Wenn das Herz versagt: Retter am Telefon

Heike W. erinnert sich mit Schaudern an jenen Vormittag des 2. März 2017. „An diesem Tag war alles anders.“ Rückenschmerzen plagten ihren Mann schon länger,  damals aber waren sie besonders schlimm.  Peter W. atmete schwer. „Soll ich den Arzt rufen“, fragte sie? Er lehnte ab - und sackte in der Küche zusammen. Da hatte seine Frau schon den Hörer in der Hand und wählte die 112.

"Ich bleibe bei Ihnen"

Diensthabender Disponent in der Integrierten Leitstelle war an diesem Tag Thomas Kurrent.  Er ist auf solche Notrufe vorbereitet, hat eine Vorlage für telefonische Anleitungen zur Wiederbelebung. „Der Notarzt ist mit Blaulicht unterwegs“, sagte er Heike W. „Ich bleibe bei Ihnen und begleite Sie.“

Hundert Mal pro Minute

Heike W. war geschockt, doch Thomas Kurrent wies sie an, den Brustkorb ihres bewusstlosen Mannes frei zu machen. Die 14-jährige Tochter half, dann musste sie raus aus der Wohnung und draußen auf den Rettungsdienst warten. Heike W. hatte zuletzt in den neunziger Jahren einen Erstehilfekurs besucht, „damals machte man noch Mund-zu-Mund-Beatmung“. Nun sucht sie auf Kurrents Anleitung den richtigen Druckpunkt auf der Brust ihres regungslosen Mannes und beginnt zu drücken.  Eins, zwei, drei – hundert Mal die Minute, ungefähr fünf Zentimeter tief.

Wo bleibt der Notarzt?

Thomas Kurrent zählte anfangs den Rhythmus vor. Der Telefonhörer lag auf dem Boden, der Lautsprecher war an. „Ich habe nicht nachgedacht und nur noch funktioniert“, sagt Heike W. heute. Es waren die längsten Minuten ihres Lebens. Vier Minuten war  sie allein mit ihrem leblosen Mann und der Stimme am Telefon, drückte und drückte immer weiter, auch wenn es im Brustkorb knackte.“ Sie schrie: „Wo bleibt der Notarzt?“ Kurrent beruhigte, machte Mut. „Mir kam es vor wie Stunden“, sagt sie. Dann kam der Rettungsdienst, fünf Minuten nach der Alarmierung, berichtet Dr. Stefan Eigl, ärztlicher Leiter des Rettungsdienstes. Wieder hatte Peter W. Glück im Unglück. Der Notarztwagen war zufällig in der Nähe. Im Durchschnitt dauert es acht Minuten ab der Alarmierung, bis der Rettungsdienst kommt, sagt Frank Schmälzle, Pressesprecher des Klinikums Bayreuth. In diesen Minuten fällt die Entscheidung über Leben und Tod.

Das Herz ersetzen

„Bei Kreislaufstillstand werden die Organe nicht mehr mit Blut versorgt“, erläutert Prof. Jörg Reutershan, Chefarzt an der Klinik für Anästhesiologie und Operative Intensivmedizin am Klinikum Bayreuth. Die Helfer ersetzen das Herz mit Druck von außen, damit die lebenswichtigen Organe wieder mit Blut versorgt werden.  Das funktioniere über viele Minuten, rette Leben und helfe gegen irreparable Schäden. Aber nur rund 30 Prozent der Deutschen greifen im Ernstfall tatsächlich ein. Bundesweit könnten auf diese Weise schätzungsweise jährlich 5000 Menschen mehr gerettet werden.

"Ein tolles Gefühl"

Ein- bis zweimal pro Woche leistet die ILS Bayreuth Kulmbach Reanimation am Telefon. „Es ist ein tolles Gefühl, wenn die Sache so gut endet wie bei  Peter W.", sagt Thomas Kurrent. Im Klinikum setzten ihm die Ärzte einen Stent. An die dramatische Rettung kann er sich nicht erinnern. Nach einer zweiten Operation und einer Reha geht es ihm „verhältnismäßig gut“.

Ersthelfer trauen sich mehr

Der Zustand wiederbelebter Patienten sei nach einer Laienreanimation deutlich besser als ohne Erste Hilfe, hat  Chefarzt Reutershan am Klinikum beobachtet. „Die Ersthelfer trauen sich mehr, dadurch gibt es mehr Überlebende nach Kreislaufstillstand“, sagt Stefan Eigl.  „Fehler gibt es in dieser Situation nicht. Der einzige Fehler ist, nichts zu tun.“ Die telefonische Wiederbelebung, die seit drei Jahren geschult wird,  habe sich bewährt.  Eigl: „Das Beste wäre allerdings, alle könnten reanimieren, ohne dass sie angeleitet werden müssen.“

 

Info:  Anlässlich der Woche der Wiederbelebung werden Mitarbeiter des Klinikums und der Notfallsanitäterschule des Bayerischen Roten Kreuzes an diesem Dienstag, 19. September, die Kenntisse der Mitarbeiter des Bayreuther Rathauses in Wiederbelebung auffrischen. Auch Besucher und Interessenten können zwischen 9 und 16 Uhr am Rathausplatz an Puppen die Herzdruckmassage ausprobieren.

 

Das ist zu tun:

Wenn eine Person zusammenbricht, sind drei Dinge wichtig:

1. Prüfen:

Sprechen Sie die Person an: „Hören Sie mich?“

Schütteln Sie an den Schultern: Keine Reaktion? Achten Sie auf die Atmung: Keine Atmung oder normale Atmung (Schnappatmung)?

2. Rufen:

Rufen Sie 112 an Oder veranlassen Sie eine andere Person zum Notruf

3. Drücken:

Drücken Sie fest und schnell.

Beginen Sie sofort mit der Herzdruckmassage.

Machen Sie den Brustkorb des Patienten frei.

Legen Sie den Ballen Ihrer Hand auf die Mitte der Brust, den Ballen Ihrer anderen Hand darüber Verschränken Sie die Finger. Halten Sie die Arme gerade und gehen Sie senkrechtmit den Schultern über den Druckpunkt, so können Sie viel Kraft ausüben.

Drücken Sie das Brustbein fünf bis sechs Zentimeter nach unten.

Drücken Sie 100- bis 120-mal pro Minute.

Hören Sie nicht auf, bis Hilfe eintrifft.

Nicht bewertet

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