Studiobühne: Premiere im Hoftheater

Das Stück heißt „Heda! Heda! Hedo!“, und der Titel erklärt sich aus Richard Wagners Vorlieben für seltsame Laute des Erstaunens, der allgemeinen Gefühlsaufwallung oder der Aufforderung. Genauer gesagt, stammt die Zeile aus dem „Rheingold“. Der Gott Donner fordert mit diesen Worten das „Gedüft, Ihr Dünste“ an seine Seite, respektive vor seine Nase. Es ging bei dieser Uraufführung der Studiobühne um den „Ring“ (zur Auffrischung empfehlenswert daher für Menschen, die bei Frank Castorf schon mal die Orientierung verlieren) und um den „Parsifal“. Man lachte und amüsierte sich in der Pause bei Kaltgetränken.

Es trafen aufeinander: Zwei über den Zeitgeist empörte Wagnerianer, die einen spüren lassen, dass die Bezeichnung „Wagnerianer“ nur noch als Beleidigung wahrgenommen werden kann; vier Jugendliche, die einem Pokémon-Monster nachspüren und laut Text noch ahnungsloser, noch tumber und noch verführbarer sind, als es sich alternde Menschen in ihren schlimmsten Alpträumen vorstellen können. Ist seltsam, wenn einer vom Richard-Wagner-Gymnasium kommt und angeblich von Richard Wagner noch nichts gehört hat.

Die Sechs spielten engagierter, als man es von Laien erwarten darf. Sie spielten mutig und mitreißend, pflügten sich durch eine gewaltige Masse Textes und scheuten sich auch nicht, Wörter wie „ficken“, „Schwanzlutscher“ und „Möse“ in den Mund zu nehmen. In Bayreuth, wo man von dergleichen bislang wenig vernommen hat, ist das recht verwegen.

Es wird sogar Stephane Hessel zitiert, mit dem Titel seiner Spätschrift: „Empört euch!“ Ja, warum eigentlich nicht? Die Jugendlichen nehmen sich der ihnen unbekannten und fernen Handlung von Wagners Dramen an. Und verstehen sie so, wie sie ihnen von den beiden Wiedergängern erzählt wird: als Drama eines Revolutionärs. Nun sehen die beiden älteren Herrschaften nicht so aus, als hätten sie jemals aufbegehrt. Wagner konnte auch widerlich sein, was die beiden seltsamen Gralshüter ohnehin verdrängt zu haben scheinen. Wären diese abseitigen Aspekte nicht ohnehin ein besserer Stoff? Was sagen die Jungen denn zu opportunistischem Antisemitismus und Nehmermentalität in Zeiten von Like und Share? Das wäre mal ein wirklicher, nicht ein behaupteter Aufschrei. Hier aber gilt’s der Kunst, das „Meistersinger“-Zitat steht tatsächlich auf einem Balken über der Bühne und wirkt heute so fragwürdig wie bei seiner missbräuchlichen Verwendung 1951, als man von Bayreuths brauner Vergangenheit ablenken wollte.

Der Autor des Stückes heißt Uwe Hoppe, er hat schon Stärkeres geliefert. Er ist auch schon sorgfältiger mit Worten und Klischees umgegangen. Dass Opfer und Täter der Zwangsehe in der „Walküre“ orientalisch gekleidet sind: aber klar doch, dieser Aufführung hatte man das schon vorher zutrauen dürfen. Da hält Hoppe seine Figuren für einfältiger, als sie sein dürften. Hoppe gibt vor, über Wagner und seine Rezeption zu erzählen, das Ganze plätschert arm an Höhepunkten vor sich hin. Er hat aber auch noch allerlei Anspielungen an Wagner im Allgemeinen und an Bayreuth im Speziellen eingearbeitet, und das Publikum fand das lustig.

Man wird allerdings voraussichtlich nur in Bayreuth darüber lachen. Was noch nachzutragen wäre: Das Bühnenbild (Michael Bachmann) sorgte mit der trickreichen Verortung des Geschehens in Haus Wahnfried (genauer: im Keller und im Salon) für den Höhepunkt der Inszenierung. Das Stück wird wiederholt, es wird begeisterte Zuschauer finden. Und Steingraebers Hoftheaterzelt hat wirklich Atmosphäre. Die Klaviermanufaktur hatte aber bei besseren Veranstaltungen schon weniger Besucher.

„Heda! Heda! Hedo!“, Regie: Uwe Hoppe; Kostüme: Heike Betz; Licht/Ton: Roland Kropf; Es spielen: Anja Kraus, Annette Lauckner, Finn Leible, Frank Joseph Maisel, Lukas Stühle, Conny Trapper. Termine: 20., 25., 28., und 31. Juli; 2., 4., 5., 10., 16., 17., 19. August, jeweils 20 Uhr, Steingraeber-Hoftheater.

Nicht bewertet

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Montag, 13. November 2017 - 11:06