"Wir müssen das alles völlig neu denken"

Herr Berg, wie lange sind Sie täglich online?

 

Achim Berg: Eigentlich bin ich nie wirklich offline. Das Internet ist mein täglicher Begleiter, egal zu welcher Zeit und an welchem Ort.

 

 

Das macht nicht nur Freude, oder?

Berg: Für mich ist das ein enormer Gewinn an Freiheit und Selbstbestimmung. Ich kenne ja auch die Zeiten vor der Einführung des World Wide Web, der Browser und der Smartphones.

 

Keine Probleme mit der neuen Technik?

Berg: Ich bin Informatiker und so fiel mir manches wohl leichter. Aber was war das alles aus heutiger Perspektive doch mühselig. Für die Einrichtung eines Neun-Nadel-Druckers habe ich eine Woche jeden Tag und so manche Nacht durchgearbeitet. Heute brauche ich überhaupt keinen Drucker mehr, und wenn doch: Wlan an und los geht’s.

 

Schöne neue Online-Welt?

Berg:  Wenn ich in einer fremden Stadt bin, kann ich mich sofort per Smartphone orientieren. Ich kann mobil Zug- und Flugtickets buchen, online shoppen und Überweisungen machen. Und bevor ich heimkomme, dreht eine App automatisch die Heizung auf. Zu jeder Zeit und an jedem Ort online sein zu können, ist ein großer Gewinn an Lebensqualität. Und auch für die Entwicklung von Wirtschaft, Gesundheitswesen, Schulen und Verwaltung birgt die Digitalisierung enorme Chancen. Ich habe den Eindruck, dass das viel zu wenig wertgeschätzt wird.

 

Die Digitalisierung revolutioniert unser Leben. Was haben wir noch alles zu erwarten?

Berg: Digitalisierung führt zu einem rasanten und tiefgreifenden Wandel aller Lebensbereiche. Wir können heute noch viel weniger als früher vorhersagen, was in zehn, 20 oder 30 Jahren sein wird. Aber ich bin sicher, dass wir dann in einer Welt leben werden, die uns im Alltag noch mehr Lebensqualität bietet, ohne nervige Behördengänge, überflüssige Arztbesuche und tödliche Verkehrsunfälle.

 

Mehr Lebensqualität?

Berg: Wir werden dann mehr Zeit haben für die Dinge, die uns wirklich wichtig sind – die eigene Familie, soziales Engagement, kreative Entfaltung. Und intelligente Maschinen übernehmen die Tätigkeiten, die einfach lästig sind, wie Staubsaugen und Steuererklärungen.

 

Sie rechnen mit einem dramatischen Rückgang bisheriger Berufe durch Digitalisierung und Automatisierung. Welche Berufe meinen Sie?

Berg: Auch in der Vergangenheit sind viele Berufe verschwunden und neue entstanden. Und da meine ich nicht nur Bergleute oder Kalligraphen, ich meine zum Beispiel auch Schriftsetzer. 3000 Schriftsetzer gab es einmal in Deutschland. Die sind fast alle weg. Dafür gibt es jetzt aber mehr als 10.000 Leute, die Desktop-Publishing machen.

 

Welche Berufe verschwinden künftig?

Berg:  Viele tradierte Berufe, vom Automobilkaufmann bis zum Zahntechniker, werden in den nächsten Jahren marginalisiert oder ganz verschwinden. Wir sollten nicht so tun, als gäbe es lebenslange Bestandsgarantien. Stattdessen müssen wir Orientierungshilfe geben. Heute werden junge Menschen für Berufe ausgebildet, von denen wir jetzt schon wissen, dass es sie in zehn Jahren nicht mehr gibt. Das ist verantwortungslos.

 

Die Hälfte aller heutigen Aufgaben wird in den nächsten 20 Jahren von Maschinen und Computern erledigt?

Berg: Die Zahlen variieren, je nachdem, welche Studie man heranzieht. Was den Trend angeht, sind sich aber alle einig: Was digitalisiert werden kann, wird digitalisiert.

 

Konkrete Beispiele?

Berg: Eine künstliche Intelligenz kann nicht nur Steuerberater sondern ebenso Ärzte unterstützen und in vielen Fällen auch ersetzen. Derzeit werden jeden Tag 6000 medizinische Fachartikel veröffentlicht. Kein Arzt der Welt kann das verarbeiten.

 

Der Computer schon.

Berg: Für einen Computer ist das eine Leichtigkeit. So können Computer heute schon Genome analysieren, mit Datenbanken abgleichen und sehr individuelle Krebsdiagnosen und ‑therapien entwickeln. Kein Arzt und auch kein Ärzteteam wären dazu in der Lage. Damit werden Kapazitäten frei, die für die sehr persönliche Betreuung der Patienten eingesetzt werden können. Es geht nicht darum, Horrorszenarien an die Wand zu malen, sondern sich mit diesen signifikanten Veränderungen aktiv auseinanderzusetzen.

 

Was passiert mit den Menschen? Es wird viele neue Jobs geben?

Berg: Vom Feel-Good-Manager bis zum Scrum-Master ist da alles dabei. Im Kern geht es dabei immer um Digitalität.

 

Viele neue Jobs?

Berg:  Der Bedarf an Elektrikern zum Beispiel dürfte sich in den nächsten Jahren verdoppeln. Für den Elektriker geht es künftig nicht mehr nur um Strom und Licht, es geht um das intelligente Zuhause. Er muss für die technische Gebäudesicherheit garantieren, das Smart Home ans Internet bringen und dafür sorgen, dass ältere Menschen möglichst lange und sicher in ihrem eigenen Zuhause leben können. Das kann man nur, wenn man sich weiterbildet und fit macht für Digitales. Wer das tut, muss sich keine Sorgen machen. Man rollt ihm den roten Teppich aus.

 

Der Job-Saldo der Digitalisierung ist positiv oder negativ?

Berg: Was haben wir in Deutschland denn zu bieten? Rohstoffe? Nicht wirklich. 300 Tage Sonnenschein für einen boomenden Tourismus? Auch nicht. Wir haben einen funktionierenden Rechtsrahmen und – vor allem –  großartige, wissbegierige und leistungsbereite Menschen. Genau deshalb bin ich zuversichtlich.

 

Deutschland als Gewinner der Digitalisierung?

Berg:  Deutschland ging bislang aus jeder technologischen Entwicklung als Gewinner hervor, und das wird auch diesmal so sein. Deutsche Informatiker gehören zu den besten der Welt. Wir sind führend im Bereich der Künstlichen Intelligenz. Im 3D-Druck, einer revolutionären Technologie, sind wir international absolute Spitze. Und auch Plattformen können wir, wie etwa Flixbus zeigt. Überall dort wird es neue Jobs geben. Unterm Strich kann der Saldo positiv sein, wenn wir diese Möglichkeiten aktiv nutzen. Allerdings dürfen wir nicht den Fehler machen, nur auf die Zahlen zu schauen. Genauso wichtig sind einzelne Schicksale. Unser Ziel muss sein, alle in die digitale Welt mitzunehmen. Es muss gelten: Digital für alle!

 

Brauchen wir neu angepasste Sozialsysteme?

Berg: Unsere Sozialsysteme sind genauso wie das Bildungs- und das Rechtssystem in einer analogen Welt entstanden und noch immer darin verankert. Wir müssen das alles völlig neu denken. Wie wir unsere Altersvorsorge derzeit organisieren, ist nicht mehr zeitgemäß in einer Arbeitswelt, in der sich etwa selbstständige und abhängige Beschäftigung zunehmend abwechseln oder parallel verlaufen. Wenn sich Wirtschaft und Gesellschaft ziemlich radikal verändern, müssen sich auch die Sozialsysteme ändern.

 

Ein bedingungsloses Grundeinkommen für die Verlierer der Digitalisierung? Wie hoch soll das sein, wer soll es bezahlen?

Berg: Die Finanzierung wäre nicht einmal das Problem. Wir werden in Deutschland demnächst die unfassbare Summe von 1 Billion Euro für Soziales ausgeben. Umgerechnet ergibt das gut 1200 Euro pro Monat für jeden, vom Neugeborenen bis zum Greis. Einen Großteil verschlingt derzeit der monsterhafte Apparat, den wir aufgebaut haben, um diesen Verteilmechanismus zu organisieren. Das müssen wir auf den Prüfstand stellen.

 

Ist Deutschland für die Digitalisierung gut gerüstet? Wo stehen wir im Vergleich zum Rest der Welt?

Berg: Deutschland ist insgesamt auf einem guten Weg. Aber wir dürfen uns auf dem Erreichten nicht ausruhen. An Ländern wie den USA, Estland und Schweden können wir uns in vielen Punkten ein Beispiel nehmen. Und wir dürfen uns in Zukunft nicht nur auf den Umbau der Wirtschaft und die Digitalisierung des Staates fokussieren, sondern brauchen zusätzlich auch eine aktive digitale Gesellschaftspolitik. Wir dürfen keine digitale Spaltung hinnehmen, sondern müssen noch viel besser deutlich machen, wo die Chancen liegen – und wie man sie ergreift.

 

Achim Berg und Bitkom

Der Branchenverband Bitkom mit Sitz in Berlin vertritt nach eigenen Angaben mehr als 2500 Unternehmen der digitalen Wirtschaft, darunter tausend Mittelständler, 400 Start-ups und fast alle Global Player. Achim Berg ist seit Juni 2017 Präsident des Digitalverbands. Der 53 Jahre alte Informatiker arbeitete in Führungspositionen bei Dell, Fujitsu Siemens, Deutsche Telekom, Microsoft, Bertelsmann und weiteren Unternehmen. töp

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Montag, 13. November 2017 - 11:06