"Werther"-Drama: Kurz und gut

Die Liebe ist nur, in wörtlichem Sinn, eine Ein-Bildung. Sie ist, so heißt es am Abend, ein Mythos – aber aus diesem Mythos werden seit Tausenden von Jahren Epen gewoben. Eines dieser Epen heißt „Werther“ und gehört zu den großen Mythologien dessen, was man unter „Liebe“ verstehen kann. Werther: das ist in der „Schaulust“, also im Theatersaal der Universität, Tim Sokollek: der junge Mann, der von ihr, der Angebeteten (Annabelle Thierfelder als Lotte) nicht lassen kann. Die Liebe ist eine Seifenblase; eine der schönsten Szenen dieses konzentrierten Werther-Konzentrats ist ein Seifenblasenduett zwischen dem Mann und der Frau, die von den innersten Gedanken des Menschen, der neben ihr sitzt, nichts hört.

In der Krise erkennt man sich wieder

Die Regisseurin Mareike Kuch hat den genau ausgewählten Fragmenten des alten Textes neue Reflexionen über das Phänomen Liebe entgegengestellt; als Sprachrohr dieser bewusst einseitigen Rollenprosa dient ihr die Figur des gelb gewandeten „Mitbewohners“ (Sven Bagger), der wie ein pessimistischer Kommentar zum enthusiastisch-delirierenden Amoroso wirkt. „Liebe ist irgendetwas zwischen Schnupfen und Krebs“ – derartige Sentenzen sind schillernd wie die „Liebe“ selbst. In der Konfrontation der schwärmerisch-verzweifelten Werther-Welt und der Sphäre eines aufgeklärten Zeitgenossen entfaltet das Drama seine Kraft, die nicht von gestern ist. Kaum einer im Saal, der vermutlich nicht bei dieser oder jener Sentenz an sich selbst und seine eigenen Beziehungskrisen gedacht hätte.

Schönes Wasserpistolenduell

Dass das dialektische Spiel funktioniert, liegt an den Texten, an den fast symbolischen Szenen (schön auch das Wasserpistolenduell zwischen Werther und Lotte), doch zuallererst am Hauptdarsteller. Tim Sokollek spielt – und wie er spielt – eine Persönlichkeit, die sich im zeitlichen Ablauf die größte Heiterkeit, den Frust, angesichts eines per Video zugeschalteten Synapsengewitters die Wut über den störenden Dritten und die Sehnsucht nach Berührungen, schließlich die stille Melancholie vor dem letzten Augenblick erobert. Der zwischen den blutroten Fäden der Ariadne umhertaumelnde Kavalier im Irrgarten der Liebe überzeugt vom ersten naiven Freudenton bis zum abgeklärten Wort des Abschiedsmonologs. Die Liebe ist eine Seifenblase. Wenn sich Sokollek im ernsten wie nüchternen Werther-Ton ganz unpathetisch aus dem Raum der Liebe verabschiedet und die Blasen geplatzt sind, lacht niemand mehr im Saal.

INFO: Der "Werther" ist abgespielt. Die nächste Produktion der "Schaulust" - „Szenen einer Ehe oder Eher eine Szene aus Szenen keiner Ehe“ - feiert am 15. Dezember Premiere (20 Uhr), weitere Aufführungen folgen am 16. Dezember (20 Uhr) und am 17. Dezember um 19 Uhr. Spielort ist der Theaterraum der Uni Bayreuth,

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