Winner-Ausstellung: Mehr als schöne Bilder

Es gibt Begebenheiten aus Gerd Winners Leben, die für den Betrachter bedeutsam sein könnten. Weil sie mehr sind als eine simple Gebrauchsanweisung. Es ist vielmehr so: Wenn man’s weiß, dann kommt man gar nicht erst in die Nähe des Missverständnisses, dass da einfach nur schöne Bilder an der Wand hängen.

Mehr als Wände schmücken

Tatsächlich sind Winners Bilder auf eine moderne Art „schön“. Aus den Vorlagen präziser Fotografien heraus entwickelt, bewegen sie sich handwerklich auf höchstem Niveau, sie sind gut komponiert, strahlen urbanen Chic aus und sind – siehe seine Werke aus der Reihe Berlin Suite II – schon so bekannt, dass sie zumindest als Erinnerungssplitter im kollektiven Gedächtnis aufblitzen.

Aber Wände schmücken, das will Gerd Winner eigentlich nicht.

Als er die Bilder der Zerstörung sah, war er acht Jahre alt. Er würde Künstler werden, und das Leitmotiv seiner Arbeit würde ein ferner Widerhall jener Nacht im Krieg sein. Aber das wusste er damals natürlich noch nicht. Er erzählte es später so: „Dieses Brennen, der Geruch in der Nase, das sind Urerfahrungen, die den Verlust meiner Vaterstadt in mein Bewusstsein eingeprägt haben. Meine künstlerische Suche in Berlin war darum auch immer Suche nach den Bildern der verlorenen Stadt.“

Die Bilder können atmen

Einige der Ergebnisse jener Suche sind in Bayreuth zu sehen, in der Ausstellungshalle im Neuen Rathaus. Und nicht immer harmonieren das nüchterne Rathaus und die darin ausgestellte Kunst so gut miteinander: Die Halle, weil sie ohne Schnörkel großzügig Platz bietet. Die Bilder können atmen. Die Bilder wiederum passen gut an den Ort, weil sie auch von Bayreuth erzählen. Man sieht auf Aluminium und Leinwand Überlagerungen, und man denkt an Erinnerungen an Zerstörung und Wiederaufbau. Dann blickt man aufs Rathaus. Und denkt an Bayreuths Wunden aus Krieg und autogerechtem Wiederaufbau.

Schon beim Eintritt zieht die Parallele der Wände den Blick auf ein Triptychon aus der Serie der Berlin Suite II: der Reichstag, das noch versperrte Brandenburger Tor – es war das Jahr 1987, als Winner diese Serie von Siebdrucken schuf.

Verschiedene Perspektiven vom selben Standpunkt

Der Braunschweiger Künstler, dessen Vater aus Mittelfranken stammte, wurde groß mit den Großen der Klassischen Moderne. Man sieht eine Paris-Serie in der Ausstellungshalle, der man anmerkt, wie sehr ihn Robert Delaunay beeindruckt haben muss. Bei anderer Gelegenheit ordnen sich die Linien urbaner Architektur neu zu kristallinen Mustern, wie bei Lyonel Feininger. Und: Winner bildet gleich Picasso verschiedene Perspektiven vom selben Standpunkt aus ab. Seine stürzenden Linien, die kühnen Winkel erinnern an die Bildsprache des expressionistischen Films.

In London beschäftigt er sich nicht mit den Nachwirkungen der Swinging Sixties, sondern spürt in den Chiffren der Pfeiler, Treppen und Fensterreihen dem Strukturwandel nach: von der Arbeitswelt der Docks über Ateliers zur Zukunft als hippem Wohnviertel. Die Stadt nicht als Entsprechung einer himmlischen Verheißung, sondern als konkretes Abbild einer Apokalypse – das scheint für ihn New York gewesen zu sein: The Big Apple als irdisches Gegenbild zum himmlischen Jerusalem. Die Vergangenheit, wie sie fachwerkgestützt und nicht gänzlich greifbar in unsere Gegenwart ragt, das ist sein Thema beim Dürerhaus in Nürnberg.

Mehr verdient als nur flüchtige Seitenblicke

Dieser grafisch beeindruckenden, bei nur 40 Drucken erstaunlich vielseitigen Ausstellung gibt die Ausstellungshalle, wie gesagt, einen sehr guten Rahmen. Was wäre dagegen einzuwenden, wenn man die blinde Reihe von Fernstern rechts vom Eingang des Rathauses in eine große, grelle Werbefläche verwandelte? Für eine Art schwarzes Brett für amtliche Verlautbarungen jedenfalls sind diese Fenster zu schade. Auch hätten die Ausstellungen mehr verdient als nur die flüchtigen Seitenblicke von Menschen, die mal eben etwas auf dem Amt zu erledigen haben.

Info: Gerd Winner. Bis zum 30. März im Neuen Rathaus. Geöffnet wochentags zu den üblichen Geschäftszeiten.

Nicht bewertet

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Kommentare

Diesmal war die Vernissage im Neuen Rathaus nicht gleichzeitig mit den "Stadtgesprächen" der Universität im Iwalewahaus. Anscheinend war das aber nur eine Ausnhme.
Wenn solche herausragenden Ausstellungen nicht nur "wochentags zu den üblichen Geschäftszeiten" sondern wenigstens auch an Samstagen zu sehen wären ... (?)
So einen wunderbaren Ausstellungsraum hat kaum eine Stadt dieser Größenordnung. Muss da wirklich am Wochenende geschlossen sein?