Wie man Kinder für Oper begeistert

Sie erleben demnächst Ihr Debüt in Bayreuth. Sind Sie nervös?
Kay Stiefermann: Ich selber nicht. Ich habe ja auch eine sehr überschaubare Rolle.

In der Tat überschaubar: Ganze vier Zeilen singt der Steuermann im dritten Akt.
Stiefermann: Es ist wirklich meine erste Rolle, die nur aus einem Satz besteht. Es ist aber so inszeniert, dass wir den gesamten dritten Akt hindurch auf der Bühne bleiben, und ich genieße es sehr, die hervorragenden Kollegen singen zu hören.

Sie können aber kaum in der Ecke sitzen und Wasserpfeife rauchen. Irgendwas kommt ja schon noch auf Sie zu.
Stiefermann: Stimmt. Es gibt schon ein paar Punkte, an denen wir aktiv werden und was machen. Aber insgesamt ist es schon ein eher stehendes Bild.

"Ein stehendes Bild"

Können Sie uns noch mehr erklären?
Stiefermann: Nein, ich bitte um Verständnis.

Sie sehen, das Interesse ist groß. In Bayreuth versucht jeder, auch nur geringste Anzeichen zu deuten.
Stiefermann: Ja, das ist für mich sehr interessant zu sehen. Die Leute versuchen eigentlich alles, um im Vorfeld schon etwas herauszufinden. Warum sich nicht überraschen lassen wie in anderen Theatern auch, frage ich mich da immer. Im Grunde ist es doch schön, wenn man sich überraschen lassen kann. Natürlich hat man immer Bilder im Kopf, von Stücken, die man schon erlebt hat. Für manche Zuschauer ist es besonders schwer, sich von Vorstellungen frei zu machen, weil die vielleicht schon den zehnten „Tristan“ erleben. Es gibt ja auch viele schlimme Aufführungen. Da leiden die Sänger ebenso wie das Publikum.

Vielleicht sogar mehr.
Stiefermann: Ja. Es gehört zu unserem Beruf, dass man mittragen muss, was Regisseure und Ausstatter machen. Ich persönlich habe es noch nicht erlebt, dass ich das nicht konnte. Aber ich habe es schon erlebt, dass Kollegen sagen, das kann ich nicht machen, und abreisen.

Auf der Behaglichkeitsskala: Wo rangiert Katharina Wagners „Tristan“-Inszenierung für Sie?
Stiefermann: Sehr weit oben.

Sie haben eine kleine Rolle. Aber die sind bei Wagner ja oft so etwas wie ein Abzugshebel: klein, aber entscheidend.
Stiefermann: Ich bin einer von Tristans Männern. Ich muss für ihn einstehen, Tristans Partei ergreifen. Das wird in diesen paar Worten deutlich.

Wundert es Sie, dass sich Tristans Männer so für ihn in die Bresche hauen? Er wirkt eher weich...
Stiefermann: Ich glaube, dass das ein moderner Mann ist, der hin- und hergerissen ist, zwischen der Loyalität, die er Marke gegenüber empfindet, und dieser Liebesgeschichte. Und im dritten Akt geht es mehr um die Sehnsucht, als dass er seine Beziehung zu Marke verarbeitet. Um seine verlorene Liebe, verbunden allerdings mit der Hoffnung, dass sie doch noch mit dem Schiff kommt.

"Da bin ich tot"

Und am Ende sind alle tot. Auch Isolde? So ganz klar ist das mit dem Verlöschen ja nicht...
Stiefermann: Das ist wie beim Holländer. Er singt, ich erlöse dich von deinem Eheversprechen, und sie sagt, ich folge dir. Das ist ja auch nicht ganz klar, was das zu bedeuten hat. Manchmal springt sie ihm nach, ins Meer. Ob Isolde wirklich stirbt, kann man sich als Zuschauer überlegen. In einer romantischen Vorstellung würde Isolde diese wunderbare Musik singen, sich neben Tristan legen und sterben. Wie man das inszenieren will, weiß ich allerdings nicht.

Bleibt Isolde stehen, oder sinkt sie auf Tristan?
Stiefermann: Da bin ich tot, das sehe ich gar nicht.

Apropos Steuermann: Was wäre Ihnen vom dramatischen Geschehen her lieber: „Holländer“-Steuermann oder der im „Tristan“?
Stiefermann: Ungeachtet der Stimmlage, nur von der Größe der Rolle her, und von ihrer Komplexität? Dann der „Holländer“.

Von der Stimmlage her ginge auch Amfortas.
Stiefermann: Den habe ich tatsächlich viel gesungen, ja. Ich habe eigentlich fast nie kleine Wagner-Partien gesungen, sondern den Holländer, den Kurwenal oder eben den Amfortas. An kleinen Partien hatte ich bislang nur die Edlen beim „Lohengrin“ und im „Tristan“ den Melot.

Ab nächstem Jahr gibt es wieder einen „Parsifal“...
Stiefermann: ich habe letzten Sommer erst hier vorgesungen, aber die Rollen für diese Produktion sind schon sehr lange besetzt. Aber man weiß ja selber nicht, wo man ein Jahr später steht, was die Gesundheit macht, ob man sich vielleicht übernommen hat. Wäre schön, wenn man langfristiger planen könnte. Aber nochmals: Die Frage stellt sich vorerst nicht.

Kinder bestimmen die Szene

Was machen Sie nach Bayreuth?
Stiefermann: Danach habe ich einen Monat frei. Dann ist ein Education-Programm im Rio angesagt, mit einer „Holländer“-Inszenierung, die Katharina Wagner für Kinder macht. Ich singe da den Holländer. Das ist mir wichtig. Wir werden bei den Jungen nie mehr diese Zuschauerzahlen haben wie bei der älteren Generation. Vieles beim „Holländer“ ist wie gemacht für Kinder, aber man muss sich gegen die neuen Medien auch behaupten. Gerade mit unterprivilegierten Kindern in Südamerika ist das eine gute Sache, das kann ein tolles Erlebnis für alle werden. Allerdings sind auch die Planungen viel leichter zu erschüttern. Da muss nur ein Intendant zurücktreten, und schon ist alles gefährdet. Ich finde die Idee toll. Dass eine „Holländer“-Inszenierung mit gestandenen Sängern auf die Bühne gebracht wird, aber die Kinder sind diejenigen, die es mitgestalten. Die stehen auch szenisch im Vordergrund. Und wir machen die Musik dazu. Normalerweise bereitet man für Kinder eine Oper auf, gerade so etwas wie den „Parsifal“, der von fünf Stunden auf etwas mehr als eine Stunde komprimiert wird. Das verändert aber auch die Musik. Wenn man die Musik aber im ursprünglichen Zustand belassen kann, dann ist das großartig.

Im „Parsifal“ für Kinder singen Sie nicht den Amfortas, sondern den Klingsor, also so etwas wie den dunklen Bruder des Gralskönigs.
Stiefermann: Ja, manche sagen auch, die beiden stehen zueinander wie Dr. Jekyll und Mr. Hyde. Klingsor kann man mit dem Farbenreichtum eines Liedsängers gestalten, so dass man mit den Farben dieser Partie auch spielt. Das ist natürlich auch Geschmacksache, will man eine eher metallische Stimme, oder eher eine dunkle und weiche. Ich kann meine Stimme nicht so verändern, dass ich mir wehtue. Aber die Bandbreite sollte schon groß sein. Ich war achtzehn Jahre fest in verschiedenen Ensembles. Da hat man natürlich auch die Gelegenheit, viele verschiedene Partien zu singen. Ich habe 13 Jahre lang erstes Fach gesungen, auch Mozart – das gibt Farbenreichtum. Die Mischung ist es, die ich interessant finde. Wenn man Wagner macht, dann macht man heutzutage oft nur noch Wagner. Die Wagner-Spezialisten würden vielleicht gerne auch andere Partien singen, werden aber oft auch gar nicht mehr gefragt.

Nicht bewertet

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Montag, 13. November 2017 - 11:06