Revolutionär oder altbacken? Wagners Frauenbild

Richard Wagners Satz vom „Weib der Zukunft“ ist zu einem geflügelten Wort geworden, das häufig mit der Interpretation der Frauenfiguren in seinen Opern in Verbindung gebracht wird. Tatsächlich hat Wagner diesen Ausspruch 1851 in seiner Schrift „Eine Mitteilung an meine Freunde“ zur Erläuterung der Figur der Senta in seiner Oper „Der fliegende Holländer“ gebraucht.

Zentral dabei ist für Wagner, dass sich Senta dem Holländer aus Liebe opfert. Es heißt an dieser Stelle weiter über sie: „Dies Weib ist aber nicht mehr die heimatlich sorgende, vor Zeiten gefreite Penelope des Odysseus, sondern es ist das Weib überhaupt, aber das noch unvorhandene, ersehnte, geahnte, unendlich weibliche Weib, ich sage es mit einem Worte heraus: das Weib der Zukunft.“

Nicht weniger überschwänglich äußert sich Wagner zu seiner Elsa in „Lohengrin“: „Elsa, das Weib, – das bisher von mir unverstandene und nun verstandene Weib, – diese notwendigste Wesenäußerung der reinsten sinnlichen Unwillkür – hat mich zum vollständigen Revolutionär gemacht.“ Die Erlöserin aus Liebe sieht Wagner schließlich auch in Brünnhilde („Der Ring des Nibelungen“), über die er 1854 schreibt: „Das leidende, sich opfernde Weib wird endlich die wahre wissende Erlöserin: denn die Liebe ist eigentlich das ewig Weibliche selbst.“

Es mag uns heute als spürbarer Widerspruch erscheinen, dass das von Wagner hier imaginierte liebende, sich hingebende und opfernde Weib dem Topos vom „Weib der Zukunft“ genügen solle. Welche Zukunft sollen diese Frauenfiguren bringen, die sich am Ende der Opern in den Tod stürzen oder entseelt dahinsinken? Und welche Fortschrittlichkeit soll man darin erkennen?

Starke Polarisierung

Mit seiner Darstellung des liebenden Weibes und der Referenz auf die Schlussverse von Goethes „Faust II“ scheint Wagner Ideen von Weiblichkeit aufzugreifen, die bereits Ende des 18. Jahrhunderts vorhanden waren. Sie brachten eine starke Polarisierung der Geschlechter mit sich. Auch vor dem Hintergrund des 19. Jahrhunderts: Innovativ erscheint uns diese Idee von einem „Weib der Zukunft“ kaum.

Doch darf man es sich nicht so leicht machen. Nicht bei Wagner, aber auch nicht in der Art und Weise, wie man auf seine Frauenfiguren blickt. Zum einen neigt Wagner in seinen Schriften tendenziell zu rhetorischer Zuspitzung und – auch werbewirksamer – Überhöhung. Zum anderen sind die Opernfiguren mehrdeutig und vielschichtig und haben seit jeher zu zahlreichen Interpretationen verleitet. Die Meinungen gingen dabei stets weit auseinander. Darüber hinaus ist jedoch auch immer zu bedenken, dass Oper ein Bühnenereignis ist. Und geprägt ist dieses Ereignis durch die Verkörperung dieser Figuren durch Sängerinnen.

Jenseits der bürgerlichen Norm

Diesen Aspekt untersucht derzeit am Forschungsinstitut für Musiktheater in Thurnau ein Projekt zu Musik, Stimme und Geschlecht. An Sängerinnen des 19. Jahrhunderts – wie etwa die von Richard Wagner verehrte Wilhelmine Schröder-Devrient – zeigt sich, wie insbesondere die dramatische oder hochdramatische Sopransängerin zu einer Grenzüberschreiterin in mehrfacher Hinsicht wird. Als arbeitstätige und oft skandalumwitterte Frau agiert die Opernsängerin außerhalb der gesellschaftlichen Normen von Weiblichkeit. Sie bewegt sich auf der Bühne oft in stimmlichen und darstellerischen Extremen, und das Publikum trennt in seiner Wahrnehmung der Sängerin Bühnen- und Lebenswelt häufig nicht mehr.

Die Schauspielerin steht als Frau wie als Figur eines Dramas außerhalb der Normen: Wagners „Weib der Zukunft“ bekommt eine ganz neue Facette, wenn es vor dem Hintergrund dieser Bühnenpraxis des 19. Jahrhunderts gelesen wird. Das „unendlich weibliche Weib“ – auch in der Frage, wer das sei, kann Wagner neu gelesen werden.

INFO: Kordula Knaus ist Professorin für Musikwissenschaft an der Universität Bayreuth. Zum Weiterlesen: „Wagner – Gender – Mythen“, hg. von Christine Fornoff und Melanie Unseld, Würzburg: Königshausen & Neumann 2015 , 39,80 Euro.

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Montag, 13. November 2017 - 11:06