Oberfranken: Proteste gegen "Bauernregeln"

„Viele unserer Mitglieder haben sich bei uns beschwert und uns aufgefordert, dagegen vorzugehen“, sagte Wilhelm Böhmer, Direktor des Bezirksverbandes Oberfranken im Bayerischen Bauernverband (BBV), dem Kurier auf Anfrage. Er kritisierte, dass sich eine Ministerin „auf Kindergartenniveau“ begebe statt das sachliche Gespräch zu suchen. Der Beruf der Landwirte werde mit dem Klopfen solcher Sprüche „ins Negative gezogen“.

Brief an die Abgeordneten

Böhmer sagte, der Bauernverband habe in einem Schreiben die SPD-Bundestagsabgeordneten Anette Kramme (Bayreuth) und Petra Ernstberger (Hof) aufgefordert, tätig zu werden. „Wir erwarten , dass diese Kampagne eingestellt wird“, sagte Böhmer. „Es ist ein Unding, dass so etwas auch noch aus Steuergeldern bezahlt wird.“ Nach Presseberichten soll die Kampagne bis zu 1,6 Millionen Euro kosten.

Ins Lächerliche gezogen

Nach Landwirtschaftsminister Christian Schmidt (CSU) hatte auch die Kulmbacher CSU-Bundestagsabgeordnete Emmi Zeulner Kritik an der Kampagne geübt. Zeulner sieht darin eine „Diffamierung eines Berufsstandes“.Hendricks mache Wahlkampf auf Kosten der Landwirte. "Besonders traurig finde ich es auch, dass durch diese Plakate die tatsächlichen Bauernregeln, die gerade im ländlichen Raum ein über Generationen überliefertes Kulturgut sind und auch mich als Kind sehr begleitet haben, an Wert verlieren und zu Wahlkampfzwecken missbraucht werden", schreibt Zeulner in einer Mitteilung. Die   Landwirte würden ins Lächerliche gezogen. Zeulner forderte jährlich einen runden Tisch an den Landratsämtern in ihrem Wahlkreis Kulmbach-Lichtenfels-Bamberg Land mit Vertretern der Landwirtschaft, den unteren Naturschutzbehörden und den Landräten, "um die Probleme auf kommunaler Ebene genau zu definieren und gemeinsam vor Ort Lösungen zu finden".

Auswirkungen "verheerend"

Der Hofer Landrat Oliver Bär (CSU) warnte Ministerin Hendricks vor "verheerenden Auswirkungen" ihrer Kampagne. Ein ganzer Berufsstand werde so an den Pranger gestellt. "Der Erhalt der bäuerlichen Landwirtschaft sollte uns allen etwas wert sein, wollen wir hinsichtlich der Versorgung nicht auf große Agrarfabriken angewiesen sein."

Hendricks: "Bewusste Fehldeutung"

Hendricks hatte die Kritik zurückgewiesen. Es sei „bewusste Fehldeutung“ zu behaupten, ihre spaßig gemeinte Plakatkampagne richte sich gegen die gesamte Landwirtschaft, heißt es in einem Brief von  Hendricks an ihren Kabinettskollegen Christian Schmidt. Der inhaltliche Kern der Botschaften sei von Kritikern „weder angezweifelt, geschweige denn widerlegt“ worden - stattdessen werde ein „Zungenschlag herbeigeredet“, den es auf den Plakaten nicht gebe.

Das sind Hendricks umstrittene Bauernregeln:

1. Steht das Schwein auf einem Bein, ist der Schweinestall zu klein.

2. Gibt's nur Mais auf weiter Flur, fehlt vom Hamster jede Spur.

3.Zu viel Dünger auf dem Feld geht erst ins Wasser, dann ins Geld.

4. Haut Ackergift die Pflanzen um, bleiben auch die Vögel stumm.

5. Zu viel Dünger, das ist Fakt, ist fürs Grundwasser beknackt.

6. Ohne Blumen auf der Wiese, geht's den Bienen richtig miese.

7. Steh'n im Stall zu viele Kühe, macht die Gülle richtig Mühe.

8. Gibt's nur eine Pflanzenart, wird's fürs Rebhuhn richtig hart.

9. Wenn alles bleibt so wie es ist, kräht bald kein Hahn mehr auf dem Mist.

10. Strotzt der Boden vor Nitraten, kann das Wasser arg missraten.

11.Bleibt Ackergift den Feldern fern, sieht der Artenschutz das gern.

Nicht bewertet

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Kommentare

getroffene Hunde bellen.....
"Wenn alles bleibt so wie es ist, kräht bald kein Hahn mehr auf dem Mist."
Statt Kritik zu üben sollte der Bauernverband darüber nachdenken.
Das eine ist eine mit 1.600.000 € Steuerzahlerknete finanzierte Kampagne zur undifferenzierten Bloßstellung eines ganzen Berufsstandes. Ok., "Spaßig gemeint" war es also.
Das andere aber: Wogegen kämpfen gleich noch die SPD-Spitzenpolitiker im Wahlkampf? Richtig, Populismus!
Was ist es nochmal, wenn Nutzer in den sozialen Netzwerken ihrem Unmut über die Politik pauschal Ausdruck verleihen? Genau, Hetze und Hate Speech.

Vielleicht braucht es als Ministerin doch ein wenig mehr Kenntnis der Materie und Einfühlungsvermögen, als vor 37 Jahren zum Thema "Die Entwicklung der Margarineindustrie am unteren Niederrhein" promoviert zu haben.
Was eingängig und ein Hingucker ist, mag populär sein - aber Populismus beinhaltet eine unzulässige Vereinfachung komplexer Zusammenhänge. Den kann ich hier nicht finden, denn es ist in jedem Spruch eine traurige Wahrheit verpackt. Hetze und Hate Speech kann ich ebenso nicht finden, niemand wird persönlich beleidigt oder gar bedroht. Berechtigte Kritik auf anständige, gar witzige Weise vorgebracht, muß erlaubt bleiben (Demokratie!). Und, mal ehrlich, ist ein 100 Seiten starker Report zu den Zuständen in der Landwirtschaft vielleicht besser geeignet, das Augenmerk der Allgemeinheit auf ein immer größer werdendes Problem zu richten ?
Auch wird kein ganzer Berufsstand verunglimpft, sondern es wird auf Mißstände in einem wichtigen Berufsstand aufmerksam gemacht, die sich leider immer mehr ausbreiten. Jeder Öko-Landwirt und jeder Landwirt, der verantwortungsbewußt (im Gegensatz zu gewinnorientiert) wirtschaftet, braucht sich ja nicht getroffen zu fühlen. Daß die Kampagne so viel Widerspruch erregt, zeigt, daß mehr als nur ein Körnchen Wahrheit drinsteckt.
Was ist an den Sprüchen denn so schlimm? Einige sind sprachlich eher brachial als gelungen, aber bei den meisten steckt immerhin ein wahrer Kern drin. Ob 1,6 Mio Euro dafür angemessen sind, wage ich allerdings zu bezweifeln.
Ein Körnchen Wahrheit steckt sicher auch in jedem Stammtisch-Gwaaf. Nur käme keiner auf die Idee, das auf Steuerzahlerkosten auf Großraumplakate und Postkarten zu drucken.
Alles was Geld kostet, kann man mit dem Totschlagargument "Kosten für den Steuerzahler" kritisieren. Entscheidend ist doch das Kosten-Nutzen-Verhältnis. Und wer kann schon wissen, ob diese Maßnahme nicht wirkungsvoller ist als alle bisherigen Versuche, in der Landwirtschaftspolitik etwas grundlegend zu verändern. Fast alle Bürger spüren, dass Handlungsbedarf besteht, geändert hat sich bisher kaum etwas:
"Das Ei aus Bayern ist schön rund, nur manchmal etwas ungesund".
"Das Ei aus Bayern ist schön rund, nur manchmal etwas ungesund".
Dann bitte Finger weg vom Meisen- oder Schneckengelege. Die Eier, die ich esse, sind oval.
@ "kezia":
Sie sagen es: "Populismus beinhaltet eine unzulässige Vereinfachung komplexer Zusammenhänge".
"Gibt's nur Mais auf weiter Flur, fehlt vom Hamster jede Spur.". Wer hat denn die fehlenden Fruchtfolgewechsel mit seiner tollen "Energiewende" provoziert?

"Wenn alles bleibt so wie es ist, kräht bald kein Hahn mehr auf dem Mist.". Wer setzt denn die Rahmenbedingungen für Landwirtschaft? Doch eher die Politik und natürlich unser Verbraucherverhalten. Da kann die Ministerin gerne mal ansetzen, da haben die Grünen schon beste Erfahrungen.

"Steht das Schwein auf einem Bein, ist der Schweinestall zu klein.". Wo steht denn dieser ominöse Schweinestall genau? Es gibt ja nicht einmal eine Definition für den von Politikern aus einer gewisser Ecke gerne gebrauchten populistischen Begriff "Massentierhaltung".

Ich bleibe dabei: Bauernregeln sind ursprünglich Wetterregeln, und hier haut Hendricks populistisch auf einen ganzen Berufsstand ein. Es möge jeder, der es mit Erwerbsarbeit probiert, in sich gehen und sich fragen, ob er die Schwachpunkte, die jede Branche und Berufsgruppe hat, in Form von Sprüchen auf Großraumplakaten sehen möchte.

Apropos "gewinnorientiert": Mir sind gewinnorientierte landwirtschaftliche Unternehmer sehr recht. Die müssen nämlich auch von irgendwas leben und Gewinn für Investitionen in die Zukunft weglegen.
Beschäftige sich jeder Interessierte mal mit der modernen Umverteilung a la EU.
Die Subventionsabhängigkeit der europäischen Bauern ist "Linke Tasche - rechte Tasche", nix weiter.
Wer zahlt denn die Subventionen? Wir Steuerzahler selbst! Teilweise über die Hälfte der Einnahmen der landwirtschaftlichen Betriebe in der EU stammen aus Subventionen. USA: um die 20 % mit stark abnehmender Tendenz. Und Neuseeland hat, bis auf Missernteschäden, gar keine Fremdfinanzierung! Und die schicken uns aus dieser Entfernung Biolebensmittel in unsere Märkte, die auch noch bezahlbar sind.
"Der Bauer als Erfinder: Neuseeland lebt ganz ohne Subventionen", diepresse.com, 30.05.14

Nein nein, wenn schon Veränderungen, dann bitte an den Ursachen ansetzen und nicht an den Wirkungen. Das haben die Bauern nicht verdient.
"Denk ich an Deutschland in der Nacht, so bin ich um den Schlaf gebracht."
Der Bauernverband tut ja alles dazu, dass aus den Bauern Unternehmer im großen Stil werden. Die kleinen Bauern bleiben immer mehr auf der Strecke. Das liegt einfach daran, dass die Subventionen sich an der Betriebsgröße orientieren und nicht am gesellschaftlichen Nutzen unter Berücksichtigung der Umweltbelastung. Die Folgen sind immer größere Monopolbetriebe in Gebieten, die günstig für die Landwirtschaft sind. Dagegen setzt sich das Bauernsterben in den Mittelgebirgen fort. Aber gerade da wäre die Landwirtschaft wichtig, um durch Landschaftspflege ( Streuobstwiesn, kein Zuwachsen der Wiesen, etc.) die Kulturlandschaft zu erhalten und um regionale Landwirtschaftsprodukte zu erzeugen.
Um das zu erreichen, sind auch ungewöhnliche Mittel angebracht.