Musical: Heidi tollt durch die Luisenburg

Auf den Bergen wohnt die Freiheit, und auf der Alm gibt’s keine Sünd’. Kleinere und größere Sünder gibt es dort schon, aber letztlich hat jeder einen guten Kern. Noch gesünder als von Wurst und Käse lebt man hier von der guten Luft und vom Schein der Sonne, die zur Eröffnung des Luisenburg-Festspielsommers wiederholt auch aus dem Fichtelgebirgshimmel lachte. Mitleid verdiente auf der Naturbühne allenfalls eine blinde Alte, für die es „nie wieder hell“ wird. Oder vielleicht doch? Heidi, Titelheldin des am Mittwoch uraufgeführten Familienstücks, bringt wie ein Wunderkind Licht noch in verschattete Seelen.

„Das“ Heidi, wohlgemerkt: So sagt man in der Schweiz. Dort erfand die Schriftstellerin Johanna Spyri mit dem unbedarften Mädel vor bald 140 Jahren eine der bis heute populärsten Kinderbuch-Gestalten der Weltliteratur. Mittlerweile muss einem Heidi wie aus der Zeit gefallen erscheinen: so rein wie ihre unversehrte Umwelt, arglos wie ein Geißlein, unverdrossen lieb. Heutzutage kommt ein Kind von solchem Schlag schwerlich auf Spielstraßen und Schulhöfen durchs Leben. Aber Maria Kempken, hüpfend wie ein Ball, wirbelnd vor Lebenslust, besinnt sich auf die verträumten Tugenden eines Engels auf Erden – und gewinnt die kleinen jubelnden Premierenbesucher restlos für sich.

Das niedliche Naturkind

Auch Regisseurin Eva-Maria Lerchenberg-Thöny – die das Stück unterm Pseudonym Eva Toffol selbst schrieb – mag nicht am Nimbus des niedlichen Naturkinds kratzen. Allerliebst soll es die Herzen durch Herzigkeit erobern, und man staunt fast, dass es gelingt. Mit der Verspieltheit einer Unschuld vom Lande steckt die junge Aktrice quirlig Thomas Zigon als großäugigen, breit lächelnden Geißenpeter an, ebenso ihren Großvater, den Alm-Öhi, der sich bei Paul Kaiser knorrig hinter Griesgrämigkeit verschließt, um sich der energischen Enkelin bald umso inniger zu öffnen.

Graubünden in der Luisenburg

Der Stoff aus Graubünden passt in die Felsen der Luisenburg. Um zu erfahren, dass sie ins Gebirge gehört, muss Heidi indes im fernen, dunklen Frankfurt an Heimweh erkranken. Alles, was sich bildungsfern in Bergwelt abspielt, bietet die märchenhaft schöne Aussicht auf eine heile Welt. Die Großstadt hingegen sieht in der verwandlungsfähigen Ausstattung von Jörg Brombacher (Bühne) und Eva Praxmarer (Kostüme) düster aus: ein Gefängnis für freudlos Getriebene, enger Ort des Zwangs. Feldwebelstreng gebietet hier Fräulein Rottenmeier – Gudrun Schade als Giftspritze im Fischbeinkorsett – über einen treuherzigen Diener (Vladimir Golubchyk), ein zickiges Stubenmädchen (Verena Kollruss), einen überforderten Hauslehrer (Bernhard Meindl).

Die Regisseurin überspitzt den behaupteten Gegensatz zwischen Zivilisation und unberührtem Paradies – ein nicht mehr zeitgemäßer Bruch. Eine Brücke zwischen Idylle und Unterwelt bauen tierisch verkappte Kinderdarsteller: Fünf possierliche Geißen in Lederhosen und Karohemden springen über Stock und Stein; in Frankfurt ist ein graues Kätzchen zu sehen.

In der Höhe liegt die Heilung

Am Ende versammeln sich Oben und Unten, die freien Bergler und die erlösungsbedürftigen Gäste aus der Niederung, auf der Alm des Alm-Öhis zu Gesang und Tanz; denn die Produktion gilt als Musical – mit Musette- und auch schon mal balkanisch anmutender Musik von Haindling. Dazu eine Choreographie mit stampfenden Schrittfolgen. Ein Versöhnungstanz; auch das fragilste Wesen der Aufführung nimmt daran teil: Carolin Waltsgott als kindlich-kleine Klara, magnetisch in ihrer Ausstrahlung aufs anteilnehmende Gemüt. An den Rollstuhl ist die Ärmste gefesselt, doch selbst für sie hält die Bergwelt Befreiung bereit: Das verkümmerte Stadtkind erhebt und bewegt sich auf immer festeren Beinen, wunderbar genesen an Heidis Wärme und Mutter Natur.

Beim Schlussapplaus verbeugt sich dankbar auch die zuvor blinde Alte: Uschi Reifenberger, jetzt mit offenen Augen, sozusagen sehend geworden. Ein Wunder kommt selten allein.

INFO: Nächste Vorstellung: Sonntag, 15 Uhr.

Nicht bewertet

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