Theater Hof: Komik und Ernst

Als Robert Stolz einst kurz vor seinem Tod das Pult betrat, musste er gestützt werden – doch in dem Augenblick, in dem er den Taktstock hob, fuhr es wie ein Blitz durch den uralten Herren. Die Musik hatte ihn verjüngt und Kräfte verliehen, die ihm sonst nicht mehr gegeben waren.

Wenn Zombies jung werden

Wenn die alten Herrschaften im Künstlerheim nicht gerade die infantilen Klatschrunden absolvieren müssen, die Frau Stange mit überzeugend lächerlichen Liedern begleitet, geht es ihnen ähnlich wie dem alten Mann auf dem Pult. Aus den halbdementen und dementen Zombies werden plötzlich – nun ja – zumindest jüngere Leute, auch wenn sie nicht mehr übers Parkett fegen können. Der Pianist kommt in Puschen daher, der Tannhäuser-Marsch zeigt die alten Gladiatoren beim Einzug, ein Asthma-Anfall unterbricht die Musik, Frau Leinweber bellt schon ihre von Tourette inspirierten Unflätigkeiten heraus – dann sinken sie in die Sessel. „Wir klatschen in die Hände...“.

Herzzerreißend und melancholisch

Nein, sie klatschen nicht in die Hände, aber sobald die Betreuungskraft den Raum verlassen hat, werden sie plötzlich zu altgewordenen, doch quicklebendigen Rockern. „I love Rock’n Roll“ führt die Suite von Schlagern an, die Erik Gedeon zusammengestellt und Michael Falk, der Mann in den Puschen, arrangiert hat. Ganz wie in einem Liederabend von Franz Wittenbrink werden die Nummern mit einer schlichten, doch herzzerreißend komischen und melancholischen Geschichte versehen. Es passiert nicht viel in diesem Künstleraltersheim, in dem die Bilder der drei letzten Intendanten des Theaters Hof und des dienstältesten Schauspielers (und nunmehrigen Kantinenchefs) Peter Kampschulte die Wände zieren – aber was passiert, ist kurzweilig. Man lebt seine sexuellen Sehnsüchte, seine Bosheiten und seine Zärtlichkeiten aus.

Ihre Leichen leben noch

Die Charaktere krachen aufeinander: die ehemalige Revoluzzerin Frau Leinweber, die zarte Frau Schmitz, der lustige Herr Bänsch, der kräftige Herr Bals und der ehemalige Tragiker Herr Bregenzer. Es ist eine einzige Freude, die Schauspieler des Theaters Hof quasi als sie selbst in unglaublichen Altersmasken zu sehen – und sie in einer grandiosen Shakespeare-Collage zu erleben. Die obszöne Frau Leinweber als Lady Macbeth, der alte Zausel Herr Bregenzer als junger Hamlet, Frau Schmitz zwischendurch und immer wieder als Tschechows Möwe. Einmal klingt Tschechows Ruf „Nach Moskau“ wie eine nie eingetroffene Verheißung ins Altersheim. Ihre Leichen leben noch, die Bedürfnisse altern nicht. „I will survive“ ist ihr Kampflied, „Forever young“ ihre nachdenkliche Ode an das gelebte Leben. Der Rollator wird zur Harley, der Griff ans Gemächt zum Lebenssignal, „I got you, Babe“ scheint über Frau Stanges ironisches „Friedhof und Krematorium“-Poem zu siegen.

Komik und Ernst gemischt

Selten werden Komik und Ernst so gemischt wie an diesem Abend, der vom Publikum, das im Schnitt über 60 Jahre alt ist (aber was heißt hier „alt“?), bejubelt wird. Dass beim Schlussvorhang, vor den zwei Zugaben mit einem wundervollen A-capella-Sextett, die Maskenabteilung mit den sieben Helden sich verbeugt, ist nur gerecht – und ebenso bewegend wie manches an diesem musikalischen, komischen und bedenkenswerten Abend.

Nicht bewertet

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