Festspiel-Veteranin Annette Dasch: Durst nach der Rolle

Die „Lohengrin“-Inszenierung von Hans Neuenfels erlebt gerade ihren letzten Sommer, Frau Dasch, und Sie waren von Anfang an dabei. Fünf Jahre in derselben Produktion: Wie halten Sie Elsa frisch?
Annette Dasch: Das brauche ich nicht, sie langweilt mich nicht. Im Gegenteil dürste ich schon das Jahr über nach ihr. Normalerweise ist es als Sänger ja so: Man kommt zu einer Produktion, probt, singt sechs Vorstellungen und macht es dann nie wieder. Hier in Bayreuth kann ich zurückzukommen, zu einer Arbeit und zu einer Besetzung, die ich kenne. Ich empfinde das als großen Luxus und habe keine Frischhalteprobleme.

Beim Publikum ist die Inszenierung unter anderem wegen ihrer intensiven Personenregie beliebt. Wie haben Sie diese spezielle Elsa damals auf die Bühne gebracht?
Dasch: Die Bühnenbilder und Kostüme sind in dieser Produktion sehr stark, sie machen von sich aus viel. Ich bin anfangs einfach in meinem Mantel voller Pfeile in das Labor hineingegangen und habe geschaut, was passiert. Es entstehen ja dann energetische Bezüge im Raum, abhängig davon, wo die Kollegen stehen und wo der Chor platziert ist. Da musste ich gar nichts spielen, sondern das wahrnehmen und auf mich wirken lassen.

Ok, seltsam, aber ich mach das jetzt

Wie hat Neuenfels diesen Prozess gesteuert?
Dasch: Neuenfels ist ein Regisseur, der solche Bezüge stark wahrnimmt und ein Gespür dafür hat. Und dann zum Beispiel sagt: Eigentlich dachte ich, du musst an dieser Stelle auf dem Sessel sitzen, aber jetzt merke ich, das war ganz falsch, du musst dich auf den Boden legen. Es gibt für dich keinen Platz in diesem Raum, außer, dich hinzulegen. Bei solchen Sätzen dachte ich mir: okay, strange. Aber jetzt mach ich das einfach mal.

Gibt es Stellen in der Musik, wo Sie bewusst Ihren eigenen Weg gehen wollten?
Dasch: Ja, bei eingespielten Ritardandi zum Beispiel. Bei der Stelle im Brautgemach, wo Elsa singt: „als gält‘ es auch mein Leben, zu wissen, wer Du seist“. Da steht von Wagner keine Tempoangabe dabei. Oft wird an dieser Stelle sehr verlangsamt, um sie hervorzuheben. Daran glaube ich nicht, ich mache die Stelle schnell, im Tempo. Ich denke, der Satz muss: zack! gesagt werden. Das ist mein Instinkt. Anders wäre es bei mir aufgesetzt, das könnte ich nicht verkaufen.

Kein Pappenstil, ein dicker Hund

Als Elsa sind Sie im Dezember 2012 auch an der Mailänder Scala eingesprungen, in der „Lohengrin“-Inszenierung von Claus Guth. Im Fernsehen habe ich gesehen, dass Sie beim Schlussapplaus auf der Bühne geweint haben. Was war los?
Dasch: Das war der Moment, in dem alles von mir abgefallen ist. Weil es so ein Wahnsinn war, was ich da in Mailand gemacht habe. Ich war eingesprungen, weil Sängerin und Ersatzsängerin gleichzeitig krank waren, was sich erst am Abend vor der Premiere herausgestellt hatte. Als sie dann bei mir anriefen, musste ich lange überlegen. Elsa ist ja kein Pappenstiel. Sie ist ein dicker Hund. Ich hatte die Rolle noch nie außerhalb von Bayreuth gesungen und noch nie mit einem anderen Dirigenten als Andris Nelsons.

Und Sie haben zugesagt.
Dasch: Ich fuhr mit meiner Mutter und meiner Tochter, die ein paar Monate alt war und noch gestillt wurde. Während sie das Kostüm auf meinen Körper nähten, stand Claus Guth mit aufgeklapptem Laptop vor mir, um mir das Video von der Hauptprobe zu zeigen. Es war eine sehr komplizierte Inszenierung, voll mit symbolhaften Bildern. Man durfte nichts falsch machen. Mein Hirn hat das alles aufgenommen, ich war wie in einem Tunnel. Ich habe nicht darüber nachgedacht, ob ich scheitern könnte. Dann stand ich nach der Vorstellung auf der Bühne, die Italiener fingen an, ihre Nationalhymne zu singen und plötzlich brach alles aus mir raus. Ich war mit meinen Nerven am Ende.

Sind Sie ein emotionaler Mensch?
Dasch: Ja.

Wo äußert sich das noch?
Dasch: Die Frage ist eher: Wo äußert sich das nicht? Mein Rüstzeug, das Leben zu meistern, ist die emotionale Seite. Jeder Versuch, das anders zu machen, Dinge über die Ratio zu entscheiden, ist gescheitert. Insofern habe ich mich damit abgefunden.

Routine erleichtert das Leben

Ihre Tochter ist heute drei Jahre alt, seit letztem Jahr haben Sie außerdem noch einen Sohn. Singt sich Ihr Körper anders, seit Sie Kinder haben?
Dasch: Ein bisschen. Ich fühle mich mehr zu Hause in meinem Körper, weil ich ihn durch die Geburten besser kenne. Es ist ein anderes Verfügen über tiefere Regionen. Natürlich hatte ich auch vorher einen Beckenboden, aber jetzt weiß ich wirklich, was das ist.

Der Körper ist beim Singen ganz gefordert, Ihr Beruf gleicht einem Hochleistungssport. Wie schaffen Sie das, wenn Sie nachts wegen der Kinder wenig Schlaf bekommen?
Dasch: Es funktioniert, aber wie, weiß ich auch nicht. Wahrscheinlich hievt mich das Glück über die zwei Putzelschweine über meine Müdigkeit hinweg. Wenn ich meinen Sohn stille und auf der Uhr sehe, es ist fünf Uhr dreißig, dann denke ich: Nein! Aber wenn sich dann der Kleine aufrichtet wie so ein Murmeltierchen und mich anstrahlt, geht trotzdem die Sonne auf. Mit den Kindern hat die Sehnsucht nach gewissen Regelmäßigkeiten bei mir zugenommen. Wenn es eine eingetaktete Routine gibt, erleichtert das uns Eltern das Leben enorm.

Das ist so ziemlich das Gegenteil von dem, wie Ihr Alltag aussieht: Ihr Mann ist Sängerkollege, Sie sind beruflich in der ganzen Welt unterwegs. Wie schaffen Sie eine familiäre Routine an diesen fremden Orten?
Dasch: Da sind wir noch Neulinge, wir üben das. In New York und Zürich waren wir gerade für länger zu viert. Wir finden uns mit Kollegen zusammen, die auch Kinder haben und müssen gut darin sein, jeden Tag eine Logistik zu gestalten. Und darin, die kindertauglichen Sachen rauszufinden: Restaurants mit Spielecke, Museen mit Kinderangebot. Die Zoos sind immer hoch im Kurs, überall auf der Welt. Mein Gott, was sind wir im Schneeregen durch den Züricher Zoo gestapft im letzten Februar.

Die Familie hilft

Zwei Kinder, zwei Karrieren: Welche Menschen helfen Ihnen?
Dasch: Meine Mutter kommt, wenn sie kann. Sie ist verwitwet und nicht berufstätig, aber sie hat auch noch sechs Enkelkinder in Berlin. Die Schwiegereltern arbeiten beide noch, können uns aber zum Beispiel jetzt für drei Wochen nach Antwerpen begleiten, wo mein Mann und ich gemeinsam im „Tannhäuser“ singen.

Ist es immer einfach, auf diese Hilfe angewiesen zu sein? Gibt es keine Konflikte?
Dasch: Überhaupt nicht. Natürlich machen meine Schwiegereltern mit den Kindern ihr Ding, so wie sie es kennen. Aber mein Mann hat eine so gute Kindheit gehabt, er hat unendlich viel Liebe und Fürsorge zuhause erfahren. Deshalb stehe ich hinter allem, was diese Frau und dieser Mann mit meinen Kindern machen. Sie können ja auch viele Sachen, die ich nicht kann. Sie sind so ruhig. Meine Schwiegermutter schafft es, dass meine Tochter sitzt und eine Kette fädelt. Das kann ich gar nicht, ich kann immer nur Action.

Manchmal kann ich schlecht abschalten

Sind Sie familiär gut unterstützt?
Dasch: Ja, das ist ein Riesenglück. Aber es kam trotzdem schon vor, dass ich zweieinhalb Wochen mit den Kindern alleine war, jeden zweiten Tag Vorstellung hatte und nur für diese Abende ein Babysitter kam. Das war richtig hart. Der ganze Vormittag drehte sich nur darum, dass ich es auf jeden Fall schaffen muss, dass wir alle drei gleichzeitig Mittagsschlaf machen. Wenn der Kleine schon vorher im Kinderwagen einschlief, war es ein Fiasko. In dieser Zeit fühlte ich mich abends, wenn ich mich in die Straßenbahn setzte auf dem Weg zur Vorstellung, richtig in Feierabendstimmung. Müde, aber topmotiviert. Da hatte ich keinerlei Widerstände, mich einzusingen.

Schleppen Sie das, was Sie beruflich beschäftigt, oft mit in die Familie? Oder umgekehrt?
Dasch: Ja, leider. Das sind diese Tage, wenn ich die Kinder aus der Kita hole und weiß, ich habe nachher noch Probe. Dann stelle ich mir vor, dass wir die zwei gemeinsamen Stunden jetzt genießen werden. Etwas spielen, vielleicht ein Eis essen gehen. Wenn das aber nicht funktioniert, weil die Kinder knatschig sind oder sich die Schuhe nicht anziehen wollen und es zeitlich schwierig wird, bin ich schnell gereizt. Und wenn ich mich deshalb mit meiner Tochter streite und weg muss zur Probe, dann merke ich dort: es grummelt in meinem Bauch, es geht mir nicht gut. Das kann ich manchmal schlecht abschalten. Weil ich halt doch unter Druck bin.

Also kein bisschen anders als bei anderen Müttern, die arbeiten.
Dasch: Nein. Wahrscheinlich ist es auch Typsache, und ich muss lernen, das mit der Gelassenheit besser drauf zu haben. Zu sagen: ach Gott ja, in letzter Sekunde noch mein Kleid bekleckert, egal. Aber die Kinder spüren, wie es mir geht. Und sind gerade dann schwierig, wenn ich selber auch schwierig bin.

Sie waren früher Pfadfinderin und gehen gerne wandern. Schaffen Sie das heute noch?
Dasch: Nur noch selten mal für ein Wochenende, weil ich seit zehn Jahren jeden Sommer bei einem Festival singe. Nächstes Jahr allerdings habe ich frei und schon eine Wanderung mit meinen besten Freundinnen geplant, mit denen ich seit der Pfadfinderzeit zusammen unterwegs bin. Die Gegend hier bin ich als Kind mit meinem Vater übrigens auch abgewandert. Meine Familie hat seit den 1980er Jahren ein Ferienhaus in der Nähe von Coburg. Wenn mein Mann und ich im Festspielhaus drei Tage frei haben, fahren wir dorthin.

Was war hier in Franken Ihr Lieblingsziel?
Dasch: Eine Farm in Tettau, wo sie damals schon schottische Hochlandrinder gezüchtet haben und Whisky in Fässern herstellten. Das fanden wir als Kinder ganz kurios. Zu diesem Hof fahren wir heute noch immer mal wieder. Dann erinnere ich mich daran, wie mein Vater dort saß und den Whisky gekostet hat. Köstlich.

Zur Person: Annette Dasch studierte Gesang in München und Graz. Nachdem sie im Jahr 2000 gleich drei große Gesangswettbewerbe gewonnen hatte, begann ihre internationale Karriere. Heute gastiert die Sopranistin auf Opernbühnen der ganzen Welt, zu ihren wichtigsten Partien gehören Donna Elvira, Contessa, Armida, Antonia, Elsa und Eva. Bei den Bayreuther Festspielen stand die Berlinerin 2010 zum ersten Mal auf der Bühne.

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Montag, 13. November 2017 - 11:06