Als "Walküre"-Dirigent Domingos Festspiele-Comeback

BAYREUTH. Er verabschiedete sich als Siegmund in der „Walküre“ von Bayreuth. Jetzt kehrt er zurück, nach Bayreuth wie zur „Walküre“: Sängerstar Placido Domingo dirigiert den zweiten Teil von Wagners „Ring“ als der wohl vielseitigste Weltstar.

Ein Weltstar des Gesangs ist er, sein Bild, seine Stimme kennen Millionen. Einen Bayreuther allerdings gibt es, der Placido Domingo ganz anders kennengelernt hat. Man kann auch sagen: aus Versehen kennengelernt hat. Und damit recht gut und viel besser als viele noch so glühende Opernfans.

Der Bayreuther heißt Adil Zaher; am Grünen Hügel versah er seinen Dienst als Sicherheitsmann und wachte mit Argusaugen darüber, das nur Leute mit Ausweis ins Festspielhaus gelangten. Einen Ausweis, den ein kräftiger Mann mit dunklen Locken nicht vorzeigen konnte. Also sprach Zaher: „Ich kann Sie nicht hereinlassen.“

Der Mann wiederholte seinen Namen, sagte, „Sie kennen mich doch!?“ Zaher zuckte mit den Schultern, registrierte dann allerdings, dass immer wieder Passanten den dunkelgelockten Mann um Autogramme baten. Was ihn verunsicherte. Zaher griff zum Telefon und wählte Wolfgang Wagners Nummer. Und der Patriarch sagte: „Wer? Plácido Domingo? Adil, lass ihn bloß rein!“

Gentleman mit ausdrucksstarker Stimme

Die Geschichte mit dem ausgesperrten Tenor ging damals durch die ganze Bundesrepublik. Plácido Domingo war natürlich schon weltberühmt gewesen, bevor er am Grünen Hügel gesungen hatte. Aber an jenem Tag in Bayreuth konnte der eine, der ihn noch nicht kannte, eine Seite an Placido Domingo kennenlernen, von der die vielen anderen, die ihn zu kennen meinten, allenfalls gehört hatten: die des ziemlich freundlichen und ziemlich bodenständigen Künstlers, der auch dann noch nett bleibt, wenn ihn eine Zumutung unvorbereitet trifft.

Als er das Festspielhaus verließ, ging er noch mal zu Adil Zaher. Und der konnte berichten: „Wir haben uns danach noch lange unterhalten.“ Über dies und jenes, auch über Zahers Heimat Irak. „Er legte die Hand aufs Herz und schüttelte langsam den Kopf.“ Es war Domingos Art, sein Mitgefühl auszudrücken, angesichts der Gewalt am Euphrat.

Jetzt ist er wieder da, der Weltbürger, für drei Aufführungen der „Walküre“, die er dirigieren wird. Aber auch er nennt es ein „eigenartiges Zusammentreffen“ dass er Bayreuth mit der „Walküre“ als Sänger verlassen habe und jetzt als Dirigent mit eben dieser Oper zurückkehre.

Ein Phänomen

Plácido Domingo ist ein Phänomen. Was seine stimmliche Klasse betrifft ebenso wie in puncto Ausdauer und Vielseitigkeit. Zuletzt hat er an der Seite von Anna Netrebko die Titelrolle im „Macbeth“ gesungen. Eine schwierige Rolle, für die er vergangenen Monat in Berlin gefeiert wurde. „Bewegend“, hieß es in der Kritik von „Zeit online“, „erstaunlich, wie kräftig und ausdrucksstark die Stimme ist“.

Der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ sagte er vor einigen Jahren: „Ich werde keinen Tag länger singen als ich sollte. Allerdings auch keinen weniger als ich kann.“ Er bete vor jedem Auftritt „zur heiligen Cäcilia, der Schutzpatronin der Musik, und zu Sankt Blasius, dem Schutzheiligen des Halses“. Domingo ist auch schon für nächstes Jahr gebucht, für die Titelrolle in Verdis „Simon Boccanegra“ an der Wiener Staatsoper. Eine Marathonkarriere, die um so erstaunlicher ist, da Domingo sozusagen im Sprint in seine Laufbahn startete.

Plácido Domingo, geboren 1941 in Madrid, legte einen Blitzstart in eine Weltkarriere hin, wie es sie im Klassikbereich selten gibt: Kindheit und Jugend verbrachte er mit seiner Familie in Mexiko, von 1962 bis 1965 sang er an der Oper in Tel Aviv, dann in New York, dann startete er in Europa durch. 1968 debütierte er an der Metropolitan Opera in New York.

1992, ’93 und ’95 sang er die Titelpartie in Wolfgang Wagners „Parsifal“-Inszenierung. 2000 kehrte er nochmals auf die Bühne im Festspielhaus zurück, Jürgen Flimm inszenierte den „Ring“. Und Plácido Domingo sang in der „Walküre“ den Siegmund.

Der „Walküre“ bleibt er verbunden: Am Dienstagabend wird er das Festspielorchester leiten, in der ersten von drei Aufführungen des zweiten Teils der Tetralogie, in der Inszenierung von Frank Castorf, die mit Ende der vergangenen Saison eigentlich abgespielt war. Domingo kommt als ein sehr erfahrener Dirigent, wie man hinzufügen kann: Über 500 Opernaufführungen dirigierte er bereits.

149 Rollen gesungen

Große Opernsänger haben oft ein relativ kleines Repertoire, mit dem sie überall in der Welt auftreten. Anders Domingo. Nach einer Zählung der Staatsoper Berlin hat er 149 Rollen gesungen. Darunter auch Uraufführungen, die sich Stars normalerweise nicht zumuten. Bedenkt man, dass das Kernrepertoire auch der bedeutenden Opernhäuser aus nur 50 bis 80 Werken besteht, gelegentlich ergänzt durch Raritäten, dann ist die Zahl nahe der Marke 150 geradezu sensationell.

"Der König der Oper", wie er gerne bezeichnet wird, ist ein sehr neugieriger Künstler geblieben. Im Zentrum stehen die italienische und die französische Oper mit Verdi, Puccini und Bizet. Eine Überraschung für viele Kritiker ist sein Interesse für Wagner. Domingo sang nicht nur den Siegmund und den Parsifal, sondern auch den Lohengrin. Für Schallplattenaufnahmen übernahm er auch Siegfried und Tristan. Zu seinen neuen Baritonrollen zählt, wie gesagt, Simon Boccanegra, der in Machtkämpfe verwickelte Doge in Verdis gleichnamiger Oper, den Domingo bereits in New York, Barcelona und Berlin verkörpert hat.

Keine Scheu vor populärer Musik 

Domingo hat keine Scheu vor populärer Musik jenseits der reinen Klassik. Mit seinen Kollegen José Carreras und Luciano Pavarotti trat er in großen Stadien auf. „Die drei Tenöre“ begeisterten ihr Publikum. Hier „konnte sich die Oper wieder neu erfinden“, so seine Überzeugung. Vor wenigen Wochen überraschte er seine Fans mit einem Song auf der Weihnachts-CD von Helene Fischer.

Domingo war Intendant der Oper in Washington, er leitet die Oper in Los Angeles. 1993 gründete er „Operalia“, einen alljährlichen Wettbewerb für junge Sänger. Nachwuchsförderung ist ihm sehr wichtig. Für alle diese Verdienste ist er mit Ehrungen und Preisen geradezu überhäuft worden.

Duett mit Blaffido Flamingo

Sinn für Selbstironie zeigte er mit einem Gastauftritt in der „Sesamstraße“: Zusammen mit einer Puppe mit dem Namen Blaffido Flamingo sang er ein Duett. In einer Kindersendung mitzuwirken, ist für ihn selbstverständlich, er hat selbst drei Söhne.

Der Sänger nutzt sein Prestige immer wieder für Wohltätigkeitsaktionen. Nach einem Erdbeben in Mexiko gründete er ein Dorf für Kinder, die ihre Eltern verloren hatten. Die enormen Einnahmen aus seinen Benefizkonzerten steckt er vor allem in Projekte für Kinder und Behinderte. Placido Domingo ist nicht einfach nur eines jener „Ereignisse“, nach denen das Musik-Business so giert. Er ist eine Legende mit Herz.

Ein Mann, den Adil Zaher nach seinen ganz eigenen Erfahrungen mit diesem so würdigt: „Plácido Domingo ist ein Gentleman, ein sehr netter Mensch.“ Vielleicht kommt er ja noch öfter zurück.

„Eines Tages vielleicht, wer weiß wann, wer weiß wo, würde ich gern den ,Parsifal’ dirigieren“, sagte Domingo der "Berliner Zeitung". „Und den ,Fliegenden Holländer’ und den ,Lohengrin’.“ Diese seine Wünsche in Bayreuth erfüllt zu sehen – dagegen hätte er sicher nichts: „Bayreuth ist ein Tempel, es gibt kein zweites Haus, das diesem vergleichbar wäre.“

Das findet der Mann, der in der ganzen Welt zu Hause ist. Einer, der nach einer Karriere von über 50 Jahren Dauer schon längst abgebrüht sein könnte.

„Wer käme nicht gern nach Bayreuth? Für mich ist es wunderbar, ein großes Glück“, sagt er, der 77-Jährige, der das Gefühl für besondere Momente auch nach über einem halben Jahrhundert auf der Bühne nicht verloren hat.

 

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