100 Jahre Erster Weltkrieg Weimars dunkler Gegenpol

14.03.2013, Bayreuth, Jean-Paul-Museum, Skulptur, Foto: Andreas Harbach, ha

KOMMENTAR. Houston Stewart Chamberlain und Konsorten machten Bayreuth zu Weimars dunklem Gegenpol. Wo sich einst die Gegner der Republik sammelten, sollte heute geforscht werden. Ein Plädoyer für ein Universitätsinstitut.

Houston Stewart Chamberlain stand der Familie Wagner nahe. Mit Cosima war er eng befreundet, mit der Wagner-Tochter Eva verheiratet. Chamberlain verdiente an Machwerken wie „Die Grundlagen des 19. Jahrhunderts“ viel Geld und konnte sich in der Stadt seines Idols ein großzügiges Anwesen kaufen, in direkter Nachbarschaft zu Haus Wahnfried.

Als viel gelesener Wissenschaftsdilettant wurde er zum berühmtesten Bayreuther seiner Zeit, zum einflussreichen Propagandisten des Ersten Weltkriegs, zu einem Wegbereiter Adolf Hitlers. Heute ist Chamberlain vergessen, ein gleichnamiger Schauspieler, dessen größte Rolle („Dornenvögel“) nun auch schon ein paar Jahrzehnte zurückliegt, ist ungleich bekannter als der Rassekämpfer aus England. Einerseits ist das gut: Man kann ziemlich sicher sein, dass seine verschwurbelten Thesen tot und begraben sind. Andererseits ist es gefährlich: Wer weiß, ob dieses Gedankengut, dieses elitäre, antidemokratische Gedankengut nicht schon wieder Auferstehung feiert? Diese irre Lust, Volk und Gemeinschaft über Ausgrenzung zu definieren?

Hier gilt's der Kunst? Von wegen!

In Bayreuth galt’s nie allein der Kunst, daran ändern auch die plakativen Aufführungen der „Meistersingern“ nach zwei verlorenen Weltkriegen nichts. In Bayreuth wurde aus Kunst Weltanschauung. Am Bayreuther Wesen sollte Deutschland genesen, als völkische Gemeinschaft ohne die störenden Debatten einer parlamentarischen Debatte. Bayreuth war in seiner Dumpfheit und in seiner Sammelfunktion für Rassenideologen und militante Rechte der dunkle Gegenpol zu Weimar und der Republik. Auf seine Art war es so prägend wie Weimar. Wenn man ab Richard Wagner rechnet, war es sogar noch wichtiger.

Nun, hundert Jahre nach dem Ende des Ersten Weltkriegs, ist es Zeit, erneut einen Vorschlag zu äußern. Wie wäre es, Bayreuth zum Standort eines Uni-Instituts zu machen? Mit der Mentalitätsgeschichte des Kaiserreichs und der Weimarer Republik als Schwerpunkt? Unterbringen könnte man es in Chamberlains Wohnhaus, dort, wo noch das Jean-Paul-Museum seinen historisch unpassenden Sitz hat. Dann wäre dieses Institut so nah an Wagner und seinem Domizil, wie es sich für seinen Forschungsgegenstand empfiehlt.

michael.weiser@nordbayerischer-kurier.de

 

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