Der grüne Faden Eine Kurve, die das Leben von Werner Burkhardt veränderte

Durch seine offene Art war Werner Burkhardt schon immer „aweng anders als die anderen“. Heute hindert ihn auch sein Handicap nicht daran, ein erfülltes und schönes Leben zu führen. Foto: Anne Müller

BAYREUTH. Er kam mit 20 Jahren im Hubschrauber nach Bayreuth, organisiert seit vielen Jahren nationale und internationale Tischtennisturniere für Rollstuhlfahrer und stehend Gehandicapte und weigert sich, an seinem eigenen Handicap zu leiden: Werner Burkhardt.

Das Begrüßungskomitee im Hause Burkhardt ist vierbeinig, gut gelaunt, extrem gut erzogen und heißt Biene. Werner Burkhardt lebt seit kurzem mit seiner Frau Nicole und der Hündin in einem ebenerdigen Neubau in Mistelgau und ist für jeden, der sich in Nordbayern für Rollstuhlsport interessiert, ein wohlbekannter Ansprechpartner. Nach Bayreuth kam er zwar nicht ganz freiwillig, doch hier konnte er sich ein Leben aufbauen, das sich Nicht-Rollstuhlfahrer, also Fußgänger, wohl niemals vorstellen könnten: „Ich bin glücklich, so wie es ist. Mein Handicap nur zu akzeptieren, das war mir viel zu wenig. Ich habe mich damit identifiziert, ich gehe offensiv damit um, und gegen den Strom schwimmen musste ich ja auch als Fußgänger schon.“ Damit meint er seinen offenen, lebenslustigen, humorvollen Charakter, mit dem er sich schon als Jugendlicher sehr von seinen Mitmenschen unterschied. „Warum soll ich mich durchs Leben quälen, nur weil der Rest der Welt – der wohlgemerkt von einem Leben im Rollstuhl keine Ahnung hat – das erwartet? Ich lebe mein Leben, wie ich das will, und es geht mir richtig gut damit.“

"Ein total klobiger AOK-Chopper"

Werner Burkhardt kam 1964 in Buch am Wald im Landkreis Ansbach zur Welt und wuchs mit seinen zwei Brüdern auf dem elterlichen Bauernhof auf. Nach dem qualifizierenden Hauptschulabschluss machte er eine Lehre zum Landmaschinenmechaniker und zum Kfz-Mechaniker, und eine ganz bestimmte Erinnerung bekommt aus heutiger Sicht schon fast prophetische Züge: als der kleine Werner etwa zehn Jahre alt war, zog sich ein Junge aus seinem Heimatdorf eine Querschnittverletzung zu. Die Spielkameraden bekamen so aus erster Hand mit, wie sich in den 1970er Jahren das Leben im Rollstuhl abspielte: „Der Rollstuhl selber war ein total klobiger AOK-Chopper, der Schulbusfahrer hob den Jungen jeden Tag rein und wieder raus, und auch auf dem elterlichen Hof des Jungen war der Rollstuhl immer präsent.“ Dass er sich allerdings selbst zum Spaß einmal in den Rollstuhl setzen würde, wie viele der Kinder das zum Ausprobieren taten, kam für Werner nicht infrage: „Solange ich nicht im Rollstuhl sitzen muss, tu’ ich das auch nicht.“

Der 29. Juni 1985 änderte dann alles. Kurz zuvor hatte Werner Burkhardt eine Blinddarmoperation, und der begeisterte Motorradfahrer wollte nun ausprobieren, ob das Fahren schon wieder funktioniert. Die Strecke vom Motorradtreffen im Taubertal zu seiner Freundin hat Werner Burkhardt heute noch in vielen Einzelbildern genau im Gedächtnis. „Das ist echt skurril, aber ich weiß noch genau, was ich wann und wo gedacht habe.“ Er überholte ein Auto und dachte sich am Waldrand noch: Vorsicht, nicht dass da Rehe über die Straße laufen. „Und ab der letzten Linkskurve rauschten die Bilder nur noch unkontrolliert vorbei.“ Das Motorrad hatte sich überschlagen, und Werner Burkhardt war mit dem Kopf voran schräg auf dem Boden aufgekommen. Die Verletzung dieses brachialen Sturzes zerschmetterte ihm zwei Brustwirbel, und doch hatte er unglaubliches Glück im Unglück. Der überholte Autofahrer sah im Licht der tief stehenden Sonne ein Chromteil des Motorrads aufblitzen und holte sofort Hilfe. „Meine damalige Freundin wusste auch direkt Bescheid, sobald sie den Hubschrauber hörte“, erinnert sich Burkhardt „Und auch mir war gleich nach dem Aufwachen am nächsten Morgen klar, dass da was ganz und gar nicht stimmt.“

„Ich komm’ total gerne mit Menschen ins Gespräch"

Vom Würzburger Krankenhaus wurde er mit dem Hubschrauber zur Weiterbehandlung nach Bayreuth geflogen. An den Begleitarzt von damals kann er sich auch deshalb noch so gut erinnern, weil der wahrlich kein Blatt vor den Mund genommen hatte: „Er sagte ganz klar, dass ich das Laufen für den Rest meines Lebens vergessen kann. Mir hat das unheimlich geholfen, weil meine Ahnung der Verletzung dadurch bestätigt wurde. Die Sachlage war klar, damit konnte ich umgehen.“

Es folgten wochenlanges Liegen zur Stabilisierung der Wirbelsäule, unvorstellbar mühsame Aufbauarbeit für Muskeln und Kreislauf und unzählige Physiotherapieeinheiten. Und als die Reha-Maßnahmen weitgehend abgeschlossen waren, stellte sich für Werner Burkhardt die Frage, wie es beruflich, sportlich und auch zwischenmenschlich weitergehen sollte. Was den Kontakt zu Menschen anging, erzählt er mit einem breiten Grinsen, hatte sich gar nicht so viel verändert. „Ich komm’ total gerne mit Menschen ins Gespräch, völlig egal, woher sie kommen und was sie im Leben so machen. Als Jugendlicher war ich mit dieser offenen Art im Dorf eine Besonderheit, aber so bin ich eben, und das ist gut so.“ Vor dem Unfall hatte Burkhardt Fußball gespielt, gekegelt, war im Schützenverein aktiv und zu Schulzeiten hatte er auch Tischtennis gespielt.

Seit 1996 Vorsitzender des Rollstuhlsportvereins

In Bayreuth begann er beim damaligen Versehrtensportverein dann „richtig“ Tischtennis zu spielen. Und als er sich in Waldkraiburg zum technischen Zeichner umschulen ließ, spielte er auch dort jeden Abend. 1988 zog er dann endgültig nach Bayreuth, arbeitete bei Stäubli & Trumpelt, bei OVB Versicherungen und Kapitalanlagen im Außendienst, war fünf Jahre lang in der LVA tätig und arbeitet seit 1996 beim Reha-Team Bayreuth.

Als aktiver Tischtennisspieler nahm Werner Burkhardt an drei Weltmeisterschaften, neun Europameisterschaften, den Paralympics in Sydney, Athen und London und an gefühlt 50 Weltranglistenturnieren teil. „Wir waren mit den Rollis auf allen fünf Kontinenten unterwegs, und weil ich immer schon gern organisiert habe, war es nur eine Frage der Zeit, bis ich hier ein Turnier auf die Beine stelle.“ Seit 1996 ist er erster Vorsitzender des Rollstuhlsportvereins Bayreuth, und seit 2011 gibt es die Bayreuth Open, an denen jedes Mal rund 300 Sportler und 120 Betreuer und Trainer aus aller Welt teilnehmen.

"Genauso viel Spaß am Leben habe wie jeder andere Mensch"

Sein Perfektionismus, seine Turniererfahrungen, sein Organisationstalent und sein exzellentes Netzwerk in Rollstuhlsportlerkreisen hatten dazu geführt, dass die Bayreuth Open einen ausgezeichneten Ruf genießen und mittlerweile zu einer echten Hausnummer im internationalen Turnierkalender geworden sind. Anstrengend sind diese Veranstaltungen, keine Frage. Aber die überaus positiven Rückmeldungen geben Burkhardt und allen seinen Helfern immer wieder Auftrieb. „Ich denke nicht, dass Querschnittverletzungen irgendwann einmal geheilt werden können. Aber ich kann dafür sorgen, dass ich als Querschnittler genauso viel Spaß am Leben habe wie jeder andere Mensch.“


INFO: Werner Burkhardt gibt den Grünen Faden weiter an seinen Tischtennis-Sportkameraden Helmut Pfaffenberger, weil „der Helmut sich traut, mich alles zu fragen. Er ist genauso geradeheraus wie ich, und ich finde es klasse, was er im Bereich Ehrenamt, Heimatpflege und Jugendtraining alles macht.“ 

Der grüne Faden: Jeder Mensch hat eine Geschichte, die es wert ist, erzählt zu werden. Bayreuth hat rund 74 500 davon. Mit unserer Serie möchten wir die Schicksale hinter den vielen Gesichtern aufzeigen, die uns täglich begegnen. Ob auf dem Marktplatz oder beim Metzger. Jeder Porträtierte wird anschließend gebeten, den symbolischen Grünen Faden an jemanden weiterzureichen, dessen Geschichte auch einmal erzählt werden sollte. So zieht sich der Grüne Faden durch die Stadt.

 

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