200.000 Euro verschwunden Im Zentrum des Zweifels

Foto: Andreas Harbach

BAYREUTH. Eine Ziegenhaarbürste mit Birnbaumstiel fürs Zentrum Bayreuth? Dort hat wohl Geschäftsführerin Jana S. (48) fast 200.000 Euro aus der Kasse verschwinden lassen. Und keiner hat es gemerkt. Weil es eine fiese kriminelle Tour war, sagen die Verantwortlichen im Zentrum. Weil ihr nicht richtig geprüft habt, sagen die Kritiker.

Harald Thyroff hatte das Ermitteln eigentlich aufgegeben. Der Polizist im Ruhestand war als neuer Schatzmeister des Zentrums angetreten und – ermittelte erst einmal. Fast 6000 Belege, Rechnungen, Überweisungen, Blatt für Blatt, abgeheftet in 36 Ordner. „Es war eine Fülle von einzelnen Positionen“, sagt Thyroff. Die allermeisten Beträge liegen zwischen 50 und 150 Euro. 9,90 Euro Drogerie, 157,60 Euro Jaques Weindepot, 32,98 Euro Karstadt. Und Unmengen an Paypal-Zahlungen.

Jana S. frisierte wohl Rechnungen, türkte eine Bürgschaft, bestellte und kaufte ein – vieles für sich. Auf einer Reparaturrechnung fand Thyroff zwar eine Fahrgestellnummer und ein Kennzeichen, aber nachträglich gefälscht. Und die Beträge von 400 und 1000 Euro waren auf mehrere Rechnungen verteilt. So bezahlte das Zentrum nicht die Reparatur seines eigenen Autos, sondern den Privatwagen der Geschäftsführerin. Auch die Kreditkarte des Zentrums kam immer wieder zum Einsatz. Für diese Beträge „brauchte es keinen Vorstandsbeschluss und sie fallen nicht auf“, sagt Thyroff.

Wille zur Aufklärung

Aus vielen kleinen Betrugsfällen wurde ein großer. Der Prozess gegen Jana S. beginnt noch im Februar. Sie habe anfänglich geholfen, die Daten zusammenzutragen, sagt Thyroff, der jeden einzelnen Beleg von drei Jahren durchging, selbst den für einen Lippenstift. Ob sie privat oder dienstlich waren, „konnte ich nur in Gesprächen mit den Beschäftigten feststellen“. Der Dampfreiniger? „Wir haben zwar einen, aber nicht dieses Modell.“ Die Videokamera? „Es wurde eine gekauft, aber nicht fürs Haus.“

Das Zentrum demonstriert den Willen zur Aufklärung und zur Transparenz. Das betont auch Klaus Klötzer, Vorstandsvorsitzender des Vereins. Und Stadtrat der CSU. Er gewährt den Reportern uneingeschränkt Einblick in die Akten, beantwortet präzise alle Fragen. Ebenso Stefan Specht, Beisitzer im Verein. Und Stadtrat der CSU. Sie betonen: „Wir machen alles ehrenamtlich.“

Deshalb hätten sie die Vorwürfe im Bayreuther Stadtrat hart getroffen. Dass das Zentrum nicht nur Freunde hat, ist allen klar. Auch dem neuen Geschäftsführer Cedric Hofmann. Kritik von den Grünen im Stadtrat sei man gewohnt. Auch Vorwürfe, dass das Zentrum, salopp gesagt, hohe Förderungen einstreiche, ein paar Räume vermiete und damit Geld wie Heu mache. Klar also, dass dort nicht auffalle, wenn fast 200.000 Euro fehlten.

Auch dass das, was dort ablaufe, längst nichts mehr mit der Satzung zu tun habe, nämlich der „Förderung und Durchführung kultureller Jugendarbeit im Geiste der Toleranz, der Weltoffenheit und der Heimatverbundenheit“. Aber „etwas wie die vergangene Sitzung des Stadtrates habe ich noch nie erlebt“, sagt Schatzmeister Thyroff. Die Motivation könne nur politisch sein. „Es hat wehgetan.“

"Wir wurden angelogen"

Denn sie hatten doch alles gesucht und gefunden. Selbst „Dutzende“ Ladegeräte für Handys. Dass sie sogar bei den Ersatzteilen für Fahrräder betrogen wurden. „Und am Ende kamen noch Rechnungen rein, von denen wir nichts wussten“, sagt der Geschäftsführer.

Doch das wollen die Kritiker nicht hören. Vor allem Stephan Müller und Karsten Schieseck, beides Stadträte der BG. „Wir wurden angelogen“, wiederholt Fraktionssprecher Müller. Obwohl alles bekanntgewesen sei, hätten die Zentrums-Leute seelenruhig die Zuschüsse vom Kulturausschuss absegnen lassen – und erst danach den Stadtrat informiert. „Zum Wohl der Stadt und des Zentrums“, sagt Klötzer, sei dies erst nach dem unterschriebenen Schuldeingeständnis von Jana S. geschehen.

Schieseck lässt das nicht gelten, er will kein laxes Weiter-so. Und er lässt ein Stakkato an Fragen los: „Wie konnte das passieren? Wer hat was falsch gemacht? Warum wurde nicht hingeguckt? Wieso hat das Zentrum eine Kreditkarte? Wer hat das gegengezeichnet? Wieso die hohe Zahl von Ersatzbelegen?“ Bei Ersatzbelegen gibt es keine Rechnungen mehr. Sie müssen gegengezeichnet werden. Auch beim Zentrum galt nach Informationen des Kuriers in den Zeiten von Jana S. das Vieraugenprinzip. Drei Jahre lang verschwand Geld, drei Jahre hat kein Prüfer etwas bemerkt.

Krasses Versagen oder Fehler im System? Oder suchen die Stadträte der BG nur aus politischen Motiven nach einem Schuldigen, um Klötzer und Specht zu beschädigen?

Schieseck und Müller betonen, die Einrichtung nicht aufgeben zu wollen. Sie wollten weitere solcher Fälle verhindern und das Zentrum nicht in Gefahr bringen. Klötzer und Hofmann betonen, eben deshalb so spät den Stadtrat informiert zu haben. „Um noch mehr Schaden abzuwenden, haben wir uns darauf konzentriert, den Betrieb aufrechtzuerhalten.“ Um Schaden vom Zentrum abzuwenden. Die Vorwürfe deswegen, sagt Beisitzer Specht, „muss ich mir politisch gefallen lassen, sachlich stehe ich dahinter“.

Eine Ziegenhaarbürste mit Birnbaumstiel übrigens dient dazu, Tastaturen zu entstauben.


„Der Stadt ist kein Schaden entstanden“

Geld: Das Zentrum erhält von der Stadt jährlich mehr als 200.000 Euro, mit den Zuschüssen vom bayerischen Sozialministerium kommt es auf mehr als 300.000 Euro. Dazu kommen die Einnahmen von Vermietungen und Veranstaltungen. Noch aber zahlt die Einrichtung den Kredit für die fünf Millionen Euro teure Erweiterung und Sanierung von 2012 ab, sagt Pressesprecherin Hannah-Katharina Martin. Man brauche das Geld, um das Haus zu halten.

 

Vertrag: Einfach kündigen kann die Stadt die Verträge mit dem Zentrum nicht, außer es gibt gewichtige Gründe. Müller (BG) sagt: „Gehälter wurden nicht ausbezahlt, obwohl sie die Stadt überwiesen hatte.“ Das reicht nicht, sagt Uli Pfeiffer, Rechtsreferent der Stadt, da es nur um eine ganz kurze Zeitspanne ging. Also keine Möglichkeit zu kündigen. Das sei zu einfach, sagt Karsten Schieseck (BG). Pfeifer hätte sich nach Bekanntwerden der Vorgänge „Informationen holen sollen“, ob dort die Verträge eingehalten werden und das Geld der Stadt richtig eingesetzt wird. „So langsam aber sicher verstehe ich die Welt nicht mehr. Das städtische Rechnungsprüfungsamt hat die Verwendung der städtischen Gelder akribisch überprüft.“ Ergebnis: „Das Rechnungsprüfungsamt stellt fest, dass die städtischen Gelder ordnungsgemäß verwendet wurden; der Stadt ist kein Schaden entstanden. Es gab keine Beanstandungen.“ 

 

Check: Es prüft nicht nur der ehrenamtliche Schatzmeister, sondern: ein externes Steuerbüro muss die Umsatzsteuer machen, das Kulturamt prüft, ob das Geld richtig verwendet wird. Aber das Zentrum will es besser machen. „Wir besprechen zwei-, dreimal die Woche die Ausgaben. Haben ein neues Steuerbüro“, sagt Klaus Klötzer. Drübergeschaltet seien zwei neu gewählte Revisoren.

 

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