Außenhandel China lockt auch Oberfrankens Wirtschaft

Auf nach China. Foto: Peter Gisder

BAYREUTH/MÜNCHEN. Das Reich der Mitte ist erstmals der wichtigste Handelspartner Bayerns. Die USA fallen auf Platz zwei. Die Entwicklung birgt auch Risiken.

Jahrzehntelang prägte das deutsch-amerikanische Freundschaftsverhältnis in besonderem Maß auch die wirtschaftlichen Beziehungen zwischen Bayern und den Vereinigten Staaten. Kein anderer Partner war wichtiger als der jenseits des Atlantiks. Bis jetzt.  Im Jahr 2018 war China zum ersten Mal der wichtigste Handelspartner Bayerns. 

„China war bereits stark, ist stark und wird noch stärker“, sagt Bernd Aßmann, Vorsitzender des Außenhandelsausschusses der Industrie- und Handelskammer (IHK) für Oberfranken Bayreuth, im Gespräch mit unserer Zeitung. Er prophezeit: Die Rolle der Vereinigten Staaten wird weiter schwinden. Im Gegenzug wird die Rolle des Reichs der Mitte weiter zunehmen. 

Partner, auf die man zählen kann

Nominell liegt China nach Zahlen des Statistischen Bundesamtes beim Export zwar weiterhin hinter den USA und beim Import hinter Österreich jeweils auf Rang zwei. Ausschlaggebend für die Wirtschaftsvertreter ist jedoch der gesamte mit China abgewickelte Außenhandel – also Exporte und Importe. Und der belief sich im Vorjahr auf 8,8 Prozent des gesamten bayerischen Außenhandels.

„2017 waren noch die USA mit einem Anteil von neun Prozent unser wichtigster Handelspartner“, kommentiert Bertram Brossardt, Hauptgeschäftsführer der Vereinigung der bayerischen Wirtschaft (VBW) die Entwicklung. Als einen Grund dafür, dass die Chinesen im Vergleich zu den USA mittlerweile aufgeholt – und die Staaten mitunter sogar überholt – haben, ist laut Aßmann die Zuverlässigkeit. „Die fehlt in den letzten Jahren in den USA einfach.“ Im Gegenzug seien die Chinesen Partner, auf die man zählen könne. „Und sie steigern sich sogar noch.“ 

Im Kammerbezirk der IHK für Oberfranken waren im Februar 126 Unternehmen registriert, die Außenhandelskontakte mit den USA unterhielten, und 89, die in China engagiert sind. Zum Vergleich: Mit Österreich unterhielten 227 Unternehmen Geschäftsbeziehungen, mit der Schweiz 210 und mit Tschechien 172. Im Kammerbezirk Coburg waren es 40 Firmen, die Kontakte in die USA unterhielten und 30, die in China engagiert sind.

Die neue wirtschaftliche Stärke der Chinesen stößt jedoch nicht überall auf Wohlwollen. Im Gespräch mit der „Neuen Zürcher Zeitung“ sprach der Ostasien-Experte der Freien Universität Berlin, Eberhard Sandschneider, jüngst sogar davon, dass der Westen „über die letzten 40 Jahre alle die wesentlichen Entwicklungen Chinas nicht richtig eingeschätzt“ hat. Und dass die Chinesen eine neue Hegemonialpolitik betrieben. Unter anderem mit der Initiative einer neuen Seidenstraße.

Friedensstiftende Funktion

Bedenken, die Aßmann nicht teilt. Er verweist stattdessen darauf, dass gerade wirtschaftliche Abhängigkeiten zwischen verschiedenen Staaten eine friedensstiftende Funktion hätten. „Und wenn man Exportweltmeister ist, ergeben sich zwangsläufig Abhängigkeiten“, sagt er.

Für die Coburger Unternehmen ist die Neue Seidenstraße laut Friedrich Herdan, Präsident der Industrie- und Handelskammer zu Coburg, aktuell noch von untergeordneter Bedeutung. Von Nürnberg aus startet demnach einmal pro Woche ein Zug mit 54 Frachtcontainern nach Chengdu – die Fahrzeit für die rund 10.000 Kilometer liege bei zwei Wochen. 

„Das ist zwar eine sinnvolle Ergänzung von Luft- und Seefracht, aber sicher keine Option für Just-in-time-Lieferungen“, betont Herdan. Wenn China nun aber wie angekündigt, bis zu eine Billion Euro in den Ausbau des Projekts stecken will, ergeben sich laut dem IHK-Präsidenten Möglichkeiten für den Wirtschaftsraum, am Ausbau der Handelswege zu partizipieren. „ ‚One Belt, One Road‘ wird China und Europa deutlich enger zusammenbinden“, ist sich Herdan sicher.

Für die Handwerksbetriebe ist das Thema China derzeit nicht von herausragender Bedeutung. Günter Wagner von Bayern Handwerk International, der Exportfördergesellschaft der bayerischen Handwerkskammern, berichtet nur von einer „verschwindend geringen“ Zahl an Anfragen von Handwerksbetrieben, die sich um die USA oder China drehten. Waren bayerische Handwerksbetriebe im Ausland aktiv, dann eher in Ländern wie Tschechien, Österreich und der Schweiz, aber auch in Italien, Skandinavien und den Benelux-Staaten.

Eine Sache die es beim Engagement von Handwerkern im außereuropäischen Ausland immer zu bedenken gäbe, ist laut Wagner die fehlende Dienstleistungsfreiheit, zum Teil werde Unternehmen in bestimmten Ländern der Marktzutritt verwehrt. „Das Freihandelsabkommen TTIP mit den USA hätte da etwas geändert“, ergänzt der Experte.

Staaten, die nach Fortschritt lechzen

Unabhängig von den USA und China sieht IHK-Außenhandelsexperte Bernd Aßmann noch einige Kandidaten, die großes Potenzial für oberfränkische Unternehmen haben, auch wenn sie sicherlich nicht an das Volumen der beiden großen Spieler heranreichen werden. Unter anderem die von Aßmann als „Ista-Staaten“ bezeichneten Länder Kirgistan und Usbekistan. „Das sind Staaten, die nach Fortschritt lechzen“, sagt Aßmann. „Auf leisen Sohlen lösen die sich vom großen Bruder Russland. 
Und auch Australien sei trotz großer Distanz und langer Handelswege ein großer Markt. Die künftige Entwicklung skizziert Aßmann kurz und prägnant: „Der Anteil der USA sinkt deutlich und nachhaltig.“

 

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