Laufenberg-Kritik: Der Kritiker antwortet

Zeigt es doch, dass der Regisseur seine eigenen Ideen für nicht stark genug hält, für sich selbst zu sprechen, wenn er es für nötig erachtet, ihnen jetzt zu Hilfe zu eilen. Uwe Eric Laufenberg, der bei den diesjährigen Bayreuther Festspielen den „Parsifal“ inszenierte, ist aber natürlich zu schlau, um sich ohne Not dabei erwischen zu lassen.

Das ging nach hinten los

Auf sich sitzen lassen wollte er das, was die versammelten Opernkritiker danach über seinen „Parsifal“ schrieben, aber auch nicht. Und deshalb ist sein Text, der am Dienstag auf dem Online-Feuilletonportal nachtkritik.de erschien, nicht nur Verteidigungsrede. Sondern vor allem ein Gegenangriff. Einer, der nach allen Seiten losgeht. Und leider vor allem: nach hinten.

Kritiker seien "Schnellvernichter"

Laufenberg nennt seine Kritiker „Schnellvernichter“, „große Teile des etablierten Feuilletons“ hätten sich „in ein geschlossenes System begeben, das die unvoreingenommene Betrachtung eines Theater- oder Opernabends nicht mehr zulässt“. Anstatt das Gezeigte wahrzunehmen, weiterzudenken und zu kritisieren, werde „mit übelsten Beleidigungen draufgehauen“, wenn das Gesehene nicht ein intellektuell entwickeltes oder ästhetisch festgezurrtes Konzept anbiete.

Eine Oper, die auf der Bühne tatsächlich am vom Komponisten vorgeschriebenen Schauplatz spielt, werde von deutschen Kritikern grundsätzlich verrissen. Der Kollege der New York Times hätte den „Parsifal“ schließlich gut gefunden.  Man müsste dazu eigentlich nicht mehr sagen als: Oh je.

Denn natürlich hat Laufenberg Recht. Ein intellektuell entworfenes, ästhetisch festgezurrtes Konzept, das nicht nur schön gedacht ist, sondern auch auf der Bühne funktioniert, ist nicht die allein seligmachende Methode, eine Oper auf die Bühne zu bringen. Es hätte bei diesem „Parsifal“ aber tatsächlich entscheidend weitergeholfen.

Warum bricht er nicht aus?

Das deutsche Feuilleton, so Laufenberg weiter, fordere die komplette Übermalung des eigentlichen Werks, das Stück dürfe nur Anlass sein, nicht eigentlich vorkommen, „mein größtes Bedürfnis“, schreibt Laufenberg, „ist es, daraus auszubrechen“. Allein, selbst wenn er mit allem Recht hätte: Er bricht nicht aus. Warum bricht er nicht aus? Der Abend, um den es hier geht, hätte ein so guter Abend werden können, wäre er nur ausgebrochen.

Einfache Lösung für komplexe Fragen

Stattdessen probierte er genau das, woraus er nun seinen Vorwurf münzt: Er übermalt das Werk mit seiner eigenen Lesart, sehr komplexe Fragen mit sehr einfachen Lösungen zu bedenken, die alle nicht recht zusammenpassen. Wie schade.

Die Bayreuther Festspiele sind, zumindest dem eigenen Anspruch nach, die Champions League im Opernbetrieb. Der künstlerische Kurs, den ihre Intendantin Katharina Wagner mit Blick auf die Regie verfolgt, ist fokussiert auf attraktive Namen (Barrie Kosky, Neo Rauch, Jonathan Meese, Wim Wenders) oder vielversprechende Jungstars (Jan Philipp Gloger, Tobias Kratzer).

Erwartungen waren hoch

Dass da die Erwartungen hoch liegen an die Arbeit eines gefeierten Theaterroutiniers, zumal der freilich weder zum einen noch zum anderen Lager zählt und mit Vorab-Interviews nicht gerade geizig war, liegt auf der Hand. Und sie hätten ohne die Islamkritik-Debatte und die Interviews nicht wesentlich niedriger gelegen. Anstatt ihnen zu begegnen, wirft Laufenberg seinem Vorgänger Stefan Herheim „historische Puppenspiel-Taschentricks“ vor, „nur keine Wirklichkeiten, das wäre peinlich“, die Handschrift des Kollegen Frank Castorf sei „durch Jahrzehnte lange Anwendung hinlänglich bekannt und langweilt inzwischen“, Christoph Schlingensief habe das Werk übertüncht und überschrieben, anstatt es zu inszenieren. Souveräner wirkt Laufenbergs Haltung dadurch nicht.

Ob gut oder schlecht entscheidet sich auf der Bühne

Natürlich hätten die Kritiken freundlicher ausfallen können. Gleichzeitig hätte die Inszenierung besser sein können. Und ob eine Inszenierung gut ist oder nicht, entscheidet sich - Vorsicht, Binsenweisheit - nicht im Feuilleton, weder auf nachtkritik.de noch in diesem, sondern auf der Bühne. Und eine Opernkritik kann nie mehr sein als ein Gutachten darüber. Die Gutachten über den Premierenabend fielen dabei gar nicht so einstimmig aus, wie Laufenberg behauptet. Aber doch recht eindeutig. Und natürlich kann man es unfair finden, dass die Schönheit der Ideen so gar nichts gilt, solange sie sich nur in Vorab-Interviews, Pausengesprächen und klugen Texten im Programmheft erschließt.

Es ist nicht allzu viel versucht worden

Entscheidend ist die Aufführung, die Zeit zwischen dem ersten und dem letzten Ton; entscheidend ist die Antwort auf die doppelte Frage: Was ist versucht worden, und inwieweit ist es gelungen. Und zwar nicht im Kopf des Regisseurs. Sondern in der Wahrnehmung jedes einzelnen Zuschauers, an diesem Abend. Und für den Premierenabend kann man festhalten: Es ist, was die Inszenierung betrifft, nicht besonders viel gelungen. Allzu viel ist aber auch gar nicht versucht worden.

 

 

Die Vorgeschichte:

 

 

Festspiele: Laufenberg teilt aus

Schick kritisiert Parsifal

Was Kritiker zum Parsifal sagen

Pausen-Umfrage zur Eröffnung: Parsifal zu brav

"Parsifal": Die Sache mit der Islam-Kritik

 

Hier lesen Sie Florian Zinneckers Premieren-Kritik:

Flach und belanglos

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Kommentare

Ich selbst verfolge regelmäßig die Berichterstattung zu den Bayreuther Festspielen und bin doch meist über die oft negativen Premierenkritiken überrascht, so dass ich geneigt bin, Herrn Laufenberg in seiner Kritikerschelte grundsätzlich zuzustimmen.
Ich selbst besuche die Bayreuther Festspiele regelmäßig schon seit 1988 und hatte die Gelegenheit, die Parsifal-Vorstellung am 06.08.2016 genießen zu dürfen, wobei mich die Aufführung von der ersten bis zur letzten Minute gefangen genommen hat.
Von den Parsifal-Aufführungen, die ich jedenfalls bislang gesehen habe (u.a. Hannoversche Staatsoper, Oper Köln und auch bei den Bayreuther Festspielen 1996) kann ich sagen, dass dies die Inszenierung gewesen ist, die mich bislang am meisten sowohl musikalisch als auch inszenatorisch überzeugt hat.
Sicher gab es die eine oder andere Szene, über die man hätte diskutieren können (z.B. der Untergang des Klingsor-Schlosses, welcher durch die herabfallenden Kreuze dargestellt wurde), aber in seiner Gesamtheit wurde das Werk spannend und in sich schlüssig unter aktuellem Realitätsbezug wiedergegeben, der (zumindest war das bei mir der Fall) zum Nachdenken angeregt hat.
Sicher kann man die Kritiker-Kritik von Herrn Laufenberg als nicht sonderlich souverän bezeichnen, aber darauf mit einer erneuten mehrspaltigen Kritik zu antworten, in der eigentlich nichts ausgesagt wird, erweckt in mir jetzt jedoch den Eindruck, als wenn sich zwei Kinder über ein Thema streiten, bei dem jedes Kind Recht haben will.
In Bayreuth hat es halt die Eigenart, dass eine neue Inszenierung häufig negativ beurteilt und deren wirkliche Bedeutung erst in den Folgejahren erkannt wird. Ich wünsche mir, dass es sich hoffentlich auch mit dieser Parsifal-Inszenierung so verhalten wird.
Was die anfänglichen häufig negativen Kritiken anbelangt, wäre es vielleicht mal ganz hilfreich, dass sich die Kritiker selbst mal als Regisseur versuchen würden um so ein Werk wie Parsifal auf die Bühne zu bringen. Ich wäre jedenfalls mal auf das Ergebnis gespannt.
Sehr schön gesagt!
Große Zustimmung vor allem zu "In Bayreuth hat es halt die Eigenart, dass eine neue Inszenierung häufig negativ beurteilt und deren wirkliche Bedeutung erst in den Folgejahren erkannt wird."
Das ist nun wirklich über die Jahrzehnte eher die Regel als die Ausnahme - und zieht sich in unserer Stadt durch alle Lebensbereiche ;-)
Montag, 13. November 2017 - 11:06