen sind natürlich nur Kulisse. Foto: Udo Meixner

Die Spaß-Partei Die Partei kürt ihren Bayreuther Bundestagskandidaten und will  ganz seriös für Gaudi sorgen. Was nicht immer klappt, denn - die Realität ist schon weiter als die Satire. Bericht von einer Wahlversammlung, in der nicht zuletzt das Bier gut lief.

Also, das muss man ihr lassen: Die Partei, also: Die Partei des Martin Sonneborn für „Arbeit, Rechtsstaat, Tierschutz, Elitenförderung und basisdemokratische Initiativen“, verwendet keine Steuergelder auf die Kür ihrer Kandidaten. Kein Delegiertentreffen, keine aufwändige Kandidatenkür, der Kreisverband Bayreuth der Partei Die Partei startete im Forum Phoinix in den Bundestagswahlkampf. Also in einem Vorderzimmerchen an der ruhigen Kämmereigasse in Bayreuth, mit größtmöglicher Transparenz: Hinter einem Schaufenster, wer wollte, konnte zuschauen. Oder ohne weiteres gleich drin Platz nehmen.Im Hinterzimmer gab es Getränke und Knabbereien, nicht gesponsert, im Zweifelsfalle also selbst zu berappen. Eine bescheidene Spaß-Partei, das kann man wohl sagen.

Fürs Kandidaten-Casting hatten sich Wolfgang Karl Julian Kreten angemeldet. Das Programm: Reden halten, Phrasendreschen, TV-Duell, allerdings ohne Fernsehen. Um es kurz zu machen: Wir waren bei einer lustigen Veranstaltung. Und waren danach ein bisschen traurig. Die Kandidaten können übrigens nicht so wahnsinnig viel dafür. Sie trugen Anzüge, tranken Bier, und das ausgiebig und schnell, sie kalauerten, sangen die Parteihymne, der Abend hätte in anderen Zeiten als Parodie durchgehen können.

Der Polit-Zirkus ist schon weiter

Im Forum Phoinix gilt’s normalerweise der Kunst, und das natürlich viel ehrlicher als seinerzeit, 1951, bei den Bayreuther Festspielen. Diesmal allerdings mit Problemen. Im amerikanischen Wahlkampf hat man in den vergangenen Wochen ausreichend Unterhaltung genossen, und nicht nur dort. Die Satire, so der Eindruck, kann ja zur Zeit kaum anders, als der Wirklichkeit hinterherzuhecheln. Wie will man das noch toppen? Das „Casting“ wirkte da manchmal schon etwas bemüht. Julian Kreten etwa forderte „tragbare Politik“. Und hängte sich eine Stofftasche um den Nacken, auf der genau das steht, je nun, „tragbare Politik“. Er brach unter der Last der Tasche zumindest nicht zusammen.

Versprochen wurde, da waren beide Kandidaten einander gleich, konsequenter Verzicht auf Inhalte, einen Populismus, unverdünnter als der Wodka, der auf Nachfrage an der Bar gereicht wurde. Was der gemeine Mann am Stammtisch vom Tageswerk normaler Politikern oft mutmaßt, war hier Programm: Die da oben reden eh nur. Lauter Versprechen, nix dahinter. Wie bei Karl und Kreten: Wir versprechen, dass wir alles versprechen. Und damit: nichts.

Hochkonjunktur
für Horrorclowns

Wie gesagt, das wäre vor ein, zwei Jahren noch viel lustiger gewesen. Wir hätten über politische Fragen nachdenken können, über politische Nebelkerzen, über die allenthalben sichtbaren Klüfte zwischen denen da oben und dem Wahlvolk. Seitdem aber haben sich – in Österreich, in Deutschland, in der Schweiz, in Ungarn, in der Türkei – schon längst andere des Themas angenommen. Wer sich in Deutschland zum aufgeklärten Mainstream zählte, zuckte mit den Schultern, lachte ein wenig hilflos angesichts der so albernen wie brachialen Reden. Und sagte: Clowns. Auch noch, als diese Clowns in England gewonnen hatten.

Nur: Jetzt sind sie eben auch in den USA am Drücker. Dass Hororclowns die ganze Halloween-Szene ausgerechnet heuer aufmischten, kann doch kein Zufall sein.

Die Partei in Bayreuth will mit guter Laune gegen etwaige Beklemmungen bereiten. Und bemühte sich beim Kandidaten-Casting redlich, den Verdacht von Ernsthaftigkeit zu zerstreuen. Auch indem sie einen Kandidaten kürte, der jeden Gedanken an ein wie auch immer geartetes Programm in kunstvoll verzwirbelter Wortwatte verschwinden ließ: Wolfgang Karl. Der schlug seinen Konkurrenten Julian Kreten deutlich, auch deswegen, weil er sich eben nicht vorbereitet hatte und auf Spontaneität setzte. Ob Performance oder Politik, Hauptsache Italien.

Karl fand dann aber doch noch ernste Worte, sprach von einer Mahnung für den Frieden und davon, wie nah die weltpolitischen Einschläge mittlerweile kommen. Aha, so seriös kann sich ein Kandidat Der Partei äußern. Seine Kandidatur hingegen sei, darauf legt Wolfgang Karl Wert, nicht bierernst.

„Wir zäumen das Pferd von oben auf“

Karls Chancen als Kandidat einer Spaßpartei sind, das werden Umfrageforscher herausfinden können, natürlich total mies. Also nach den jüngsten Erfahrungen vermutlich ziemlich gut. Beppe Grillo startete in Italien als schlechter Clown und Chef einer missvergnügten Oppositionsbewegung. Nun regiert er mit, in Italien. Und Partei-Mitbegründer Martin Sonneborn? Sitzt als Europa-Abgeordneter in Straßburg. Warum sollte Ähnliches in der Faschingshochburg Bayreuth schiefgehen?

So vermischten sich am Samstag Gaudi und Politik, bis man sie nicht mehr auseinanderhalten konnte. Wenn ein Donald Trump mal loslegt und zeigt, was mit pointierter Prinzipienlosigkeit alles geht, ist man als Satiriker eben auch geliefert. Dem postfaktischen Zeitalter folgt das postsatirische.

Man möchte daher gar nicht mehr ausschließen, dass sich die witzig gemeinten Worte des Kreisvorsitzenden Micha Beck in naher Zukunft als prophetisch herausstellen. Vielleicht geht sich die Partei selber auf den Laim? „Wir zäumen das Pferd von oben auf. Irgendwann steht die vollständige Machtergreifung auf dem Programm“, sagte der vorm Ksndidaten-Casting. „Wir sind die Partei der extremen Mitte.“ Klingt alles paradox und schräg und schon irgendwie lustig, ist aber auch schon wieder nah an der Wirklichkeit. Die Mitte wird womöglich auch ohne Die Partei extremer. Das vollzieht sich manchmal ganz von allein.

Ne, ist eigentlich zur Zeit nicht mehr ganz so lustig, für lustige Leute in der Politik zu stimmen, ganz so, als sei das Ganze überhaupt ein Witz. Es sieht so aus, als ob die alten, betulichen, die echten Politiker langsam Hilfe brauchten. Am besten, indem sich der Bürger an sich mal wieder für echte, betuliche, mühsame Politik interessiert.

Was natürlich weit unwahrscheinlicher ist als ein Wahlsieg Der Partei.

 

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