Deutsche Experten forschten nach Kriegsende für die Amerikaner Geheimwaffen im Schloss

Weithin unbekannt: Im Schloss Neudrossenfeld fanden nach Kriegsende geheime Lenkwaffenforschungen statt. Foto: Ronald Wittek

Im Schloss Neudrossenfeld fanden nach dem Kriegsende im April 1945 geheime Lenkwaffenforschungen deutscher Experten unter Aufsicht der US-Armee statt. Das belegen inzwischen freigegebene Geheimakten aus den Vereinigten Staaten, die unserer Zeitung vorliegen. 

Die Vorgeschichte spielt in Bayreuth. Dort fanden diese Forschungen ab Juni 1944 im KZ-Außenlager auf dem Gelände der Neuen Baumwollspinnerei statt. Insgesamt 85 technisch ausgebildete Gefangene mussten in dem „Institut für physikalische Forschung“, so der Tarnname, für die Lenkwaffenentwicklung mit Hilfe einer Fernsehkamera schuften. Die Aufsicht hatten zivile deutsche Wissenschaftler und Ingenieure, das Lager wurde von der SS bewacht.

Neue Unterkunft

Das zweistöckige Gebäude wurde am 11. April 1945 bei einem alliierten Bombenangriff auf die Stadt teilweise zerstört. Die Häftlinge mussten unter SS-Bewachung ins Hauptlager nach Flossenbürg zurückmarschieren, die zivilen Wissenschaftler, Ingenieure und Handwerker zogen mit ihren Werkzeugen, Maschinen und Unterlagen ins benachbarte Neudrossenfeld um. Das ergibt sich aus einem Untersuchungsbericht, den der US-Geheimdienst CIOS am 30. Juni 1945 angefertigt hatte. Die Akten sind inzwischen freigegeben. 

Autor Walter Hauz überschrieb den Report mit dem Titel „Institut für physikalische Forschung Neu Drossenfeld“. Das Institut habe vor der amerikanischen Besatzung an einem Steuersystem mit Hilfe einer Fernsehkamera gearbeitet, das erfolgreich getestet worden sei. In Neudrossenfeld seien die Arbeiten fortgesetzt und Vertretern der US-Armee vorgeführt worden.

Werner Rambauske war der Chef

Als Leiter der Forschungsgruppe und Erfinder des Steuersystems wurde der Physiker Werner Rambauske genannt, der 1911 in Breslau geboren war. Das Institut sei hauptsächlich von der Luftwaffe finanziert worden. Rambauske führte die amerikanischen Experten nach Neudrossenfeld zu einem Gasthof, wo er und ein kleiner Stab von zivilen Mitarbeitern weiter an dem Zielsuchgerät arbeitete. Die Räume im ersten Stock des Schlosses im Großen Saal standen unter Bewachung des US-Militärs. In einer geheimen, inzwischen ebenfalls freigegebenen Personalakte Rambauske aus den National Archives in Washington heißt es, er habe von April bis Oktober 1945 als Manager des  „Institut Teleoptik“ in Neudrossenfeld für die Entwicklung eines neuen „elektro-optischen Auges“  gearbeitet. Dieses Gerät sei für die Zielsuche von Raketen und Bomben geeignet.

In einem anderen Dokument, das von dem Physiker 1947 handschriftlich erstellt worden war, benannte er seine Zeit in Neudrossenfeld vom April 1945 bis Februar 1946. Laut einer FBI-Akte reiste Rambauske am 20. Januar 1947 im Alter von 35 Jahren freiwillig in die USA ein, um dort seine Lenkwaffenforschungen für die US-Air Force fortzusetzen. Eine Entnazifizierung bleib dem NSDAP-Mitglied damit erspart. Dies geschah im Rahmen des geheimen Projekts „Paperclip“, mit dem Hunderte deutsche Raketenforscher und Wissenschaftler eingebürgert wurden, um sich deren militärisches Wissen zu sichern. Der bekannteste eingebürgerte Raketenforscher war Wernher von Braun.

In Neudrossenfeld ist über die Forschungen kaum etwas bekannt. „Nichts davon sollte in der Öffentlichkeit bekannt werden“, erläuterte Bürgermeister Harald Hübner. Er hat gehört, dass die Forschungen im Großen Saal des Schlosses stattgefunden haben. Das kann eine 88-jährige Einwohnerin bestätigen. Sie lebte damals als junge Frau mit ihrer Familie im Erdgeschoss, es gab eine Gastwirtschaft und eine Metzgerei im Schloss. „Welche Forschungen dort oben betrieben wurden, wussten wir nicht. Das war geheim, wir durften nicht darüber reden“, erinnerte sich die Zeitzeugin, die namentlich nicht genannt werden wollte. Die deutschen Ingenieure im geschätzten Alter von Mitte 30 bis Mitte 40 bezeichnete die Frau noch heute respektvoll als „die Herren“. Die Amerikaner hätten die Forschungseinrichtung nach dem Einmarsch beschlagnahmt. Ihre jüngere Schwester berichtete, dass amerikanische Soldaten den Saal bewacht hätten, die Türe sei versiegelt gewesen. Sie kann sich noch daran erinnern, dass große Kartons in den Saal getragen wurden, vermutlich handelte es sich um geheime Akten oder Werkzeuge.

 

0 Kommentare

Kommentieren

  1. Passwort vergessen?
  2. * = Pflichtfeld
Sie haben noch keinen Benutzer-Zugang? Jetzt registrieren!

Wenn Sie einen Kommentar verfassen, so wird dieser unter Ihrem Klarnamen, also dem von Ihnen angegebenen Vor- und Nachnamen veröffentlicht. Sollte Ihr Kommentar nicht sofort erscheinen, bitten wir Sie um etwas Geduld. Wir behalten uns vor, Kommentare vor der Veröffentlichung zu prüfen. Bitte beachten Sie hierzu auch unsere Netiquette.

loading