Stunde Null: Symposium über Wieland Wagner

Wieland Wagner  ist ein besonders prominenter Akteur der Festspielgeschichte, als einer der prägendsten Theatermacher in der bald 150-jährigen Historie des Bayreuther Festivals. Aktenkundig ist das sogar durch eine Inszenierung in jüngerer Vergangenheit. Stefan Herheim zitierte „Neu-Bayreuth“ und seinen „Erfinder“ Wieland – und seinen immer als weniger innovativ angesehenen Bruder Wolfgang – in seiner sensationellen „Parsifal“-Inszenierung, diesen Parforce-Ritt durch die Geschichte Wahnfrieds und Deutschlands.

"Hier gilt's der Kunst"

Es war auch eine Verbeugung des Regisseurs vor dem Vorbild Wielands ebenso wie der Hinweis auf die Brüche in der Geschichte. „Hier gilt’s der Kunst“ – dieses Zitat aus den Meistersingern, mit dem die Wagner-Brüder bei der Wiederaufnahme der Festspiele 1951 das Publikum zur Enthaltsamkeit von politischen Äußerungen vergatterten, wurde legendär oder berüchtigt, je nachdem, von welcher Warte aus man den Neuanfang nach dem Krieg betrachtet: Als Meisterwerk der Verdrängung oder als Geniestreich, der den Bruch mit der völkisch gefärbten Wagner-Folklore des so genannten Dritten Reichs vollzog.  „Es gibt nichts Ewiges. Wieland Wagner: Ästhetik, Zeitgeschichte, Wirkung“ – so war das Symposium übertitelt, das am Wochenende in Haus Wahnfried über die Bühne ging.

Es brauchte die Rede vom ästhetischen Bruch für den Neuanfang

Das Wunder von „Neu-Bayreuth“, der Mythos von der „Stunde Null“, die den klaren Bruch mit „Hitlers Hoftheater“ möglich machte: diese Geschichte vom Wielandschen Genie- und Befreiungsschlag lässt sich keinesfalls mehr aufrechterhalten. Das hatte Stephan Mösch, der das Symposium zusammen mit dem Leiter des Richard-Wagner-Museums, Sven Friedrich, leitete, zuvor schon deutlich gemacht. Natürlich habe sich Wielands Bewusstsein mit dem desaströsen Ende des Krieges gewandelt, doch die „Rede vom ästhetischen ,Bruch‘ war dann nötig, um Bayreuth nach dem Krieg geschichtsphilosophisch überhaupt wieder etablieren zu können“.

Man darf hinzufügen, dass sich der Enkel nicht nur deswegen an den Bodensee zurückzog, um in kärglicher Abgeschiedenheit über sein neues Bühnenkonzept nachzudenken, sondern auch, um einem Spruchkammerverfahren in der US-Besatzungszone erstmal zu entgehen.

Wieland: Regisseur und Bühnenbildhauer

Was bleibt vom Wunderknaben Wieland? „Wieland Wagner und die Folgen“ war der Programmpunkt des Symposiums überschrieben, der zu den Höhepunkten der Festspielzeit gehören dürfte: eine Podiumsdiskussion mit dem Kulturwissenschaftler Jens Malte Fischer, mit dem gefeierten Regisseur Stefan Herheim und mit Anja Silja, dergroßartigen Sängerin und Geliebten Wielands. Man erfuhr über den Theatermann Wieland, dass er mindestens ebenso viel Bühnenbildhauer wie Regisseur war. Ein Mann, der Menschen und Bühnenelemente wie Chiffren und Urtypen einsetzte. Woher die Anregungen zu seinen abstrakten, vom Licht gebildeten Bühnenbildern kamen, ist noch immer nicht ganz klar. Klar ist hingegen, dass diese Bühnenrevolution viele Wurzeln hatte – nicht zuletzt in der Antike und in der Psychoanalyse.

Silja war bei 36 von 50 Inszenierungen dabei

Man erfuhr in dieser Runde, wo auf Youtube vielleicht noch Schnippselchen von Wieland-Inszenierungen zu finden sein könnten, vor allem hörte man eine Menge über den Menschen – dank Anja Silja, die Wieland als Regisseur in heute nicht mehr möglicher Intensität kennenlernte: Von den 50 Inszenierungen Wielands machte sie 36 mit, und das innerhalb von vier Jahren. „Das kann man sich eigentlich kaum vorstellen.“

Sie sprach auch über den freundlichen und höflichen Wieland, der aber immer Distanz hielt: „Es gab keine wirklichen Freundschaften in Wielands Leben.“ Über sein enormes Arbeitspensum, den Probenwahnsinn im Festspielhaus „von morgens acht bis nachts um zwei, und das im Schichtbetrieb“, über ihre Bayreuther Anfänge: „Ich fand, dass ich mit 19 nur in Bayreuth anfangen kann, und nirgendwo anders.“ Über den ziemlich trockenen Wieland, der Experimente vermied, der das Gerücht, die Callas werde die Kundry singen und lerne sogar schon Deutsch, mit den Worten abtat: „Ich habe nichts dagegen, dass Maria Callas Deutsch lernt.“ Sie sprach auch über die „enorm statuarischen“ Inszenierungen Wielands: „Sie standen und sangen, und vielleicht fiel mal einer zu Boden.“

„Der diese Liebe mir ins Herz gelegt“

Was blieb denn nun? Eines ganz sicher. Sven Friedrich, Leiter des Richard-Wagner-Museums, sprach irgendwann  die Schlussworte, er gab sich gut gelaunt enttäuscht darüber, dass auch diese Runde so einvernehmlich, so wahnfriedlich verlaufen sei, und dankte für interessante Gespräche über Wieland. Und Anja Silja fügte fast unhörbar hinzu: „Der diese Liebe mir ins Herz gelegt.“

Brünnhilde sagt das über Siegmund, im dritten Aufzug der „Walküre“. Anja Silja sagte das in Haus Wahnfried über Wieland, 50 Jahre nach seinem Tod.

Die Festspiele 2017: Unsere Kritiken

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Kommentare

Es soll zu Beginn der 1950er Jahre eine Abmachung zwischen der Stadt Bayreuth und Wieland Wagner gegeben haben, dass es in Bayreuth weder ein Profiorchester noch ein Profitheater geben soll, um den Richard-Wagner-Festspielen keine Konkurrenz zu machen. Ein bereits bestehendes Symphonieorchester hat sich dann aufgelöst und ein Theater mit Musikabteilung ist gar nicht gegründet worden, sondern es ist eine Zusammenarbeit mit Hof zum sog. "Städtebundtheater" eigeleitet, sowie jeweils im Herbst eine Musiktheaterproduktion des Landestheaters Coburg in Bayreuth aufgeführt worden.

Also sollen Wieland Wagner und die damaligen Stadtoberen daran schuld sein, dass der Kulturbetrieb in Bayreuth jetzt so klein ist.