Petra Lang: "So biestig bin ich im Leben nie"

Diese Ortrud, Frau Lang: was für eine gemeine Rolle.
Petra Lang: Sie macht es möglich, das Leben ohne Psychotherapie zu verbringen. Wenn ich auf der Bühne biestig und böse sein und mich benehmen darf, wie ich es im Leben nie tun würde, nimmt das unglaublich viel Druck weg. Das ist wie eine Befreiung. Ortrud war meine erste Rolle, die richtig böse war, vorher habe ich eher „liebe“ oder komplizierte Charaktere gesungen wie die Wozzeck-Marie, Cassandre, Judith in „Herzog Blaubarts Burg“.

Wann kam Ortrud dazu?
Lang: Konzertant im Jahr 2003, mein szenisches Debüt hatte ich 2006 an der Wiener Staatsoper. Es wurde überschattet vom Tod meiner beiden Lehrerinnen Ingrid Bjoner und Astrid Varnay, die am Wochenende vor dieser ersten Vorstellung gestorben sind. Beide am selben Tag. Das war sehr merkwürdig und hat mich in gewisser Weise beflügelt, ich dachte: Ortrud singe ich nun für diese beiden. 

Wie lange dauert nach der Vorstellung der Rückweg zu Ihrem freundlichen Selbst?
Lang: Das geht relativ schnell. Mit dem Abnehmen der Perücke.

Ein sängerischer Spaziergang ist Ortrud nicht gerade, wie man hört.
Lang: Das Problem ist der Tonumfang. Man braucht dafür eine voluminöse Mittellage, aber eigentlich ist es eine Sopranpartie. Die Mezzos scheitern an den Phrasen in der Höhe, wo es sich extrem nach oben schraubt. Wenn man nicht leicht genug hinauf geht, wird es schwierig. Den Fluch kriegt man mit Kraft noch irgendwie hin, die Szene vor dem Münster ist schon nicht mehr singbar - obwohl das nur vier Sätze sind - und der Schluss dann erst recht nicht. Den habe ich schon viele Kolleginnen nicht überleben sehen. Ortrud ist eine gefährliche Partie, mit der man an der Stimme unglaublich viel kaputt machen kann.

Trotzdem haben Sie sich diesem Brocken genähert.
Lang: Ich hatte vor der Rolle unglaublich großen Respekt. Ortrud, das waren für mich Astrid Varnay oder Gabriele Schnaut, dieses Kaliber Stimme. Dagegen habe ich mich sehr jung gefühlt und sie deshalb für mich immer „Trudi" genannt. Sie war für mich ein riesiger Berg und ich dachte, ich kann nur versuchen, es so gut wie möglich zu machen und mit meinen Mitteln einen Weg finden. 

In der Lohengrin-Inszenierung von Hans Neuenfels singen Sie die Rolle jetzt schon im vierten Sommer. Wie ist diese spezielle Ortrud konzipiert?
Lang: Neuenfels hat versucht, ihre Brüche zu zeigen. Dass da gegenüber Elsa auch eine Eifersucht besteht, weil Ortrud diese Liebe, die Elsa kennt, nie erfahren hat. Ortrud ist fixiert auf ihren Glauben und seine Richtigkeit. Das, was Elsa erlebt hat und in diesem Schwanenritter sieht, kann sie nicht nachvollziehen. Diese Eifersucht zu zeigen war etwas, was bei Neuenfels wirklich neu war.

Wo genau sieht man das auf der Bühne?
Lang: Es sind oft nur kleine Bewegungen. Wenn Lohengrin im ersten Akt singt: Elsa, ich liebe dich. Da sieht man, dass Ortrud sich abrupt umdreht, es ist für sie ein Moment der Unsicherheit. Die gibt es auch später wieder im Duett mit Elsa. Aber sie hat sich immer sofort wieder unter Kontrolle und spielt weiter ihr Spiel auf ihrer geraden Dominanz-Linie.

Gerne von der Brangäne verabschiedet

Wie kam die Musik in Ihr Leben?
Lang: Mein Vater war Techniker an der Oper in Frankfurt, mit ihm konnte ich schon früh viel im Theater sein, versteckt in der Beleuchterloge. So habe ich wirklich sehr viele Vorstellungen gesehen. In den Ferien war ich jeden Abend mit ihm dort, weil ich es einfach so spannend fand. Außerdem habe ich immer gesungen, mein Leben lang. Sogar schon als Kleinkind auf dem Töpfchen, davon gibt es Fotos. In der Grundschule endete irgendwann jeder Schultag damit, dass Petra den anderen noch ein Lied vorsang. Für die Klassenkameraden ging es dann darum: Wenn Petra schnell singt, kommen wir ein paar Minuten früher nach Hause. Später habe ich Geige studiert und bekam durch einen Fehler am Ende des Studiums noch Stimmbildung.

Was für ein Fehler war das?
Lang: Eine Namensverwechslung. Eine Studentin mit Namen „Lange“ sollte den Unterricht haben, aber in ihrem Namen wurde das „e“ vergessen. Mir selbst hätte kein weiteres Nebenfach mehr zugestanden, weil ich schon Bratsche und Klavier belegt hatte. Da dachte ich: bis die das merken, gehe ich einfach mal hin. Nach der zweiten Stunde sagte die Lehrerin, Gertie Charlent, dann zu mir: Sie sollten lieber im Hauptfach Gesang studieren, ich glaube, es würde sich rentieren.    

Sie kommen aus dem Mezzofach und sind 2012 zum Sopran gewechselt. Wie hat sich Ihr Repertoire verändert?
Lang: Ich habe während meiner gesamten Karriere im Opernbereich immer auch Sopran-Partien wie die Sieglinde oder die Ariadne mit meinem Mezzo-Repertoire kombinieren können. Dadurch, dass ich Brünnhilde dazu genommen habe, fallen im Konzertbereich jetzt die Alt-Partien weg, zum Beispiel die Mahler-Symphonien. Ich habe sie viele Jahre gesungen und schließe dieses Buch mit einem guten Gefühl. Brangäne habe ich im letzten Januar an der Wiener Staatsoper begraben, nach 19 Jahren.  

Fiel die Trennung schwer?
Lang: Ich habe mich gerne von ihr verabschiedet. Sie war eine gute alte Bekannte, aber ich merkte: es stimmt nicht mehr. Ich war nicht wirklich gefordert. Und ich habe die Partie lange mit zwei sehr guten Isolden gesungen: mit Gabriele Schnaut und Luana DeVol. Das hat Maßstäbe gesetzt, da war vieles, was danach kam, leider nicht mehr auf diesem Niveau. 

Wagner-Sänger treffen sich überall auf der Welt und fühlen sich wie eine große Familie. Kennen Sie eigentlich nur die Elsas und Telramunds oder auch die Kolleginnen, die das gleiche Fach singen wie Sie?
Lang: Die sehe ich sehr selten, wir sind ja nie in der gleichen Oper engagiert. Höchstens im Ring, da kommen wir als Sieglinde und Brünnhilde zusammen. Aber natürlich kennt man sich trotzdem. 

Komme ich durch?

Verbindet es, wenn man die gleichen Partien singt?
Lang: Was heißt verbindet. Jede ist für sich selbst verantwortlich. Ich sehe mir Kolleginnen auf der Bühne an, wie sie etwas machen und versuche, daraus zu lernen. Denke mir vielleicht: ach, auf die Idee bist du selbst noch nicht gekommen, auf diese Farbe, auf diese Bewegung. Das probierst du mal aus.  

Tauschen Sie sich darüber aus?
Lang: Heute kaum noch. Als junge Sängerin habe ich viel mit älteren Kolleginnen über die Partien gesprochen, von ihnen konnte ich mir wirklich etwas holen. Sie sind Vorbilder und haben diesen Beruf über Jahrzehnte ausgeübt. 

Heute geben Sie in Meisterkursen selbst Ihr Wissen an junge Kollegen weiter. Was ist das Wichtigste, was Sie Ihren Schülern vermitteln wollen?
Lang: Dass sie lernen, ihren eigenen Weg zu gehen. Sei du selbst, nutze deine ehrlichen Mittel, dann wird es funktionieren. Wenn das Produkt stimmt, wird es gekauft. Weil man dann die richtige Ausstrahlung hat. Und nur dann findet man selbst Wege durch Krisen und aus Krisen heraus. Krisen erlebt jeder Sänger und es ist überlebenswichtig, sie zu meistern. Auf körperliche Veränderungen richtig zu reagieren. Das richtige Repertoire zur richtigen Zeit zu singen. Zu sagen: Nein, diese Partie geht jetzt nicht, die geht vielleicht in fünf Jahren. 

Wenn Sie selbst für eine neue Partie angefragt werden: Wie entscheiden Sie, ob sie schon geht?
Lang: Ich studiere sie an und nehme mir einen Repetitor. Mit ihm spiele ich die ganze Oper durch, inklusive aller Pausen. Nur dann sehe ich: Komme ich am anderen Ufer an, oder gehe ich unter? Es gibt immer Dinge, die noch lösbar sind. Eine Koloratur vielleicht, für die ich mir vierzehn Tage Zeit gebe, um sie gezielt zu üben. Aber das Entscheidende ist: Komme ich durch? 

Vor vielen Jahren waren Sie Geigenlehrerin an den Musikschulen in Groß-Gerau und Rüsselsheim. Eine gute Zeit oder ein schlechte?
Lang: Gute Zeit. Ich habe immer gerne unterrichtet. Weil es mir Spaß gemacht hat, Kindern zu helfen, ihr Potential zu entdecken. Dass sie ein gutes Rhythmusgefühl kriegen, sich körperlich frei machen. Das war für mich immer die spannendste Sache, deshalb habe ich auch gerne Früherziehung unterrichtet.

Üben muss man lernen

Schüler, die keine Lust auf Üben haben und ohne Notenheft in die Stunde kommen, das ganze Leid der Geigenlehrer: Haben Sie das nicht erlebt?
Lang: Das kannte ich ja von mir selbst, ich habe auch nicht gerne geübt als Kind. Also übte ich mit meinen Schülern in der Stunde. Als Lehrer muss man eine große Geduld haben, wenn man Druck ausübt, erreicht man gar nichts. Dann übt man halt eine Etüde sechs Wochen lang, na und? Üben muss man lernen. Lernen, dass man die Steine Stückchen für Stückchen aufeinander baut. Und dass es sein kann, dass am nächsten Morgen die ganze Mauer wieder eingerissen ist. Akzeptieren, dass es im Leben so ist, auch mit vielen anderen Dingen. Da kann Musikunterricht sehr hilfreich sein. 

Dieser ist Ihr sechster Sommer in Bayreuth: Welches ist hier Ihr Lieblingsrestaurant?
Lang: In Bayreuth gehe ich kaum ins Restaurant, ich versuche, möglichst viel selbst zu kochen. Wir wohnen draußen auf dem Land, was soll ich da erst irgendwo hinfahren? Außerdem gehe ich schon zuhause in Frankfurt oft Essen, wenn ich von einer Reise komme und der Kühlschrank leer ist. Ich versuche, sehr diszipliniert zu leben, auch was Ernährung angeht. Und ich mache viel Sport. Kiesertraining, Fitnesstudio, Tai Chi.

Und sonst? Was machen Sie noch, wenn Sie frei haben?
Lang: Ich gehe gerne mit meinem Mann spazieren und lese viel, zum Beispiel Fachliteratur und Sängerbiografien. Aber auch Unterhaltung, gerade in der Wartezeit während der Vorstellungen. Dritter Akt Lohengrin, in der Garderobe: irgendwelche Krimis. 

ZUR PERSON: Petra Lang kam zum ersten Mal 2005 als Brangäne zu den Bayreuther Festspielen, heuer singt sie Ortrud im „Lohengrin“. Ihre Bühnenlaufbahn begann die Frankfurterin im Opernstudio der Bayerischen Staatsoper, es folgten Festengagements in Basel, Nürnberg und Dortmund. Heute gastiert Petra Lang an führenden Opernhäusern der ganzen Welt, zu ihren wichtigsten Rollen gehören Cassandre, Brünnhilde, Kundry, Sieglinde und Ortrud.   

 

 

 

 

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Montag, 13. November 2017 - 11:06