Wagners Werke am Liszt-Flügel

An nur wenigen Orten der Welt wird mit soviel Hingabe, Akribie und in solcher Vielfalt in Opern eingeführt. Was hat man hier nicht schon alles erlebt: Kabarettistisches, wissenschaftlich tiefschürfende Analysen oder Vorträge mit erhellenden Erkenntnisse über die Inszenierungen im Festspielhaus. Prominente Namen haben Bayreuth den Rücken gekehrt, neue sind hinzugekommen.

Wobei, neu ist Hans Martin Gräbner in Bayreuth nun wirklich nicht. Seit langem ist er in der Stadt als Pianist oder Komponist zu erleben. Seit fünf Jahren reiht sich Gräbner in die Reihe der Einführungsvortragenden ein. Drei Jahre lang trat er in der Walhall Lounge auf dem Grünen Hügel in Erscheinung, seit 2016 sitzt er im Steingraeber-Palais am Liszt-Flügel, was seinen Vorträgen eine ganz besondere Aura verleiht.

Zum 150. Mal

Am Mittwoch ging Gräbner zum 150. Mal ans Werk. Wagners „Tristan und Isolde“ hatte der Spielplan der Festspiele vorgegeben. Die rund 30 Zuhörer im Rokoko-Saal kamen dabei in den Genuss, nicht nur erklärende Worte und Klavierspiel am historischen Instrument zu hören, sondern überdies den dazugehörenden Gesang präsentiert zu bekommen. Hans Martin Gräbner dürfte weit und breit der einzige Einführungsvortragende sein, der sowohl den Tristan, Kurwenal, König Marke und auch die Isolde singen kann. Zumindest taktweise und bei Bedarf oktaviert. Aber sauber intoniert.

In gut einer Stunde durchschreitet Gräbner den Klavierauszug des zu erklärenden Stücks. Dabei kann er einen ganz besonderen Trumpf ausspielen: Den Flügel aus dem Jahr 1873, auf dem bereits Franz Liszt gespielt hat. Ob auch Richard Wagner den Steingraeber zum Klingen gebracht hat, lässt sich nicht mit Sicherheit sagen. Denkbar wäre es, denn Wagner stand im engen Kontakt mit der Klaviermanufaktur und wohnte damals in nächster Nachbarschaft in der Dammallee. Wer will, kann hier gleichsam den Geistern der großen Komponisten nachspüren.

Allein mit Liszt

Gräbner selbst erlebt die intensivsten Moment in diesem Raum jeweils in der Viertelstunde, in der er sich auf dem Flügel einspielt. Allein mit Liszt. Allein mit Wagner. Bevor die Zuhörer den Saal betreten.

„Der Anschlag ist härter und leichter als bei modernen Flügeln“, sagt Gräbner. „Man kann ihn richtig streicheln, er kann aber auch brutal klingen.“ Rein mechanisch ist das Instrument leicht zu spielen als ein moderner Flügel, aber man muss den Anschlag besser unter Kontrolle haben. Das Instrument weist eine Besonderheit auf, die für die damalige Zeit sehr fortschrittlich war, im Klavierbau inzwischen aber seit Generationen fest etabliert ist: der gußeiserne Rahmen. Dieser bringt diverse Vorteile mit sich: Er verhindert, dass Virtuosen vom Schlage eines Franz Liszt das Instrument allein mit Tastengewalt ruinieren können. Der Rahmen ermöglicht überdies eine höhere Saitenspannung und ein längeres Halten der Stimmung.

Die Tasten gestreichelt

Alles in allem kann man sich wohl kaum einen schöneren und geeigneteren Ort wünschen, um die Besonderheiten des „Tristan“-Akkords, der überall hin will und nie zur Ruhe kommt, vorgeführt zu bekommen. Und wenn Hans Martin Gräbner dem finalen H-Dur des Stücks entgegensteuert, wird klar was heißt, die Tasten des Liszt-Flügels zu streicheln.

5 (1 vote)

Anzeige

Montag, 13. November 2017 - 11:06