Ein Bayreuther saniert Schloss Broock

Christian Schmidt zusammen mit den Eigentümern von Schloss Broock, Stefan Klingenberg und seiner Frau Monika. Foto: privat

Warum in die Nähe schweifen, wenn das Gute so weit abseits liegt? Ein Bayreuther hat sich in ein Schloss verliebt, ein Schloss mitten in Mecklenburg-Vorpommern, mitten im Nirgendwo. Nun ist er dabei, das Juwel wieder zum Leben zu erwecken. Schloss Broock, einst Bühne fürs Jet Set des Kaiserreichs, soll wieder glänzen. Doch das Schloss ist marode – eine Herkulesaufgabe für Christian Schmidt und seinen Bauherrn.

Als das Schloss letztmals gute Zeiten erlebte, fotografierte man noch schwarzweiß. Auf den Aufnahmen sieht man bärtige Männer in Anzug und Weste, mit Krawatte, Hut und Spazierstock, man sieht fesche Offiziere, Frauen mit hochgeschlossenem Mieder und großen Hüten. Hübsch sind sie, sie schauen allerdings ein wenig streng: Sie verstehen, die Konvention.

Schloss steht seit 1980 leer

Man hielt auf sich, man hielt auf gute Gesellschaft, damals, in den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg. Die gute Gesellschaft traf sich gern in Schloss Broock, zu Parforcejagden, Bällen und anderen Lustbarkeiten. Und heute? „Das seit 1980 leerstehende Gebäude ist sanierungsbedürftig“. Das liest man auf Wikipedia.

Christian Schmidt (42), der Bayreuther, bekannt als Katharina Elena und Organisator der Aids-Gala, muss da präziser werden: „Es ist nicht ein bisschen, es ist sehr marode.“ Sanierungsbedürftig, einfach nur so, als gelte es da ein Bad aufzuhübschen? Da muss er lachen.

Heimat eines ausgestorbenen Adelshauses

Schmid kennt die Geschichte des Schlosses sehr gut, vielleicht besser als jeder andere jener Gegenwart, in der man längst mit Smartphones fotografiert. Er kann erzählen von den Wechselfällen der Geschichte, die im Großen Grenzen verschieben und im Detail ein Schloss zerstören. Schmid weiß um die Geschichte derer von Seckendorff, die in der Mitte des Jahrhunderts nahe der Mecklenburgischen Seenplatte eine Pferdezucht und einen Tummelplatz für die bessere Gesellschaft einrichteten.

Schmidt weiß auch um die Schulden der Familie, die Wirnisse jener Weltwirtschaftskrise von 1929, dem Absterben der Seckendorffs, denen keine männliche Erben mehr wuchsen, den erzwungenen Verkauf.

"Die haben alles mitgenommen"

Und er weiß um die Ereignisse des Jahres 1945, als die Sowjets den Osten Deutschlands überrannten und die meisten im Windschatten der Sieger ihren Vorteil suchten. „Für die Leute aus der Umgebung war das so was wie ein Baumarkt. Die haben alles mitgenommen, den Dielenboden, die Fenster, die Türen, sogar eine gusseiserne Dienstbotentreppe haben sie rausgerissen.“ Jetzt ist Schloss Broock so etwas wie eine Ruine, ohne Fenster, mit einem kaputten Dach. Kaputt. „Wie ein maroder Bau“, sagt Schmidt. Bourgeoisie halt, um deren Hinterlassenschaften kümmerte sich in der DDR niemand.

Dann die Wiedervereinigung. Ein Investor trat an. Und verhob sich. Und dann kam ein neuer Investor, der Architekt Stefan Klinkenberg. Einer mit Ahnung und Plan, einer, der schon ein paar größere Projekte gewuppt hat. Und dieser Stefan Klinkenberg traf auf Christian Schmidt. Und jetzt sind wir bei dem Punkt der Erzählung, der unbedingt zu einem verwunschenen Schloss gehört. Wir sind bei: der Liebesgeschichte.

Schmidt verliebt sich in das Schloss

Schmidt, er lebt in Berlin, hatte beruflich in der Gegend zu tun gehabt. Irgendwann war er es leid, nur die Autobahn rauf- und runterzurauschen. Zwei Stunden rauf, zwei Stunden runter, zurück nach Berlin. Das soll’s gewesen sein?

Schmidt machte eine Liste. Sehenswürdigkeiten. Gerne auch Abseitiges. Unter letzterem fand sich Schloss Broock. Schmidt fuhr hin. Und konnte nicht mehr davon lassen. „20 Minuten waren eingeplant, für ein paar Fotos. Es wurden fünf Stunden daraus. Ich hatte mich verliebt, rettungslos verliebt.“ Er forschte nach, grub in Archiven, fragte Zeitzeugen, kannte sich bald so gut aus, dass sich sogar die Denkmalpfleger an ihn wandten, wenn’s um Schloss Broock ging.

Das Rad der Geschichte zurückdrehen

Und dann kam Klinkenberg, er kaufte das Schloss und hörte irgendwann von diesem Liebhaber aus Franken, der seine Liebe auf einer Facebookseite ausbreitete. Schmidt und Klinkenberg sprachen zwei Stunden miteinander – und waren danach einig, das Rad der Geschichte um Jahrzehnte zurückzudrehen.

Schmidt ging als Projektmanager an Bord, kümmern soll er sich ums Netzwerken, um Öffentlichkeitsarbeit, auch um Konzepte für die Zeit danach. Was macht man eigentlich mit so einem Kasten, der fast zweieinhalbtausend Quadratmeter Fläche bietet, Salons, Säle, Flure, Küchenräume und Werkstätten? „Ich kenne mich da aus“, sagt Schmidt, „ich habe das als Schauspieler und Organisator der Aids-Gala ja schon gemacht.“ Er verweist auf Reihen wie die „Spiegel“-Gespräche, zu denen er Persönlichkeiten wie den Alt-Bundespräsidenten Horst Köhler oder die Power-Frau Anke Engelke einlud. Und er betont die Chancen des sanften Tourismus für eine verschlafene Region.

So kaputt, dass niemand rein darf

Aller Anfang ist schwer, dieser ist – ein echtes Problem. Irgendwann, vielleicht schon im Jahre 2021, soll das Schloss wieder ein Mittelpunkt für eine weite Region werden, ein Event-Schloss. Die See ist nicht weit, die Seenplatte noch näher, da geht was, findet Schmidt.

Davor sind Tonnengewichte zu stemmen. Das Schloss ist so kaputt, dass eigentlich niemand reindarf. „Die Notsicherung ist schwierig, keine Firma lässt da ihre Handwerker arbeiten. So zu gestalten und zu planen, dass wir eine Genehmigung bekommen, wird unsere erste Aufgabe sein“, sagt Schmidt. „Der Mitteltrakt ist mehr oder weniger eingestürzt.“ Ist das erstmal geschafft, sollte es einfacher werden, glaubt er.

50 Schwäne vor der Haustür

Eine Dienstwohnung wird er beziehen, in einem Wirtschaftsgebäude am Schloss, ein paar Kilometer vom nächsten Dorf entfernt, eine halbe Ewigkeit von der Kreisstadt Demmin. Die meiste Zeit wird er bei Schloss Broock verbringen, weit weg von allem Möglichen, so nah wie möglich an dem, was ihn interessiert. „Man sieht Seeadler dort, manchmal sieht man Hirsche direkt vorm Schloss“, erzählt er.

„Einmal hörte ich ein unfassbares Geräusch, ich blickte auf und sah ungefähr 50 Schwäne heranschwirren.“ Möglich, dass er übertreibt. Aber irgendwie auch vorstellbar an einem Ort, an dem Fuchs und Hase einander gute Nacht sagen. „Der Himmel ist anders als in Franken“, sagt Schmidt, „es ist – so eine Weite.“ Nie werde es richtig dunkel in der Nacht, fern am Horizont, dort, wo das Meer anbrandet, schimmere immer so etwas wie ein Silberstreif.

Das mit dem Silberstreif möchte man, bei aller Liebe, auch als Verheißung für Schloss Broock verstehen.

 

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