Auftritt im Zentrum Postillon: Die Klasse blitzt zu selten auf

Anne Rothäuser und Thiess Neubert sind die Stimmen des Satiremagazins „Der Postillon“, das auch schon im Bayerischen Rundfunk zu hören war. Die Schau, in der die beiden in die Rolle von Nachrichtensprechern schlüpfen und frei erfundene, aber von Wortwitz geprägte Nachrichten verlesen, sorgte in Bayreuth für verhaltenen Applaus. Foto: Andreas Harbach

BAYREUTH. Der Auftritt der Satiregruppe „Der Postillon“ im Bayreuther Zentrum ist kurz und teuer. Die Vortragenden, Anne Rothäuser und Thiess Neubert, wirken überfordert und lustlos, wenn Lacher aus- und Plätze frei bleiben. Und dennoch ist ein Besuch nicht gänzlich umsonst. Denn unter die oft flachen, manchmal derben Witze mischen sich auch einige, die brandaktuelle Themen gekonnt auf die Schippe nehmen.

30 Euro zahlen die Zuschauer im Vorverkauf, 35 Euro an der Abendkasse. Vielleicht auch wegen des Preises ist das Zentrum mit rund 120 Gästen nicht voll besetzt. „Der Postillon“, eigentlich eine Satire-Seite im Internet, die mit Wortspielen und schwarzem Humor glänzt, kommt beim ersten Gastspiel in Bayreuth nur schwer in die Gänge. Von einem Krankenhaus, in dem nicht die Kinder, sondern die Mütter vertauscht werden ist in einem minutenlangen Einspieler die Rede, in einem anderen von einem Motorradfahrer, der nach einem Unfall monatelang auf einer Verkehrsinsel feststeckt. Auch mit Stereotypen wird wenig originell gespielt wenn von Busfahrern die Rede ist, die in Unfreundlichkeitskursen ausgebildet würden. Ein Raunen geht durch den Saal, als der Postillon titelt: „Sind unter der Gürtellinie: Witze über Hängebusen.“

Ausschließlich flach ist das Niveau der Veranstaltung aber nicht. Zu groß ist die eigentliche Klasse der Gag-Schreiber hinter den Kulissen, die gelegentlich auch aufblitzt. Tief schwarzen Humor beweisen sie, wenn Rothäuser und Neubert Schlagzeilen verlesen wie: „Einfach mal abschalten: Pfleger genießt Ruhe auf der Intensivstation“. Kreativ wird es bei der Meldung „Ähm und Ähms: Stoiber nascht während Rede Schokolinsen“. Und Sinn für Tiefgründiges beweisen die Satiriker, wenn sie von Schleusern berichten, die Tierbabys in Flüchtlingsbooten aussetzten, damit die Europäer diese nicht weiter einfach absaufen ließen. Ob Feuerwehrleute wohl am Einsatzort besser arbeiten könnten, wenn sie an Gaffer Wurst und Bier verkauften, heißt es später. Schließlich könne, wer beide Hände voll habe, unmöglich auch noch auf Hilfskräfte losgehen. Und man stelle sich nur einmal vor, Ikea hätte einen Grenzzaun im Angebot. Börder Wall könnte der heißen, und der amerikanische Präsident würde ihn eigenhändig an der Grenze zu Mexiko aufbauen. Schließlich wären im Lieferumfang bestimmt eine 12.000 Seiten starke Anleitung, exakt 471.612 Platten und weit über eine Million Schrauben enthalten, aber wie für Ikea-Produkte üblich, eben nur ein einziger Schraubschlüssel.

Im weiteren Verlauf wird über einen dunkelhäutigen Amerikaner gerätselt, der wie durch ein Wunder eine Polizeikontrolle unverletzt überstanden habe. Das Motiv des weißen Polizisten sei noch unklar, heißt es in klassischer Nachrichtensprache, der Mann habe gleich mehrere Gelegenheiten zur Gewaltausübung ausgelassen. Und Rentner klagen einer fiktiven Pressemeldung zufolge darüber, dass das Flaschenpfand schon lange nicht mehr an die Inflation angepasst worden sei und man folglich kaum noch davon leben könne.

Seniorenklappen für pflegebedürftige Alte sind ebenso ein Thema, wie Eltern, die die Namen und Geburtstage ihrer Kinder vergessen, weil sie sich die Daten nicht haben tätowieren lassen. „Dabei wäre Platz gewesen“, an Knöchel, Hals und Stirn. Und wie wäre es, wenn der Bund tatsächlich eine neuen Autobahn bauen ließe, A 0 genannt, die einmal quer durch Ostdeutschland führte, für den Verkehr aber nie freigegeben würde, weil sie nur dazu da sei, dass Baufirmen sie sperren, aufgraben und darauf Pausen einlegen könnten?

Das Bayreuther Publikum applaudiert spärlich, an vielen Stellen gar nicht. Nach einer Stunde und 40 Minuten ist der Abend dann auch schon zu Ende. Da ist die rund 20-minütige Pause bereits eingerechnet. Für manch einen Zuhörer ist der zweite Teil noch nicht einmal lang genug, um das in der Pause gekaufte Bier zu leeren. Würden einige Gags nicht bis zur Schmerzgrenze in die Länge gezogen, es bräuchte gar keine zwei Teile.

Der Postillon, so bleibt festzuhalten, ist ein Format, das in kurzen Sequenzen in Radio und Internet vorzüglich funktioniert. Beim Versuch, ein abendfüllendes Programm auf die Bühne zu bringen, stoßen die Satiriker an ihre Grenzen.

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